Seitenueberschrift

Chinesische Demonstranten rufen anti-japanische Slogans

Wirtschaftliche Folgen des Inselstreits

Angst vor Handelskrieg zwischen China und Japan

Geschlossene Werke, demolierte Filialen, verängstigte Mitarbeiter: Japans Geschäfte in China sind wegen der Ausschreitungen im Zuge des Inselstreits zum Erliegen gekommen. Viele Firmen fürchten auch langfristig enorme Schäden. Sogar die Angst vor einem Handelskrieg geht um.

Von Markus Rimmele, ARD-Hörfunkstudio Schanghai

Die japanische Gemeinde in China ist groß. Allein in Schanghai sind es offiziell 56.000 Menschen, die meisten von ihnen Geschäftsleute mit ihren Familien. Doch die Geschäfte sind im Wortsinn zum Stillstand gekommen. Am Wochenende hatten radikale Demonstranten Schaufenster japanischer Läden zerstört, in Autohäusern japanischer Marken randaliert, ein Einkaufszentrum geplündert.

Japanische Einzelhandelsketten blieben nun geschlossen, ebenso viele Restaurants. "Warum ich heute nicht aufgemacht habe?", fragt der japanische Restaurant-Besitzer Naohito Sato in Schanghai. "Weil ich meine Mitarbeiter schützen muss." Tagsüber betreibe er eine Handelsfirma, abends das Restaurant. Die Handelsfirma arbeite vor allem mit japanischen Unternehmen hier zusammen. "Wenn die jetzt weggehen sollten, verliere ich mein Geschäft. Und wenn die Japaner insgesamt gehen, ist es auch mit dem Restaurant vorbei", sagt Naohito Sato. Er überlegt selbst, zurück nach Japan zu gehen. Diesmal glaubt er nicht daran, dass alles wieder so wird wie vorher.

Panasonic-Werk in Qingdao
galerie

Wie andere japanische Konzerne reagierte Panasonic mit Werksschließungen auf die gewalttätigen Proteste.

Schaden größer als nach Erdbeben und Tsunami

Ans Abwandern denken Japans große Konzerne noch nicht. Zumindest nicht laut. Zu viel steht auf dem Spiel. Doch sie haben auf die Proteste reagiert und zwischenzeitlich aus Sorge um die Mitarbeiter die Produktion ausgesetzt. Sony, Toyota, Panasonic, Canon, Suzuki - sie alle melden Werksschließungen. Stark betroffen sind Japans Autofirmen. Viele Chinesen wechseln zu anderen Marken. Der Verband der Autohändler rechnet damit, dass der wirtschaftliche Schaden für Toyota, Nissan und Honda größer sein wird als nach dem großen Erdbeben im März 2011.

Und es besteht die Sorge, dass es vielleicht noch schlimmer kommen könnte. Die Volkszeitung, ein Sprachrohr der Kommunistischen Partei, warnt die Japaner vor dem Einsatz von - so wörtlich - "wirtschaftlichen Waffen", also einem Handelskrieg. Angesichts des gigantischen chinesisch-japanischen Handelsvolumens in Höhe von 260 Milliarden Euro wäre das für alle ein wirtschaftliches Desaster.

Handelskrieg träfe Japan hart

Das gelte noch mehr für Japan als für China, glaubt Zhou Yongsheng, Japan-Experte an der Chinesischen Universität für Auswärtige Angelegenheiten. "Die chinesische Regierung würde vermutlich bei öffentlichen Anschaffungen keine japanischen Produkte mehr kaufen", sagt er. "Sie würde Japan wohl auch keine wichtigen Rohstoffe wie Kohle oder Seltene Erden mehr liefern." Japan wolle zudem seine Wirtschaft wiederbeleben und hänge dabei stark vom chinesischen Markt ab. "Im Falle eines Handelskrieges wäre es damit vorbei. Das wäre eine große Herausforderung für die japanische Wirtschaft."

Allein im vergangenen Jahr haben japanische Firmen mehr als sechs Milliarden US-Dollar in China investiert. Sie sind mit Produkten und Fabriken im ganzen Land präsent und damit sehr verwundbar. Allerdings steht auch für China viel auf dem Spiel. Das Wirtschaftswachstum nimmt ab, das Land braucht Japans Investitionen und Technologie. Japan ist zudem Chinas drittgrößter Exportmarkt.

Die meisten japanischen Fabriken und Geschäfte werden in den kommenden Tagen voraussichtlich wieder ihre Tore öffnen. Ob die Schließungen nur ein lästiges Intermezzo waren oder schon mal ein Vorgeschmack auf eine düstere Zukunft, das werden die kommenden Wochen zeigen.

Stand: 18.09.2012 16:11 Uhr

Ihre Meinung - meta.tagesschau.de

7 Kommentare zur Meldung. Kommentierung der Meldung beendet.

Schlagwörter der Meldung:
Darstellung: