Deutsche Bank in Frankfurt am Main | Bildquelle: picture alliance / dpa

Finanzinstitut unter Druck Wackelt die Deutsche Bank?

Stand: 14.02.2016 11:15 Uhr

Wackelt die Deutsche Bank? Die Aktie im Sinkflug, die Gläubiger in Panik: Hinter der Deutschen Bank liegt die schlimmste Woche seit dem Finanzcrash 2008. Ist die Lage wirklich so dramatisch? Eine Analyse.

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Als wäre alles nicht schon schlimm genug, trat am Freitag dann auch noch Standard & Poor’s auf den Plan - und senkte die Bonitätsnote für bestimmte Anleihen der Deutschen Bank auf "B+". Dazu muss man wissen, dass "B+" in der Sprache der Ratingpolizisten für eine "hochspekulative Anlage" steht. Vulgärer ausgedrückt: Die Papiere befinden sich auf Ramschniveau, viel tiefer geht es kaum mehr.

Ist es schon wieder soweit? Wackeln die Banken? Hinter dem größten deutschen Geldinstitut liegt fraglos die schlimmste Woche seit dem Finanzbeben 2008. Angefangen hatte alles am Montag mit der Mitteilung des Instituts, man sei in der Lage, die in diesem Jahr fälligen Zinsen für sogenannte Coco-Anleihen zu bedienen. Eigentlich war die Ankündigung als Beruhigung für die derzeit hochnervösen Investoren gedacht. Doch der gegenteilige Effekt trat ein. Eine Bank, der es wirklich gutgeht, könnte sich solche eine Verlautbarung schließlich sparen.

Schäuble macht sich "keine Sorgen"

Da half es auch nicht, dass Vorstandschef John Cryan am Dienstag betonte, die Bilanzen seiner Bank seien "absolut solide". Und es schadete sogar, dass kurz darauf ein Zitat von Finanzminister Wolfgang Schäuble über die Nachrichtenticker lief, wonach er sich "keine Sorgen" um das größte Geldhaus des Landes mache. Denn: Äußert sich die Regierung nicht eigentlich nur in Notzeiten zu einzelnen Banken? Der bekannte US-Ökonom Nassim Nicholas Taleb brachte die Stimmung via Twitter auf den Punkt: "Ich habe mir keine Sorgen um die Deutsche Bank gemacht - bis der deutsche Finanzminister sagte, man müsse sich keine Sorgen machen."

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Die Aktie, die ohnehin seit Wochen fällt, stürzte regelrecht ab. Und bei den Anleihen der Deutschen Bank bildeten sich plötzlich die berüchtigten "Risikoaufschläge" - ein Wort, das normale Menschen eigentlich nur im Zusammenhang mit der Pleite von Lehman Brothers und später mit der Griechenland-Krise kennen.

Ein, zwei Tage schien es, als würde eine regelrechte Panik ausbrechen. Bis die Bank schließlich die Reißleine zog und eine eher ungewöhnliche Maßnahme ankündigte. Sie will nämlich eigene Schulden im Umfang von mehr als vier Milliarden Euro vorzeitig zurückzahlen. Die Botschaft an die Investoren: Wenn ihr uns nicht glaubt, dass wir hochliquide sind, dann beweisen wir es euch eben.  

Der Co-Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, John Cryan | Bildquelle: dpa
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Der spröde Cryan statt des schillernden Jain: Eigentlich sollte die Deutsche Bank unter neuer Führung zur Ruhe kommen.

Horrorwoche ohne konkreten Anlass

Was erstaunt: Einen konkreten Anlass für die Horrorwoche gab es nicht. Im Gegenteil, nach zahllosen  Skandalen wirkt die Deutsche Bank momentan bemüht, endlich einmal zur Ruhe zu kommen. Im Sommer trat der spröde John Cryan die Nachfolge der schillernden Anshu Jain an. Unter dem Briten Cryan soll die Bank zwar um einige Etagen schrumpfen - dafür aber wieder ein festes Fundament erhalten. Cryan strich den gehätschelten Investmentbankern die Boni zusammen. Und er entschlackte die Bilanz von vermeintlichen Vermögenswerten, die in Wirklichkeit nicht mal mehr Hoffnungswerte waren. Die Konsequenz: Allein im dritten Quartal verbuchte das Institut "außergewöhnliche Abschreibungen" von 7,6 Milliarden Euro. Man gewann den Eindruck: Die Deutsche Bank ist jetzt zwar nackt. Aber wenigstens ist sie sauber.

