Schwache Binnenkonjunktur belastet Chinas Wirtschaft

Einkaufsstraße in Hongkong (Bildquelle: dpa)

Wirtschaftslage trübt sich ein

Die Chinesen kaufen zu wenig

Die Probleme der chinesischen Wirtschaft werden immer offensichtlicher. Ein Crash steht zwar nicht an, die Konjunktur wächst weiter stark. Dennoch läuft längst nicht alles rund: zum Beispiel die maue Binnenkonjunktur.

Von Steffen Wurzel, ARD-Hörfunkstudio Schanghai

Eine Shoppingmall in Sanya, einem Touristenort im Süden von China. Menschenmassen drängen sich an den schrill dekorierten Schaufenstern vorbei. Das Geschäft brummt - zumindest sieht es so aus. Doch der Schein trügt. Viele Chinesen sagen: Wir sind ein Volk der "window shopper" - Schaufensterbummel ja, aber massenhaft einkaufen? Das überlassen wir eher anderen.

Und das ist genau das Hauptproblem der chinesischen Wirtschaft: Die Binnenkonjunktur ist zu schwach. "Wir müssen für nachhaltiges Wirtschaftswachstum sorgen, Inflation vorbeugen und mögliche Risiken kontrollieren, um größere wirtschaftliche Schwankungen zu vermeiden", sagte der neue Premier Li Keqiang im März bei seiner ersten Pressekonferenz als Regierungschef. "Wir müssen hart arbeiten, um das Ziel bis 2020 zu erreichen." Laut Experten sei dafür ist ein jährliches Wachstum von etwa 7,5 Prozent notwendig.

China: Zu abhängig vom Export, zu geringer Binnenkonsum
S. Wurzel, ARD Schanghai
26.08.2013 16:01 Uhr

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Die Wachstumsansprüche werden bescheidener

Siebeneinhalb Prozent - dieser eher beiläufig erwähnte Wert gilt seitdem als Regierungsvorgabe in Sachen Wachstum. Im Vergleich zu Europa und den USA ist das ein enormer Wert. Verglichen mit den Wachstumsraten Chinas in den vergangenen Jahren ist das aber ein eher bescheidenes Ziel. In den vergangenen fünf Jahren hatte die Regierung günstig Geld verliehen, um die Wirtschaft zu beleben, sagt der chinesische Ökonom Andy Xie "Das hat zu einer Immobilienblase und Über-Investment geführt und ist mit Blick auf die Sättigung bei den Exporten keine nachhaltige Lösung."

Mitte 2008 sagte Xie die US-Finanzkrise voraus, heute prophezeit er der Regierung in Peking wirtschaftliche Probleme, falls sie so weitermachen sollte wie bisher: "Die Regierung muss das grundsätzliche Wachstumsmodell verändern. Sie sollte die Finger von der Wirtschaft lassen, statt ein Investitionsprogramm nach dem anderen aufzulegen."

Die Billigprodukte laufen nicht mehr gut

Hafen in Jangshan (Bildquelle: REUTERS)
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Chinas Wirtschaftswachstum ist immer noch gewaltig - die goldenen Zeiten scheinen aber vorbei zu sein.

Worauf Xie anspielt: Bisher wurde Wachstum in China vor allem durch zwei Faktoren ausgelöst - erstens durch den Export, zweitens durch Investitionen in die Infrastruktur.

Beides hat sich in den vergangenen Jahren als sehr anfällig erwiesen. Zum einen der Export: Massenweise billig in China hergestellte Waren in die USA und in die EU zu verkaufen, das funktioniert nicht mehr wie früher. Die Kauflaune ist in Europa und Amerika zurückgegangen. Dazu kommt, dass China ganz einfach nicht mehr so billig produzieren kann wie früher. Denn auch hier sind die Lohnkosten gestiegen.

Bleibt von den gewaltigen Investitionen nur ein Schuldenberg?

Zum Problem mit den Investitionen sagt Starökonom Xie: "Das ist zwar gut gemeint, aber realistisch gesehen muss man aufpassen. Wenn man in Gegenden investiert, die nicht wettbewerbsfähig sind - und das passiert hier seit zehn Jahren - bleibt man auf einem Schuldenberg sitzen."

Die chinesische Regierung baute in den vergangenen Jahren massenhaft Strecken für Hochgeschwindigkeitszüge, außerdem Straßen, Flughäfen und vor allem eine Menge Häuser. Experten schätzen, dass all das für rund 50 Prozent des Wirtschaftswachstums gesorgt hat. Doch inzwischen ist die Grenze ganz offensichtlich erreicht. Es wird zwar kräftig weitergebaut, vor allem im unterentwickelten Westen des Landes. Doch massenhaft Häuser, Straßen und Schienen werden vielerorts ganz einfach nicht mehr gebraucht. Immer häufiger sieht man am Rande chinesischer Städte leerstehende Hochhäuser: Investitionsruinen.

Der Inlandskonsum kommt nicht in Gang

Bauarbeiter in Schanghai (Bildquelle: dpa)
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Die chinesische Regierung investierte in den vergangenen Jahre massiv in die Infrastruktur.

Die Regierung in Peking versucht zwar zunehmend, den inländischen Konsum zu beleben, doch so richtig gelingen ihr das nicht. Statt es auszugeben, sparen die meisten Chinesen das Geld lieber: für die Ausbildung der Kinder, für die Absicherung bei Krankheit und für die Altersvorsorge. Erst wenn die Regierung in diesen Bereichen für Entlastung der Bürger sorgt, dürfte sich der Binnenkonsum zu einer tragenden Säule der chinesischen Wirtschaft  entwickeln.

Von der Regierung in Peking fordert Ökonom Xie weitere Reformen: weg von der Staats-, hin zu noch mehr Marktwirtschaft. Chinas Wirtschaftsleistung habe 2012 bei acht Billionen US-Dollar gelegen. "Das ist absolut gesehen enorm", meint er. "Pro Einwohner gesehen beträgt die Wirtschaftsleistung nur 6000 US-Dollar. 20.000 wären möglich. Das Potenzial liegt also bei 250 Prozent Wachstum!"

Stand: 26.08.2013 16:02 Uhr

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