E-Auto | Bildquelle: dpa

Bilanz der E-Autos Unterm Strich ein Klimasünder?

Stand: 03.11.2017 16:47 Uhr

Die Bundesregierung fördert sie mit einer Kaufprämie, Autokonzerne preisen sie als Zukunft der Mobilität an. Aber sind E-Autos tatsächlich so umweltfreundlich, wie gerne behauptet wird? Hier gibt es Zweifel.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Es gehört ein bisschen Glück dazu, im dichten deutschen Straßenverkehr ein Elektroauto zu erspähen. Zwar setzen Carsharing-Unternehmen in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Köln immer mehr auf elektrisch betriebene Fahrzeuge, doch gemessen an der Gesamt-Pkw-Flotte Deutschlands ist ihr Anteil immer noch verschwindend gering.

So fuhren laut Kraftfahrtbundesamt zu Jahresbeginn gerade einmal 55.000 Fahrzeuge mit einem Elektro- oder Plug-In-Hybridantrieb auf Deutschlands Straßen - bei insgesamt fast 46 Millionen Pkw. Selbst in den Großstädten spielen sie nur eine weit untergeordnete Rolle. Auf 100.000 Pkw kamen dort nur 193 E-Autos. Nicht viel, doch bedeutend mehr als auf dem Land. Die Auto-Nation Deutschland läuft Gefahr, den Anschluss an die Elektromobilität zu verlieren.

Gefloppte Kaufprämie

Ein Elektroauto lädt in Stuttgart (Baden-Württemberg) an einer Stromtankstelle. | Bildquelle: dpa
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Es fehlt an ausreichend Ladestationen.

Die Gründe dafür sind vielfältig. So sind derzeit nur wenige Modelle auf dem Markt, mit denen weite Strecken über mehrere Hundert Kilometer zurückgelegt werden können, ohne dass die Batterie des Fahrzeugs aufgeladen werden muss. Es fehlt an ausreichend Ladestationen, vor allem außerhalb der Städte, um Autos nach langen Fahrten erneut mit Energie zu versorgen. Und nicht zuletzt: E-Autos sind im Vergleich zu Benzin- und Dieselfahrzeugen noch spürbar teurer.

Zumindest diesem Problem wollte die Politik im vergangenen Jahr beikommen. Also führte sie den sogenannten Umweltbonus ein - eine Prämie, die potenzielle Autokäufer von den Vorteilen eines Elektromobils überzeugen sollte.

600 Millionen Euro stellte die Bundesregierung damals bereit. Genug, um mindestens 300.000 Kunden finanziell unter die Arme zu greifen, so die Zielsetzung der schwarz-roten Koalition. Doch die Prämie entpuppte sich als Flop. Bis Ende Oktober wurden insgesamt gerade einmal 37.697 Anträge gestellt. Kein Wunder, dass heute niemand mehr vom erklärten Ziel der Bundeskanzlerin spricht, bis 2020 eine Million Fahrzeuge mit Elektroantrieb auf Deutschlands Straßen zu bringen.

Saubere Technik, dreckiger Strom?

Angela Merkel hatte diese Zahl bereits vor fünf Jahren ausgegeben. Die E-Autos sollten einen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele der Bundesregierung leisten, indem sie dreckige Verbrennungsmotoren von den Straßen verdrängen. Doch mittlerweile stellen immer mehr Experten in Frage, ob elektrisch betriebene Autos per se besser für die Umwelt sind als ihre herkömmlichen Alternativen.

Ernst Ulrich von Weizsäcker | Bildquelle: picture alliance / Frank May
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Das Elektroauto sei "beim heutigen Energiemix eher klimaschädlicher als der Verbrennungsmotor", so Ernst Ulrich von Weizsäcker.

Warnungen kamen zuletzt auch aus einer unerwarteten Ecke. Das Elektroauto sei "beim heutigen Energiemix eher klimaschädlicher als der Verbrennungsmotor", warnte der Präsident des auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker, in der "Heilbronner Stimme".

Tatsächlich ist Deutschlands Strom heute noch alles andere als sauber. Rund ein Drittel der in Deutschland verbrauchten Energie kommt bislang aus erneuerbaren Quellen. Der Rest kommt aus anderen Quellen - unter anderem Kohlekraftwerken, die insgesamt rund 40 Prozent des deutschen Stroms liefern. Trotzdem liegen die E-Autos auf den ersten Blick in puncto Umweltfreundlichkeit vorne, was ihren Schadstoffausstoß pro Kilometer angeht. So erzeugt ein Elektro-Golf durchschnittlich 67 Gramm Kohlendioxid (CO2) pro gefahrenem Kilometer. Bei einem Diesel-Golf liegt dieser Wert selbst im Labor bei 106 Gramm.

