Der türkische Präsident Erdogan | Bildquelle: AFP

Krisenanzeichen mehren sich Wohin steuert Erdogan die Wirtschaft?

Stand: 10.07.2018 05:01 Uhr

Bisher ist es der Türkei vor allem mit Großprojekten gelungen, beachtliche Wachstumszahlen vorzulegen. Experten bezweifeln aber, dass sich das beliebig fortführen lässt. Klar ist, dass der neu vereidigte Präsident Recep Tayyip Erdogan nun handeln muss.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Recep Tayyip Erdogan will seine neue Macht nutzen, um den Staat gründlich umzubauen: "Ministerien, Institutionen und Anstalten werden restrukturiert, damit sie besser und efektiver als bisher im Dienste des Volkes stehen. Selbstverständlich wird die Etablierung dieses Systems eine bestimmte Zeit in Anspruch nehmen."

Davon soll auch die Wirtschaft profitieren. Doch es droht ein Rennen gegen die Zeit und gegen die Kräfte des Weltmarktes. Dabei kann sich das Wirtschaftswachstum zumindest auf dem Papier sehen lassen: 7,4 Prozent im vergangenen Jahr und ebenso 7,4 Prozent im ersten Quartal 2018.

Doch die Zahlen täuschen, sagt der Istanbuler Ökonom Artunc Kocabalkan. Die Wirtschaft sei vor allem durch staatliche Investitionen gewachsen, vor allem durch Infrastruktur-Projekte. Aber solche Brücken, Straßen und Tunnel schafften kaum Mehrwert für die Wirtschaft. "Wenn Sie mich fragen, ist das türkische Wachstumsmodell falsch. Das Argument, die Baubranche sei die treibende Kraft der türkischen Wirtschaft... also Entschuldigung, aber das ist Quatsch", sagt er.

Ein schlechtes Geschäft für den Staat

Realisiert werden diese Projekte nach dem Grundsatz "Baue, betreibe, übergebe". Private Konsortien bauen etwa eine Brücke, kassieren 25 Jahre lang die Maut und übergeben das sanierungsbedürftige Bauwerk dann an den Staat. Fahren aber beispielsweise weniger Autos als erwartet über die Brücke, springt der Staat ein und zahlt die Differenz zu den kalkulierten Einnahmen.

Den neuen Autotunnel unter dem Bosporus nutzen statt angenommenen 25 Millionen Autos weniger als zehn Millionen. Ein schlechtes Geschäft für den Staat, sagt Artunc Kocabalkan und trotzdem alternativlos. Das komplette Risiko gehe von den privaten Unternehmen auf den Staat über. "Allerdings muss der Staat dies gerade tun", meint er. "Denn die Zahnräder müssen sich drehen, die Konjunktur muss in Gang bleiben."

Diesem Ziel dient auch der staatliche Kreditgarantiefonds. Gegründet wurde das Instrument 1993. Banken werden dadurch ermuntert, Unternehmern billige Kredite zu geben. Sollten die Unternehmer die nicht zurückzahlen können, springt der Staat ein.

2014 wurde der Fonds noch einmal kräftig aufgepumpt. Seitdem sind laut Angaben der Zeitung "Cumhuriyet" rund eine halbe Millionen Firmen Pleite gegangen.

Container stehen im Hafen von Izmir. | Bildquelle: dpa
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Die Wachstumsraten sind weiter beeindruckend - doch die türkische Wirtschaft steht laut Experten vor Problemen.

Die Lira stürzt ab

Dazu hat auch der massive Wertverfall der Türkischen Lira (TL) beigetragen. Gab es vor einem Jahr für einen Euro 3,30 sind es nun schon 5,30 TL. Die Inflation sprang im Juni auf rund 15 Prozent. Mit ihren zögerlichen Zinserhöhungen ist es der Notenbank allenfalls gelungen, den Wertverlust zu verlangsamen. Um die Währung zu stützen wäre eine Wirtschaftspolitik nötig, die nicht mehr auf Wachstum um jeden Preis setzt, sagt Wirtschaftsexperte Kocabalkan: "Die Kommunalwahlen stehen bevor. Deshalb kann die Regierung das Wachstum nicht zu sehr bremsen und Einsparungen vornehmen. Eine schwierige Phase für die Türkei."

Mit der Berufung von zwei Neulingen als Ministerin für Handel sowie als Minister für Industrie und Entwicklung dürfte Erdogan potentielle Investoren eher verunsichern. Zumal die internationalen Partner der Türkei mit dem Finanzfachmann Mehmet Simsek einen kompetenten und zuverlässigen Ansprechpartner verlieren. Trotzdem ist sich  Ökonom Kocabalkan sicher: "Die Regierungschefs der EU sind ja nicht dumm. Auch wenn sie vor den Wahlen auf Erdogan herumgehackt haben - jetzt werden sie mit ihm klarkommen müssen. Also, was jetzt? Sagen, mit dem spiele ich nicht? Ich ignoriere die Türkei?"

Trotz gefährlichem Außenhandelsdefizit, hoher Inflation und Arbeitslosigkeit - die seit zwei Jahren von zahlreichen Experten prognostizierte große Wirtschaftskrise ist bisher ausgeblieben. Kommt sie jetzt? Kocabalkan ist da keineswegs sicher: "Ja, die türkische Wirtschaft hat Probleme. Aber es ist der Türkei immer wieder gelungen, ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern."

Wohin steuert Erdogan die türkische Wirtschaft?
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
10.07.2018 06:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Juli 2018 um 05:50 Uhr.

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