Das Logo der Deutschen Bank als verzerrtes Spiegelbild in einer gegenüberliegenden Hochausfassade der Firmenzentrale des Bankhauses in Frankfurt am Main | Bildquelle: dpa

Rekordverlust bei der Deutschen Bank Ein zweiter "Fall Volkswagen"?

Stand: 08.10.2015 10:43 Uhr

Scheinbar aus dem Nichts kündigt die Deutsche Bank einen Rekordverlust von 6,2 Milliarden Euro an. Wie kann das sein? Was sind die Folgen? Und ist die Dimension womöglich sogar vergleichbar mit VW? Eine Analyse.

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Mitten in der Nacht kündigt die Deutsche Bank für das dritte Quartal einen Verlust von 6,2 Milliarden Euro an. Warum mitten in  der Nacht?

Offensichtlich wollte die Bank warten, bis die Börsen geschlossen sind. Und zwar nicht nur die in Frankfurt, sondern auch die in New York. Das machen Unternehmen ganz gern, um den Investoren über Nacht ein paar Stunden Zeit einzuräumen, die Zahlen richtig zu verstehen und einzuordnen. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass die Aktie bei solch einer krassen Mitteilung völlig verrückt spielt.

Wie hat die Börse denn reagiert?

Im nachbörslichen Handel (den es auch gibt) rutschte die Deutsche-Bank-Aktie rund sieben Prozent ins Minus. Nach Börseneröffnung erholte sich das Papier jedoch - und notierte am Vormittag sogar im Plus.

Ist das nicht schräg?

Ja und nein. Die Deutsche Bank hatte bis gestern einen Börsenwert von rund 35 Milliarden Euro. Wenn man nun theoretisch - und ein bisschen milchmädchenhaft - annimmt, dass sich der Verlust von 6,2 Milliarden Euro ungefähr eins zu eins im Börsenkurs niederschlagen müsste, dann hätte die Aktie um etwa 17 Prozent fallen müssen (6,2 Milliarden Euro geteilt durch 35 Milliarden Euro). Dass der Absturz ausblieb zeigt, dass viele Aktionäre bereits mit schlechten Nachrichten gerechnet hatten. Der Rekordverlust war also, zumindest teilweise, bereits im Aktienkurs "eingepreist".

Ist der Miliardenverlust der Deutschen Bank mit dem Absturz von VW vergleichbar?

Auf den ersten Blick hat der Volkswagen-Skandal eine ganze andere Dimension. Auch das lässt sich, ganz platt, am Börsenwert ablesen. Denn seit die Affäre Mitte September ruchbar wurde, ist die VW-Aktie um rund 40 Prozent gefallen, also viel, viel stärker als das bei der Deutschen Bank in der Nacht der Fall war.

Allerdings: Im Mai 2007 notierte die Deutsche-Bank-Aktie bei fast 120 Euro. Nun sind es noch rund 25 Euro. Legt man diese Perspektive zugrunde, dann ist der Niedergang der Deutschen Bank sogar schlimmer als der von Volkswagen. Wobei: An der Deutschen Bank hängen lange nicht so viele Arbeitsplätze wie an VW. Darum eignet sich der Fall nur bedingt für Relativierungen.    

Der Höhepunkt der Finanzkrise liegt inzwischen rund sieben Jahre zurück. Woher, in aller Welt, kommt ausgerechnet jetzt dieser gigantische Quartalsverlust?

Das lässt sich noch nicht im Detail, aber zumindest ganz grob aufdröseln. Hinter dem Verlust von 6,2 Milliarden Euro stehen "außergewöhnliche Belastungen" von 7,6 Milliarden Euro. Davon entfallen 1,2 Milliarden Euro auf Gelder, die wieder mal für mögliche Rechtskosten zurückgelegt. Zur Erinnerung: Die Deutsche Bank ist in unzählige teure Rechtsstreitigkeiten verwickelt, wie zum Beispiel die sogenannte Libor-Affäre um manipulierte Zinssätze.

Bleiben noch 6,4 Milliarden Euro …

Richtig. 600 Millionen Euro kommen aus einer Abschreibung auf den 20-Prozent-Anteil, den die Deutsche Bank am chinesischen Geldhaus Hua Xia hält. Einfacher ausgedrückt: Hua Xia ist schlicht nicht so lukrativ, wie die Deutsche Bank bislang behauptet hat.

Bleiben noch immer 5,8 Milliarden Euro ...

Ja. Und diese 5,8 Milliarden Euro sind in der Tat ein richtig fetter Batzen. Wie man ja weiß, steht die Deutsche Bank vor einem groß angelegten Umbau; sie will unter anderem ihr Investmentbanking stutzen und die Postbank verkaufen. Nun zeigt sich aber, dass die Unternehmensteile, die nun abgestoßen werden, offenbar rund 5,8 Milliarden Euro weniger wert sind, als es die Bilanzen ausweisen. Ein Beispiel: Die Postbank wurde einst für 6,4 Milliarden Euro gekauft, zudem fielen 1,4 Milliarden Euro für die Integration in die Deutsche Bank an. Es heißt, die Postbank-Beteiligung stünde noch immer mit mehr als sechs Milliarden Euro in den Büchern. Tatsächlich aber, so mutmaßte jüngst das "Handelsblatt", dürfte der Verkaufserlös eher bei drei bis vier Milliarden Euro liegen.  

Die Deutsche Bank hat seit einigen Monaten einen neuen Chef, den Briten John Cryan. Ist er schon gescheitert, bevor er richtig loslegen kann?

John Cryan | Bildquelle: REUTERS
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Muss verkünden, was seine Vorgänger verzapft haben: John Cryan

Nein. Die jetzigen Verluste sind in erster Linie seinem direkten Vorgänger Anshu Jain und vielleicht sogar mehr noch seinem Vorvorgänger Josef Ackermann anzulasten. Es war Ackermann, der 2008 die Postbank gekauft hat - übrigens wohl auch, um mit den Einlagen der Postbank-Sparer die Zockereien der Investmentbanker zu finanzieren; eine Strategie, die durch die Finanzkrise hinfällig wurde. John Cryan ist lediglich der Mann, unter dem sich die Deutsche Bank nun gewissermaßen ehrlich macht. Für ihn selbst hat das den Vorteil, dass er die Abschreibungen, die er jetzt vornimmt, in Zukunft nicht mehr vornehmen muss.

Was wird John Cryan jetzt tun?

Die große Frage lautet jetzt, ob die Deutsche Bank ihre Aktionäre schon wieder um frisches Kapital anbetteln muss, um die neuerlichen Verluste zu kompensieren. Vermutlich wird John Cryan das zu verhindern versuchen. Aber womöglich wird er es nicht verhindern können.

Und wie geht es dann mit der Bank weiter?

Das wird man sehen, sobald die Deutsche Bank bekannt gibt, wie ihre Umbaupläne - im Managersprech "Strategie 2020" genannt - genau aussehen. Am 29. Oktober soll es soweit sein.    

Rekordverlust bei der Deutschen Bank
tagesschau 17:00 Uhr, 08.10.2015, Natalia Bachmayer, HR

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