Auspuff bei einem Test | Bildquelle: dpa

Diskussion über höhere Besteuerung Klimaschutz geht ohne Diesel

Stand: 21.12.2015 21:14 Uhr

Verkehrsminister Dobrindt lehnt höhere Steuern auf Diesel ab - und verweist auf die CO2-Einsparungen moderner Dieselmotoren. Er macht sich damit eine fragwürdige und kaum haltbare Argumentation der deutschen Autoindustrie zu eigen.

Von Martin Gent, WDR-Wirtschaftsredaktion

Wer ein neues Diesel-Auto kauft, kann damit punkten - in der Kantine, am Stammtisch, auf der Party: Die ausgewiesenen Verbrauchswerte sind selbst für mächtige Dickschiffe erstaunlich niedrig und gelten als gesellschaftsfähig. Doch schon beim Blick aufs Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) schrumpft der Vorsprung des Diesels gegenüber den mit Superbenzin betriebenen Otto-Motoren. Pro Liter Kraftstoff pusten Diesel 13 Prozent mehr CO2 in die Luft als Benziner.

Tatsächlich arbeiten Dieselmotoren aus physikalischen Gründen besonders effizient. Doch die Behauptung, dass Klimaschutz nur mit Diesel-Autos möglich sei, ist verkürzt, wenn nicht sogar falsch. Erhellend ist der Blick in eine Studie des Forschungsinstituts ICCT. Das ist jene gemeinnützige Forschungsorganisation, die mit ihren Untersuchungen letztlich den VW-Skandal ins Rollen brachte.

Akribisch beschreiben die Experten, welche Fortschritte die Autokonzerne 2014 beim Klimaschutz machten ("Car manufacturers' performance in 2014").

Kein Beweis für "mehr Diesel gleich weniger CO2"

Der PSA-Konzern zeigt, dass der Dieselmotor ein Weg zu weniger CO2 sein kann. Autos von Peugeot und Citroën (Dieselanteil 63 Prozent) hatten 2014 mit durchschnittlich 110 Gramm CO2 pro Kilometer besonders niedrige Emissionen. Aber: Dicht dahinter liegt Toyota (113 Gramm CO2) mit nur 24 Prozent Dieselanteil. Überhaupt lässt sich in den Zahlen keinerlei Trend der Art "mehr Diesel gleich weniger CO2" ausmachen. Übliche Statistik-Werkzeuge legen sogar das Gegenteil nahe.

Nun kommt schnell der Einwand, dass man nicht Äpfel mit Birnen, also Kleinwagen mit ausgewachsenen Premiumautos vergleichen dürfe. Dass schwere Autos mehr Energie verbrauchen und damit auch mehr CO2 ausstoßen, ist in den EU-Klimaschutz-Vorgaben berücksichtigt.

Die Dickschiffe von Daimler und BMW sind im Schnitt 200 Kilogramm gewichtiger als das europäische Durchschnittsauto. Dafür wird den Herstellern der Luxuswagen - nach einer komplizierten Rechenformel - ein CO2-Bonus von ungefähr sieben Gramm gewährt. Ihr Ziel für 2021 lautet nicht 95, sondern 102 Gramm CO2 pro Kilometer im Flottenschnitt.

Deutsche Hersteller bilden Schlusslicht

Porsche und Mercedes sind die Schlusslichter im CO2-Ranking der Einzelmarken, BMW und Audi folgen mit geringem Abstand. Dass Klimaschutz auch in der Premiumklasse ganz ohne Diesel geht, zeigt die Toyota-Tochter Lexus. Die Luxusautos aus Japan haben allesamt Hybrid-Technik unter der Haube.

Während die Autoindustrie das 95-Gramm-Ziel als Riesenherausforderung darstellt, zeigt ein Blick in den "Leitfaden Kraftstoffverbrauch", dass es diese Autos längst gibt. Egal ob Benziner, Diesel, Gasauto oder Hybrid: Die besten zehn kommen jetzt schon locker unter 95 Gramm CO2 pro Kilometer. Niedrige CO2-Werte sind nicht nur mit Diesel zu schaffen.

Wenn Industrie und Verkehrsminister das Gegenteil behaupten, dürfte dahinter die Sorge um das Geschäftsmodell der deutschen Premiumhersteller stehen. Am liebsten verkaufen Mercedes, BMW und Audi große Limousinen, SUV und Crossover, gerne als Dienstwagen. "Geländewagen haben höhere Margen als andere Pkw", sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche kürzlich in einem Zeitungsinterview.

Mit dem Dieselmotor schien ein Kunststück zu gelingen: dick und nicht zu durstig. Nach dem ICCT-Papier kommen die Luxusmarken Mercedes, Audi und BMW auf Dieselanteile zwischen 70 und 78 Prozent. Zwar sind einzelne Modelle inzwischen alternativ auch als Hybrid zu haben. Doch nach den derzeitigen Plänen soll es auch 2021 noch jede Menge dicke Diesel geben. Eine gefährliche Strategie, mit der die Industrie möglicherweise direkt in die Sackgasse steuert. Denn auch weltweit gesehen bleibt der Diesel ein Exot. Nur in Europa und Indien hat er nennenswerte Marktanteile.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. Dezember 2015 um 14:30 Uhr.

Darstellung: