Draghi

Mario Draghi im Porträt Römisch, preußisch, unabhängig

Stand: 24.06.2011 15:59 Uhr

Ein Italiener auf dem Chefsessel der EZB? Das wollte die Bundesregierung noch im Frühjahr verhindern. Dabei werden Draghi geradezu preußische Eigenheiten nachgesagt. Den Euro hat er mitkonzipiert, und für die Wirtschaftspolitik der italienischen Regierung hat Draghi nicht viel übrig.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Es gibt wohl kaum einen Kandidaten, der für dieses Amt besser qualifiziert ist als Mario Draghi. Er kennt alle Seiten des Bankengeschäfts. Er war Professor in Harvard, er hat Erfahrungen in der italienischen Regierung, bei der Finanzaufsicht, der Weltbank und in der Privatwirtschaft gesammelt.

Mario Draghi (r.) und Jean-Claude Trichet (l.)
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Vorgänger und Nachfolger: Mario Draghi (r.) folgt auf Jean-Claude Trichet (l.)

Angefangen hat diese steile Karriere in einem römischen Vorzeigeinstitut. Dem "Istituto Massimo", einer Schule, die von den Jesuiten betrieben wird. "Das waren exzellente Standards", erinnert sich Draghi, "gemeinsam mit der moralischen Botschaft, die den ganzen Tag bestimmte, den man in der Schule verbrachte. Die Botschaft, dass man alles so gut machen musste, wie man konnte. Dass Aufrichtigkeit sehr wichtig ist, und vor allem, dass jeder einzelne von uns auf irgendeine Weise besonders war."

Anders als die anderen

Das Besondere an Draghi? Vielleicht ist es seine extrem "unitalienische Art", Kollegen nennen ihn den "preußischen Römer". Draghi gilt als kühler Analytiker und als disziplinierter Banker. Er wurde als Chef des Finanzstabilitätsrats zu einem der Architekten einer künftigen Weltfinanzordnung.

Er blieb auch im Strudel der Griechenlandkrise ein überzeugter Verteidiger der Gemeinschaftswährung: "Der Euro hat unglaubliche Vorteile mit sich gebracht. Die meisten davon müssen noch genutzt werden. Diese Vorteile liegen direkt vor uns: Erstens eine außergewöhnliche Stabilität, zweitens die Zinsen. In Italien hat es selten so niedrige Zinsen gegeben."

Draghi ist einer der Geburtshelfer der Europäischen Gemeinschaftswährung. Für das italienische Finanzministerium arbeitete er an den Maastricht-Regeln mit. So wurde er zum Wegbereiter Italiens in die Eurozone.

Kanzlerin Angela Merkel und Mario Draghi am 16. Juni im Kanzleramt
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Spät erwärmt: Zunächst hatte Kanzlerin Merkel einen anderen Kandidaten als Draghi im Auge.

So gesehen war die Nominierung Draghis für den Chefposten bei der Europäischen Zentralbank durch Ministerpräsident Silvio Berlusconi keine Überraschung: "Wir wären sehr geehrt, wenn die Wahl Europas auf den Chef der Banca d’Italia fallen würde", sagte Berlusconi im Januar in Berlin nach einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Damals hieß es: Ausgerechnet ein Banker aus dem hoch verschuldeten Italien soll EZB-Chef werden?  Keine Sorge, für Draghi ist die Haushaltsdisziplin im Euro Raum ein fundamentales Prinzip. Das sagt er, wenn’s sein muss, auch seiner Regierung.

Schonungslose Analyse

Der 63-Jährige ist der Kandidat des italienischen Ministerpräsidenten, aber kein Mann Berlusconis. Mit der Wirtschaftspolitik der Regierung Berlusconi ging er in der Vergangenheit immer wieder hart ins Gericht: "In Italien stockt seit 15 Jahren das Wachstum. Damit die Wirtschaft wachsen kann, muss zu allererst das System effizienter werden. Italien schneidet in jedem  internationalen Vergleich als letzter ab, was die bürokratischen Hürden betrifft, vor allem jene für Unternehmer."

Immer wieder wird Mario Draghi als einziger Kandidat gehandelt, dem es gelingen könnte, Berlusconi ernsthaft gefährlich zu werden. Da ist bei vielen Berlusconi-Überdrüssigen der Wunsch Vater des Gedanken, denn bisher hatte Draghi keinerlei politische Ambitionen.

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