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30.05.2012

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Facebooks neue Features: Her mit dem ganzen Leben!
Facebooks neue Features

Her mit dem ganzen Leben!

Facebook steht vor dem Facelift: Neuheiten wie die "Timeline" verändern das Aussehen des weltweit größten sozialen Netzwerks radikal. Für die User wird sich vieles verändern. Für das Netzwerk geht es aber nur um eines: neue Wege, an immer mehr User-Daten zu kommen.

Von Fabian Grabowsky, tagesschau.de

Die Geschichte des Lebens - auf nur einer Seite. Darunter will es Facebook-Chef Mark Zuckerberg dieses Mal nicht machen. Sein Netzwerk ist erst wenige Jahre alt und hat sich seitdem immer weiterentwickelt. Aber noch nie gab es für eine Neuerung so viel Aufmerksamkeit wie für das, was Facebook nun vorhat.

Das neue Wunderding heißt scheinbar bescheiden "Timeline". Bislang ist Facebook vor allem ein Medium im Jetzt. Die "Timeline" aber ersetzt die bisherige Pinnwand und geht radikal weiter: Sie verlässt das Jetzt. Hier können die Nutzer ihr gesamtes Leben präsentieren - wenn sie wollen, seit ihrer Geburt. Sie können ihren bisherigen Profilinhalten chronologisch übersichtlich Hochzeitfotos, Lebensweisheiten oder die Koordinaten eines Cafés hinzufügen, in dem sie vor Jahren ihren ersten Latte Macchiato getrunken haben.

Mark Zuckerberg (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Mark Zuckerberg hat mit der "Timeline" einiges vor: ...]
Mark Zuckerberg (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: ... Die User sollen dort ihr ganzes Leben darstellen.]
 

Die Nostalgie ist da - und attraktiv

Die Nostalgie soll bei Facebook Einzug halten. Und sie ist attraktiv: Tatsächlich hat die "Timeline" auch optisch fast nichts mehr mit dem bisherigen Profil zu tun, statt kleinteiliger Statusupdates gibt es großzügige Bilderflächen.

In der Facebook-Ursprungsversion habe der Nutzer das mitgeteilt, was er sonst in den ersten fünf Minuten eines Gesprächs erzähle, sagt Zuckerberg. Die aktuelle Version reiche für 15 weitere Minuten. Die "Timeline" aber entspreche Gesprächsstoff für Stunden.

"Gelungen, gut visualisiert und sexy"

Experten können diesen Enthusiasmus verstehen. ARD-Onlineexperte Jörg Schieb hält die "Timeline" für eine "gelungene und gut visualisierte Idee" und sogar einen "Schub für die Facebook-Attraktivität". Entgegen einer "gewissen Hysterie" in den Reaktionen sei den Nutzern wegen der großzügigen Optik erstens möglicherweise klarer als bisher, was alles in ihrem Profil stehe. Zweitens werde niemand gezwungen, seine Vergangenheit auszubreiten.

Auch Jo Bager von Heise lobt im Gespräch mit tagesschau.de: "Wenn man es unkritisch sieht: Das ist schon eine ganz spannende Sache, cool präsentiert und einfach zu navigieren." Mit einem Wort: "sexy".

Livestream aus dem Leben der "Freunde"

Die zweite wichtige Änderung: Facebook will pausenlos Aktivitäten seiner Nutzer anzeigen: Gehörte Musiktitel, Kommentare oder Einkäufe laufen dann per Livestream bei den "Freunden" ein. Sie werden auch per "frictionless sharing" von Apps von Facebook-Partner generiert - wenn einmal erlaubt, ohne, dass der Nutzer aktiv wird. Wem ein Song im Ticker seines Freundes gefällt, der kauft ihn schneller bei anderen Anbietern. Und Facebook verdient mit.

"Eine zweischneidige Sache", urteilt ARD-Experte Schieb. Facebook gewinne dadurch einen Haufen neuer Daten – "Das ist natürlich problematisch, und das muss man beobachten."

Qualität statt Quantität

Warum macht Facebook das? Viele Nutzer mögen die "Timeline" wie Zuckerberg  "pretty cool" finden, aber darum geht es Facebook letztendlich nicht. Was oft vergessen wird: Zuckerbergs Firma ist kein Allgemeingut, sondern ein Unternehmen mit 800 Millionen Nutzern, einem geschätzten Umsatz im ersten Halbjahr von 1,6 Milliarden US-Dollar und riesigen Erwartungen am Markt. Das Handelsgut sind Userdaten. Aber: Der Zuwachs an Usern könnte irgendwann versiegen. "Es gibt bei der Zahl der User so etwas wie eine natürliche Wand", vermutet Bager.

Möglicherweise geht es deswegen um mehr - um einen Paradigmenwechsel. Experten sind sich einig: Die Idee hinter dem massiven Ausbau ist, im Leben der Anwender noch viel mehr Raum einzunehmen und möglichst nicht nur zu ersten, sondern zur einzigen Anlaufstation im Netz zu werden. Facebook setzt auf mehr Informationen über seine Nutzer statt auf immer mehr Nutzer. Bei den Neuerungen erhoffe sich das Netzwerk einen "riesigen Datenschatz", meint Bager.

Facebook hofft zudem auf einen Kreislauf: Die User investieren viel Mühe in die Seite, beispielsweise mit ihren liebevoll illustrierte Lebensgeschichten. Und die der "Freunde" plus deren Aktivitäten gibt es obendrauf. Das alles zurückzulassen soll zu unattraktiv werden.

Kein Schlaftablettenmodus dank Google+

Tatsächlich ist ein Wechsel zur Konkurrenz nicht mehr so unwahrscheinlich. Googles Konkurrenzprodukt Google+ startete vor wenigen Monaten mit begeisterten Kritiken. Bislang hat Google+ mit 26 Millionen Nutzern nicht im Ansatz so viele wie Facebook - aber das muss nicht so bleiben. Auch wenn die jüngsten Projekte keine direkte Reaktion auf Google+ sind - Facebook reagierte zuletzt schon mit einer Abonnementfunktion und neuartigen Freundeslisten.

An Facebooks Premiumposition werde das trotzdem nichts ändern, meint ARD-Experte Schieb - für Google+ gehe es um einen "soliden zweiten Platz". Außerdem bewahre Google+  Facebook vor einem "Schlaftablettenmodus".

Und der Datenschutz?

Und was ist mit dem Datenschutz? Wie nicht anders zu erwarten war, kritisiert die deutschen Datenschützerschaft die Facebook-Neuerungen. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar sprach von einem weiteren Schritt hin zum "gläsernen Bürger". Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar mahnte, die Nutzer sollten sich "ernsthaft überlegen", bei der "Timeline" mitzumachen. Die Daten seien der Kontrolle entzogen. Aber auch in den USA gibt es Widerstand: Der gemeinnützige Forschungsverband EPIC forderte die Kartellbehörde auf, Zuckerbergs Pläne zu prüfen.

Auch ARD-Experte Schieb meint: Facebooks Transparenzproblem bleibt der Knackpunkt. Weiter sei den Usern unklar, was mit den Daten auch gelöschter Accounts passiere. Die "Timeline"-Diskussion sei da weniger entscheidend. Der Fall eines Wiener Studenten, der die Herausgabe sämtlicher Facebook-Daten über ihn erstritt und Nachahmer finden könne, bereite dem Netzwerk wohl eher Magenschmerzen. Denn die Daten aus dessen Facebook-Leben passten nicht im Ansatz auf eine einzige Seite.

Stand: 21.10.2011 11:13 Uhr
 

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