Container im Hafen von Lianyungang | Bildquelle: AFP

Chinas Wachstum fällt auf 25-Jahres-Tief Überflieger in den Wechseljahren

Stand: 19.01.2016 11:02 Uhr

Chinas Wirtschaft ist 2015 so schwach gewachsen wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Die Staatsführung verkauft die Zahlen als wohlkalkuliertes Opfer auf dem Weg zu einer saubereren und moderneren Wirtschaft. Mit Erfolg.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Dass sich Chinas Chefstatistiker persönlich der Presse stellt, ist ungewöhnlich. Normalerweise schickt Wong Baoan seinen Pressesprecher vor - doch heute stellt sich der Chef selbst den Fragen der Reporter. Das zeigt: Chinas Staatsführung nimmt die wachsenden Sorgen über die wirtschaftliche Situation aus dem Inland und dem Ausland wahr.

Was Wong Baoan zu verkünden hat: Das Bruttoinlandsprodukt in China ist um 6,9 Prozent gewachsen - nach einem Plus von 7,3 Prozent im Jahr zuvor. Damit ist Chinas Wirtschaft 2015 so schwach gewachsen wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.

"Neue Normalität" statt Mega-Wachstum

Der Chefstatistiker bemüht sich dennoch, Zuversicht zu verbreiten: "Was das künftige Wachstum der chinesischen Wirtschaft angeht, sind wir sehr zuversichtlich. Die Wirtschaft wird auch künftig mittelstark bis stark wachsen. Der Gesamtausblick auf die chinesische Konjunktur ist unverändert." Unverändert, das heißt konkret: Chinas Staatsführung sagt auch für die nächsten Jahre eine immer langsam wachsendere Wirtschaft des Landes voraus. Von einer "Neuen Normalität" sprechen in diesem Zusammenhang gerne Premierminister Li Keqiang und Staatschef Xi Jingping.

Tatsächlich versucht Chinas Führung schon seit Längerem, das Wirtschaftsmodell des Landes grundlegend umzubauen: weg von einer exportorientierten Massenindustrie, hin zu einer mehr spezialisierten und serviceorientierten Wirtschaft. Und: Durch niedrigere Wachstumsraten soll Chinas Wirtschaft auch nachhaltiger werden.

"Wie sollen wir denn das Problem der Umweltverschmutzung und des enormen Ressourcen-Verbrauchs in den Griff kriegen, ohne das Wachstum der Schwerindustrie zu verlangsamen? Wie sollen wir denn sonst unser Ziel einer grünen und modernen Wirtschaft erreichen? Das ist unmöglich. Deswegen: Kurzfristig hat sich die Konjunktur verlangsamt, ja. Aber langfristig läuft es genau nach Plan", erklärt Statistiker Wong Baoan.

Container in China | Bildquelle: dpa
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Wirtschaft in China: Wachstum so mau wie seit 25 Jahren nicht mehr.

Zweifel an Echtheit der Zahlen

Tatsächlich hat die Staatsführung mit 6,9 Prozent Wachstum ihr offizielles Ziel für 2015 knapp erreicht. "Rund sieben Prozent" hatte sie versprochen. Aus europäischer Sicht ist das ein paradiesischer Wert, innerhalb Chinas wachsen trotzdem die Zweifel. Denn alle wissen: Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes hängt am stetigen Wachstum. Nur bei hohen Raten können die enormen Investitionen und die hohen Lohnsteigerungen finanziert werden.

Viele Experten halten selbst die 6,9 Prozent Wachstum noch für übertrieben und geschönt. "Chinas Statistikbehörde ist Teil der Regierung. In gewissem Sinne sind die Wachstumszahlen also politisch. In China müssen Statistiken die Vorgaben der Regierung einhalten", sagt Wang Fuzhong, Professor an der Pekinger Universität für Finanzen und Wirtschaft. Seiner Meinung nach ist Chinas Wirtschaft im vergangenen Jahr nur um weniger als fünf Prozent gewachsen. "Die Zahlen, die veröffentlicht werden, entsprechen nicht denen, die die Entscheidungsträger auf den Tisch bekommen. Auch in vielen Firmen wird mit zweierlei Datensätzen gearbeitet."

Ob vertrauenswürdig oder nicht: An den chinesischen Börsen sorgten die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt für gute Stimmung. Die Indizes in Shanghai und Shenzhen legten heute deutlich zu.

Chinas Wirtschaft wächst nur noch langsam
S. Wurzel, ARD Shanghai
19.01.2016 08:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 19. Januar 2016 um 11:30 Uhr.

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