Aufwendige Produktion

Dieser Vergleich allein sagt jedoch nicht viel über die ökologische Gesamtbilanz eines Fahrzeugs aus. Denn E-Autos verbrauchen gerade in ihrer Herstellung viele Ressourcen. US-Forscher berechneten im Jahr 2015, dass beim Bau eines elektrisch betriebenen Fahrzeugs im Schnitt acht Tonnen CO2 entstehen. Bei einem vergleichbaren Benziner fielen hingegen nur sieben Tonnen an.

Der Grund dafür ist das Herzstück jedes E-Autos: Die Batterie. Für die Produktion der Akkus werden deutlich mehr Metalle gebraucht als für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Zudem gilt die Faustregel: Je größer der Akku, desto höher der Materialverbrauch. Trotzdem geht der Trend derzeit zur größeren Batterie. Denn je größer der Akku, desto mehr Strecke kann ein E-Auto zurücklegen. Und Distanz ist immer noch das entscheidende Verkaufsargument.

Auftakt für Ladenetz

Das von der Autobranche geplante europaweite Ladenetz für Elektrofahrzeuge soll bis Jahresende Gestalt annehmen. Bis dahin werde der Aufbau der ersten 20 von insgesamt 400 geplanten Schnellladestationen an Autobahnen und anderen Hauptverkehrsachsen in Deutschland, Norwegen und Österreich beginnen, teilten BMW, Daimler, Ford und Volkswagen mit. Bis 2020 sollen dann alle 400 Ladestationen stehen. Die Stationen sollen jeweils etwa 120 Kilometer voneinander entfernt liegen und über mehrere Ladesäulen verfügen.

Das eigens für den Aufbau des Netzes gegründete Unternehmen heißt Ionity. Sitz ist München, wo zunächst etwa 50 Mitarbeiter beschäftigt werden sollen.

Klimasünder Tesla?

Was das in der Praxis bedeuten kann, hat die schwedische Energieagentur kürzlich ausgerechnet. Sie verglich die Klimabilanz eines Tesla S mit der eines Autos mit herkömmlichen Verbrennungsmotor. Bei der Produktion allein des E-Auto-Akkus entstehen demnach rund 17,5 Tonnen CO2. Ein Diesel-Kleinwagen oder ein vergleichbarer Benziner könnten wohl rund acht Jahre fahren, bis sie so viel Klimagas ausgestoßen haben, wie bei Tesla allein für die Produktion der Batterie anfallen.

Tesla | Bildquelle: AFP
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E-Mobilitäts-Vorreiter Tesla: Heimlicher Klimasünder?

Das klingt vernichtend, doch ganz so einfach ist es auch diesmal nicht: So verzichteten die Schweden darauf zu berechnen, wieviel CO2 bei der Herstellung des Diesel-Fahrzeugs anfallen würde. Auch hat Tesla angekündigt, seine Batterien künftig klimaneutral herzustellen. Und: Nicht jedes E-Auto ist ein schwerer Tesla. Bei kleineren Wagen wie etwa dem Nissan Leaf fallen deutlich weniger Tonnen CO2 in der Produktion an, so die Schweden.

Trotzdem: Angesichts dieser Ergebnisse machen sich durchaus Zweifel an der Ökobilanz von E-Autos breit. Sie sei "nur bei entsprechenden Nutzungsbedingungen umweltfreundlicher" als die von konventionell angetriebene Fahrzeugen, so Roberta Graf vom Fraunhofer-Institut. Werde es "angemessen" genutzt, punkte es ökologisch jedoch in vielerlei Hinsicht - vor allem wenn es intensiv genutzt wird. Laut Berechnungen des Instituts müsse ein Elektroauto bei der derzeitigen Stromzusammensetzung in Deutschland rund 60.000 Kilometer fahren, um "einen ökologischen Vorteil gegenüber einem Benzinfahrzeug aufzuweisen". Dies entspreche etwa der Laufleistung heutiger Modelle. Unterm Strich liegen die E-Autos also vorne - zumal die rohstoffintensiven Akkus in den nächsten Jahren Branchenangaben zu Folge kleiner und leistungsstärker werden dürften - und damit umweltfreundlicher.

Umweltschützer halten E-Autos deshalb für unverzichtbar, um das Klima auf dem Planeten zu verbessern. In der Summe sei die Klimabilanz eine Elektrofahrzeugs bereits heute deutlich besser als die eines Pkw mit Verbrennungsmotor, so das Öko-Institut und rechnet vor: "Ersetzt man ein mittleres Dieselfahrzeug mit einer Lebenslaufleistung von 180.000 Kilometern durch ein vergleichbares Elektroauto, so spart man über die gesamte Lebensdauer des Fahrzeugs etwa ein Drittel der Treibhausgasemissionen ein. Das entspricht zwölf Tonnen CO2-Äquivalenten."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. November 2017 um 17:00 Uhr.

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