Interview

Verwaltungshochhause von Eon

E.ON künftig ohne Atom, Kohle und Gas "Das ist die neue Energiewelt"

Stand: 01.12.2014 15:49 Uhr

Der größte deutsche Energiekonzern steht vor dem Totalumbau. ARD-Energieexperte Jürgen Döschner erklärt, warum dieser Schritt für E.on womöglich zu spät kam, wie das Unternehmen in Zukunft Geld verdienen will und wer die Folgekosten für den Atomausstieg übernimmt.

tagesschau.de: Das bisherige Geschäftsmodell werde den Anforderungen nicht mehr gerecht, es brauche einen "mutigen Neuanfang" - so begründet E.ON seinen Konzernumbau. Warum hat der Konzern die Entscheidung gerade jetzt getroffen?

Jürgen Döschner: E.ON konnte und wollte nicht länger warten. Das Unternehmen ist mit der Entscheidung schon spät, wenn nicht gar zu spät dran. Die Entwicklung auf den globalen Energiemärkten ist in den vergangenen Jahren rasant vorangegangen, das sagt Unternehmenschef Johannes Teyssen selbst.

Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen sind wesentlich preiswerter und effektiver geworden - und das viel früher, als man dachte. Teyssen hat darauf hingewiesen, dass im Energiebereich nirgends so viel investiert wird wie bei den erneuerbaren Energien, und zwar weltweit. Es gibt bereits Bereiche, die günstiger sind als konventionelle Stromerzeugung. Zum Beispiel Windenergie auf dem Festland.

Der E.ON-Konzern

Der größte deutsche Energiekonzern E.ON gehört zu den umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland. Im vergangenen Jahr setzte das Düsseldorfer Unternehmen 122 Milliarden Euro um, der Gewinn lag allerdings nur bei rund 2,5 Milliarden Euro. Auf E.ON lastet ein Schuldenberg von rund 31 Milliarden Euro.

Weltweit arbeiten etwa 60.000 Menschen für den Konzern, in Deutschland sind es 30.000. Weltweit insgesamt rund 20.000 Menschen sind in den Bereichen Exploration und konventionelle Energieerzeugung beschäftigt, die abgespalten werden sollen. Der Konzern versorgt insgesamt rund 33 Millionen Strom- und Gaskunden, in Deutschland gut sechs Millionen.

E.ON entstand im Jahr 2000 aus der Fusion der beiden Mischkonzerne VEBA und VIAG. Später vergrößerte sich das Unternehmen durch den umstrittenen Zukauf von Ruhrgas. 2007 scheiterte die Übernahme des spanischen Energiereisen Endessa. E.ON sah sich mehrfach Vorwürfen der Preisabsprache ausgesetzt, auch die EU-Kartellwächter brachten eine Aufspaltung des Unternehmens ins Spiel. 2009 wurden mehrere Auflagen verhängt.

Seit der Energiewende 2010 setzt Konzernchef Johannes Teyssen auf eine Umstrukturierung. E.ON solle mehr in ausländischen Märkten wachsen und auf erneuerbare Energien setzen. Strittig bleibt die Frage der Kosten für das Ende der Atomkraft. Das Unternehmen hat dafür 14,5 Milliarden Euro bereitgestellt. Wegen des Moratoriums nach Fukushima verklagte E.ON die Bundesregierung auf Schadenersatz in Milliardenhöhe.

tagesschau.de: Wie stark ist E.ON denn bei erneuerbaren Energien?

Döschner: E.ON hat wie andere Großkonzerne auch an der erneuerbaren Energie nur einen ganz geringen Anteil. In Deutschland kommt Ökoenergie insgesamt auf einen Marktanteil von 25 Prozent. E.ON, EnBW und Vattenfall zusammen halten daran aber lediglich zwischen ein und zwei Prozent. Anders gesagt: Man hat erhebliche Marktanteile verloren.

"Ein Konzern, der Geld verdient wie ein Häuslebauer"

tagesschau.de: Womit wird das Unternehmen künftig Geld verdienen? 

Döschner: E.ON wird gewissermaßen zu einem grünen Stromkonzern werden. Dieses Unternehmen soll so Geld verdienen, wie das Tausende von Häuslebauern und Genossenschaften bereits machen: Es soll erneuerbare Energien aufbauen. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das ist die "neue Energiewelt", ein Begriff, den früher nur Kritiker der Stromkonzerne verwendeten. Jetzt gebraucht ihn E.ON-Chef Teyssen selbst.

tagesschau.de: Was gehört noch zu E.ONs "neuer Energiewelt"?