Börsenwert seit Jahresbeginn halbiert

Die Aktie allerdings hörte nicht auf zu fallen, sondern sie fällt inzwischen schneller denn je. Die jüngste Horrorwoche eingerechnet, hat sich der Börsenwert allein seit Jahresbeginn nochmals fast halbiert. Bei rund 15 Euro notieren die Anteilsscheine jetzt noch. Zum Vergleich: In Spitzenzeiten waren es mal mehr als 115 (!) Euro. Und selbst auf dem Höhepunkt der Finanzkrise kosteten die Aktien mehr, als sie das momentan tun.

Für den jüngsten Kursrutsch kann die Deutsche Bank allerdings nur bedingt etwas. Schließlich gingen die Aktiennotierungen aus Angst vor einem Konjunktureinbruch zuletzt weltweit zurück. Hinzu kommen branchenspezifische Probleme: Leidet die Wirtschaft, dann leiden die Banken besonders, weil sie den Ausfall von Krediten fürchten müssen. Gerade die Energiekonzerne könnten sich als unsolide Schuldner erweisen, sollte sich der Ölpreis nicht bald erholen.

Deutsche Bank in Frankfurt am Main | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Der Glanz ist ab: Dabei kann die Deusche Bank für den jüngsten Kursrutsch nur bedingt etwas.

Eine weitere Folge der Konjunktursorgen: Die Zinsen dürften auf lange Zeit niedrig bleiben - und damit auch die Krediterträge der Finanzindustrie. Darüber hinaus gibt es natürlich auch Probleme, die spezifisch die Deutsche-Bank-Aktie betreffen. Dazu gehören die Angst vor einer Kapitalerhöhung und der Umstand, dass Cryan den Investoren für wenigstens zwei Jahre die Dividende gestrichen hat. Das ist aber alles nicht wirklich neu.  

Übertriebene Panik?

Vieles deutet darum darauf hin, dass die Panik der vergangenen Tage übertrieben war. So sind die Banken inzwischen solider finanziert, als sie das zur Zeit der großen Krise waren. Ein Gradmesser dafür ist die sogenannte Kernkapitalquote. Sie soll zeigen, ob die Puffer dick genug sind, um möglich Verluste aus eigener Kraft abfedern zu können. 2009 lag dieser Kennwert bei Europas Banken im Schnitt bei 9,0 Prozent; inzwischen sind es 12,5 Prozent. Selbst die Deutsche Bank, die der Konkurrenz bei der Kapitalausstattung seit Jahren hinterherhinkt, kam zuletzt immerhin auf 11,1 Prozent.

Gegen einen neuen Crash spricht auch, dass die extremen "Risikoaufschläge" bei der Deutschen Bank auf eine sehr spezifische Anleiheklasse beschränkt waren - nämlich die eingangs erwähnten "Coco-Bonds". Diese Wertpapiere wurden überhaupt erst als Konsequenz aus der Finanzkrise konzipiert. Ihre Eigenart liegt darin, dass der Schuldner (also: die Deutsche Bank) die Zinszahlungen in schlechten Jahren aussetzt; und im Falle einer Schieflage verlieren die Anleihen ihren Wert sogar komplett. Kritiker fürchten, dass die Papiere eine Eskalationsspirale wie 2008 in Gang setzen könnte.

Vielleicht ist es aber auch genau umgekehrt: Wenn eine Bank die "Cocos" in Schwächephasen nicht zu bedienen braucht, trägt das zu ihrer Stabilisierung bei. Das "B+"-Verdikt von Standard & Poor's betraf denn tatsächlich nur die "Coco-Anleihen". Das ist zwar trotzdem ein Warnzeichen. Aber noch kein Alarmsignal. Alles in allem testiert S&P der Deutschen Bank eine Kreditwürdigkeit von "BBB+". Toll ist das nicht. Doch deutlich besser als Ramschniveau.        

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 9. Februar 2016 um 17:00 Uhr.

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