Die betroffenen Motoren sind in vielen Mercedes-Klassen eingebaut | Bildquelle: dpa

Abgasaffäre Alles noch schlimmer bei Daimler?

Stand: 12.07.2017 18:00 Uhr

Daimler hat in der Abgasaffäre bei Diesel-Autos möglicherweise noch massiver manipuliert als bisher bekannt. Das geht nach Recherchen von WDR, NDR und "SZ" aus einem Durchsuchungsbeschluss hervor. Mehr als eine Million Fahrzeuge könnten betroffen sein.

Von Lena Kampf, WDR

Die Vorwürfe gegen Daimler sind noch schwerwiegender als bisher bekannt. Der Stuttgarter Autokonzern soll mindestens acht Jahre lang, von 2008 bis 2016, Diesel-Fahrzeuge mit manipulierten Abgaswerten in Europa und den USA verkauft haben. Das geht nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" aus einem Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichtes Stuttgart hervor.

Insgesamt könnte es sich um mehr als eine Million Fahrzeuge handeln, die mehr Schadstoffe ausstoßen als gesetzlich zugelassen ist. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hatte sich im vergangenen Jahr nach Messungen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA)  mit Daimler auf die Nachrüstung von lediglich 247.000 Mercedes-Fahrzeugen verständigt. 

Abschalteinrichtung in Autos und Transportern unzulässig

Daimler ist bereits der dritte deutsche Automobilhersteller nach Volkswagen und Audi, gegen den ein Ermittlungsverfahren läuft; vor wenigen Wochen wurden die Geschäftsräume des Konzerns und anderer Firmen durchsucht.

In der Affäre geht es bei Daimler um Autos und Kleintransporter mit den Motoren OM 642 und OM 651, sie sind in vielen Mercedes-Klassen eingebaut. Sie sollen laut Stuttgarter Staatsanwaltschaft eine unzulässige Abschalteinrichtung enthalten. Damit sei die Schadstoffreinigung bei den offiziellen Messungen der Behörden auf einem Prüfstand ein- und auf der Straße weitgehend ausgeschaltet worden. 

In dem Durchsuchungsbeschluss heißt es, Daimler habe die unzulässige Abschalteinrichtung entgegen der Vorschriften dem KBA nicht offengelegt. Das KBA hat als Genehmigungsbehörde viele, wenn nicht gar alle der betroffenen Fahrzeuge europaweit zugelassen. Die Autos und Kleintransporter mit den betroffenen Motoren seien wegen der Abschalteinrichtungen auf dem europäischen Markt aber nicht zulassungsfähig gewesen. Es bestehe die Gefahr einer Stilllegungsverfügung, heißt es im Durchsuchungsbeschluss. 

Den Käufern drohen weitere Schäden

Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei Daimler-Beschäftigte wegen des Verdachts, Autokunden mit verbotener Werbung in die Irre geführt und betrogen zu haben. Weitere Mitarbeiter könnten dem Durchsuchungsbeschluss zufolge an diesen mutmaßlichen Taten beteiligt gewesen sein. Die Kunden seien damit geschädigt worden, mindestens um den Betrag, der nun aufgebracht werden müsse, um die Autos in einen vertragsgemäßen Zustand zu bringen.

Sollten die Behörden die Genehmigungen für die Fahrzeuge zurücknehmen, drohten weitere Schäden für die Käufer. Im Durchsuchungsbeschluss wird ausgeführt, dass die Voraussetzungen für einen solchen Widerruf der europaweiten Zulassung gegeben seien. 

Daimler hat Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen

Allerdings hat das dafür zuständige KBA bisher keinen Anlass gesehen, mit Widerrufen gegen Daimler vorzugehen. Der für das Amt zuständige Minister Dobrindt hofft offenbar eher auf die Einsicht der Autokonzerne, dass der Schadstoffausstoß vieler Fahrzeuge nachträglich gesenkt werden muss.

Daimler und andere Konzerne haben Vorwürfe, unzulässige Abschalteinrichtungen zu betreiben, wiederholt zurückgewiesen. Das EU-Recht erlaube, die Abgasreinigung teilweise auszuschalten, um die Motoren vor Schäden zu schützen. Auf Anfrage teilt ein Sprecher mit, dass Daimler weiterhin "vollumfänglich mit den Behörden kooperieren" werde. Insgesamt seien bei rund 50.000 Fahrzeugen der V-Klasse "freiwillige Servicemaßnahmen" durchgeführt und außerdem ein Software-Update auf Fahrzeuge der Kompaktklassen aufgespielt worden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Juli 2017 um 19:00 Uhr.

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