Döschner: E.ON will sich künftig auf drei Säulen stützen, zum Ausbau der erneuerbaren Energie kommen zwei weitere: Netzausbau und neue Netzdienstleistungen, Stichwort „intelligente Netze“. Damit soll künftig auch dezentral Strom eingespeist werden, eine Grundvoraussetzung für die Energiewende. Dazu kommen Kundenservice und Dienstleistungen im Haus. Kunden sollen zum Beispiel Licht und Rollos von unterwegs steuern können. Wir kennen das bereits von RWE mit "Smart Home".

Claudia Kemfert, DIW, zum Radikalumbau beim Energiekonzern E.ON
tagesschau24 13:30 Uhr, 01.12.2014

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tagesschau.de: Warum verdient E.ON kein Geld mehr mit der konventionellen Energieerzeugung? 

Döschner: Der Ausbau der erneuerbaren hat den konventionellen Kraftwerkspark stark unter Druck gesetzt. In Deutschland gibt es erhebliche Überkapazitäten, Strom kann an der Börse meist nicht mehr so teuer verkauft werden. Der komplette Strommarkt ist auf den Kopf gestellt, weil neue Player eingedrungen sind. Jeder Häuslebauer, der sich eine Solaranlage aufs Dach setzt, ist ein Mitkonkurrent von E.ON oder RWE geworden.

tagesschau.de: Jahrelang hieß es, die Atomkraftwerke seien reinste Gelddruckmaschinen, sobald sie abgeschrieben sind, also die Finanzierungskosten gedeckt wurden. Sind sie nicht gerade jetzt rentabel?

Döschner: Die Atomkraft ist stark unter Druck. In Deutschland wurde der Ausstieg bereits politisch beschlossen, in anderen Ländern gibt es ähnliche Tendenzen. Zusätzliche Sicherheitsanforderungen haben den Betrieb extrem verteuert. Auch hier gibt es also eher ökonomische als ökologische Gründe, sich anderen Geschäften zuzuwenden.

"Ob die 'Bad Bank' Geld verdienen kann, ist fraglich"

tagesschau.de: Welche Risiken kommen auf E.ON durch den Atomausstieg zu?

Döschner: Mit dem Atomausstieg kommen völlig unbekannte Risiken auf die Gesellschaft zu. Rückbau und Endlagerung sind nicht nur technisch ein Problem, sondern auch finanziell eine große Unbekannte. Die Rückstellungen von jetzt 14,6 Milliarden Euro, bezogen auf die E.ON-Atomkraftwerke, werden nicht ausreichen, sagen viele Experten. Da gibt es schon die ersten Befürchtungen, dass E.ON mit dieser neuen Gesellschaft versucht, das Problem loszuwerden.

tagesschau.de: Hat der abgespaltene Bereich dann überhaupt eine Chance? 

Döschner: Manche sprechen ja davon, dass es so eine Art "Bad Bank" für Kraftwerke wird. Das wird die Zukunft zeigen müssen. Wenn man in einer Gesellschaft alle Kraftwerke versammelt, die bisher zu den Problembereichen gehörten, dann ist, glaube ich, die Hoffnung übertrieben, dass dieser Bereich auf Dauer wirtschaftlich arbeiten kann. Zwar wird das Unternehmen von allen Schulden freigestellt, aber es bleibt trotzdem das Sammelbecken der Problemkraftwerke.

tagesschau.de: Wer bezahlt dann die Folgekosten für den Atomausstieg?

Döschner: Wenn die neue Gesellschaft tatsächlich nicht wirtschaftlich arbeiten kann, insolvent wird und die Rückstellungen nicht ausreichen, dann stellt sich natürlich die Frage, wer für die zusätzlichen Kosten aufkommt. Im Zweifelsfall werden wir das sein, die Steuerzahler. Das muss sich aber erst zeigen, wenn tatsächlich 2016 der Schnitt vollzogen wird und die neue Gesellschaft an die Börse geht.

tagesschau.de: Werden die anderen großen Stromkonzerne, also RWE, EnBW und Vattenfall nachziehen?

Döschner: EnBW und Vattenfall sind schon mittendrin im Veränderungsprozess. EnBW versucht, sich zum grünen Konzern umzubauen. Vattenfall steigt aus der deutschen Kohleverstromung aus. Auch RWE wird an einer solchen Veränderung nicht vorbeikommen.

Interview: Michael Stürzenhofecker, tagesschau.de

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