Container in China | Bildquelle: dpa

Chinas Wirtschaftsentwicklung Zwischen Supermacht und Scheinriese

Stand: 29.12.2015 18:33 Uhr

Das enorme Wachstum Chinas ist Vergangenheit. In vielen Branchen stagnieren die Geschäfte oder sind rückläufig. Ist die Konjunkturabkühlung ein Krisenvorbote oder ein nötiges Übel auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft?

Von Markus Rimmele, ARD-Studio Shanghai

China ist am Ende des Jahres 2015 ein Land mit zwei ökonomischen Wirklichkeiten. Da ist einerseits die dynamische zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, die voll Unternehmergeist steckt mit knapp vier Millionen neu gegründeten Firmen pro Jahr. Die mehr Geld in erneuerbare Energien investiert als jedes andere Land der Erde. Die allein in diesem Jahr die Auslandsinvestitionen um 16 Prozent nach oben treibt. Ein Land, wo die Konsumenten mächtig geworden sind und moderne Internetkonzerne das Leben per Smartphone umkrempeln.

"Man kann die Wirtschaftsentwicklung fast mit den Händen greifen", sagt Fang Yuxiang, Redakteur einer Spirituosen-Webseite in Shanghai. "Alle Leute, die ich kenne, haben in den vergangenen zwei Jahren ein- oder zweimal den Job gewechselt. Meine Cousine hat andauernd einen neuen Job. In jedem verdient sie mehr als vorher und hat mehr Entwicklungschancen."

Firmenschulden bremsen Konjunktur

China ist aber auch ein Land im Sinkflug. Das Wirtschaftswachstum schwächt sich immer weiter ab. Die Regierung meldete zuletzt 6,9 Prozent. Die tatsächliche Quote liegt vermutlich deutlich darunter. Die Börsen sind eingebrochen und bleiben seither nur durch heftige Staatsinterventionen stabil. In den Städten im Hinterland lauert eine Immobilienblase. Die Luftverschmutzung löst Endzeitgefühle aus. Die Verschuldung der Unternehmen und der Lokalregierungen ist bedrohlich hoch.

Wolkenkratzer in Shanghai im Smog | Bildquelle: REUTERS
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Das enorme Wachstum ging mit starker Umweltverschmutzung einher.

"Die chinesische Wirtschaft hat im Schuldenbereich das größte Problem. Die Firmen haben in den letzten fünf, sechs Jahren wahnsinnige Kredite aufgenommen. Der Cash Flow ist nicht da, um die jetzt zurückzuzahlen. Das Wirtschaftswachstum ist nominal irgendwo bei fünf, real bei 6,9 Prozent, sagt die Regierung", sagt der Präsident der Europäischen Handelskammer in China, Jörg Wuttke. Die Firmenschulden würden das Wachstum hemmen, und das nicht nur kurzfristig, ergänzt er.

Branchen wie der Schiffbau, die Stahl- und Solarindustrie leiden unter Überkapazitäten. Monat für Monat schrumpfen Einfuhren und Ausfuhren. Die Exportwirtschaft verliert an Wettbewerbsfähigkeit. Das alte Wirtschaftsmodell aus Export und Investitionen funktioniert immer weniger.

Nicht Singapur, aber auch nicht Russland

Was also ist dieses Land? Die neue moderne Wirtschaftssupermacht oder ein erschöpfter Scheinriese kurz vor der Implosion? China hat die Antwort wohl selbst in der Hand. Vor zwei Jahren versprach die Pekinger Führung "beispiellose" Wirtschaftsreformen: mehr Marktkräfte, mehr Wettbewerb, weniger Staat.

Seither kommt der Umbau hin zu einer modernen Wirtschaft etwas voran. Konsum, Dienstleistungen und High-Tech legen zu. Doch der Fortschritt ist langsam. Substanzielle Reformen bleiben aus. Die Regierung scheint festzustecken. Zum einen verhindern mächtige Interessengruppen in der Kommunistischen Partei marktwirtschaftliche Schritte. Zum anderen verleitet die Angst vor den eigenen Bürgern, vor sozialen Unruhen dazu, das Wachstum mit den alten Methoden möglichst hoch zu halten - auch gegen die wirtschaftliche Vernunft. So wurschtelt sich Peking irgendwie durch.

"Es gibt kein zweites Singapur, das sich wirtschaftlich komplett öffnen wird. Aber es gibt hoffentlich auch kein zweites Russland, das sich isolieren wird. Am Wahrscheinlichsten ist, dass China seinen Weg der vergangenen 20 Jahre weitergeht, mit gewissen Öffnungstrends und mit gewissen Abschottungsthemen", sagt Bernd Reitmeier, der in der Nähe von Shanghai deutsche Mittelständler bei ihrem Markteintritt in China betreut.

Ob das ausreicht, um die chinesische Erfolgsgeschichte linear fortzuschreiben, ist ungewiss. Wenn es eine Erkenntnis aus dem Jahr 2015 gibt, dann immerhin diese: Auch Chinas kommunistische Technokraten, von vielen auf der Welt lange als eine Art höhere Wesen bewundert, können nicht zaubern, machen Fehler, laufen gegen die Grenzen ihrer Macht.

Was bedeutet Chinas Konjunkturschwäche?
M. Rimmele, ARD Schanghai
30.12.2015 11:04 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 29. Dezember 2015 um 14:27 Uhr auf NDR Info.

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