Die Megastadt Chengdu | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Chinas Boomstadt Chengdu Unternehmergeist statt Strohhut-Klischee

Stand: 02.11.2016 08:50 Uhr

Vizekanzler Gabriel ist heute in Chengdu zu Gast - eine dieser aufstrebenden Wirtschaftszentren Chinas, die hierzulande kaum jemand kennt. Auch viele deutsche Unternehmen haben sich in der 15-Millionen-Stadt angesiedelt.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Die Fabrikanlage des deutschen Industriegase-Herstellers Messer steht in einem Außenbezirk von Chengdu. Zwei riesige weiße Gastanks aus Beton und ein schlanker, eckiger Turm prägen das Firmengelände. Überall faucht und dampft es. Unbeeindruckt vom Lärm schlängelt sich der Chef der Messer-Werke in Westchina, Zhang Genqu, durch das Dickicht aus Rohren und Ventilen.

Die normale Atemluft wird hier zerlegt in drei ihrer Hauptbestandteile: Sauerstoff, Stickstoff und Argon. Messer liefert diese stark heruntergekühlten und dann flüssigen Gase an diverse Unternehmen in der Nachbarschaft, direkt per Pipeline oder mit Kühltankern. Die Nachbarfirmen brauchen die Gase zum Beispiel bei der Produktion von Computer-Chips und Monitor-Displays.

Zhang Genqu | Bildquelle: Steffen Wurzel / ARD
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Zhang Gengu vor den Kühltürmen der Firma: Messer liefert Gase an benachbarte Hightech-Firmen.

"Wir wussten, was diese Region für ein Potenzial hat"

Die Gase des deutschen Mittelständlers Messer sind gefragt in Chengdu, und zwar seit rund 20 Jahren. "Damals haben unsere internationalen Konkurrenten Westchina noch gar nicht auf dem Schirm gehabt. Wir wussten aber schon, was diese Region für ein Potenzial hat. Das hat uns bewogen, hierher zu kommen," erzählt Genqu.

Ein paar Kilometer weiter stadteinwärts: In einem der verglasten, modernen Hochhäuser sitzt Sabine Yang-Schmidt. Sie leitet das Regionalbüro der deutschen Außenhandelskammer in Chengdu. Von ihrem Büro im sechsten Stockwerk aus versucht sie, Vorurteile abzubauen. Nach wie vor bekommt sie aus Deutschland regelmäßig Fragen wie "Wo ist das denn? Gehört das noch zu China? Laufen die Leute dort noch mit dem Strohhut herum?", erzählt Yang-Schmidt. "Diese Stereotypen und diese völlige Unkenntnis herrschen leider noch vor. Wenn wir in Deutschland Gespräche führen, haben viele Westchina nicht direkt auf dem Schirm."

Pandabären in Chengdu | Bildquelle: REUTERS
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Pandabären gibt es auch noch in Chengdu - 23 sind in diesem Jahr in einer Aufzuchtstation geboren worden.

Chengdu hat sich von einer abgelegenen Stadt in den Bergen von Sichuan zu einer der Boomstädte Chinas entwickelt. Früher war Chengdu bekannt für scharfes Essen und Pandabären. Heute kennt man sie wegen der vielen Hightech-Firmen und immer weiter wachsenden Industriezonen.

Kleine und mittlere Unternehmen schätzen Chengdu

Monat für Monat werden neue Start-Ups gegründet, vor allem in den Bereichen Software und Computertechnik. In den vergangenen Jahren haben sich aber auch viele traditionsreiche große deutsche Firmen angesiedelt, neben Messer zum Beispiel auch BASF, Siemens, Volkswagen, Evonik und Bayer.

In dieser Region bestünden große Freiheiten, sich zu entfalten, so Yang-Schmidt. "Die Regionalregierung unterstützt die hiesige Wirtschaft, das lockt vor allem kleinere und mittlere Unternehmen an." Die Chengduer Stadtregierung gewähre Steuernachlässe, neu gegründete Firmen würden außerdem mit günstigen Büroflächen versorgt.

Fast jeder Wirtschaftsvertreter, mit dem man in Chengdu spricht, erzählt außerdem noch etwas anderes - etwas für China Außergewöhnliches: Die Kommunikation mit der Politik klappe in Chengdu deutlich besser als in anderen Provinzen.

Zum Beispiel berichtet die Europäische Handelskammer in Chengdu von einem Treffen mit dem Bürgermeister der Stadt. Vor dem Treffen hatte die Handelskammer eine Liste mit Problemen an die Stadtverwaltung geschickt. In dem Papier, dem sogenannten Zufriedenheitsbericht der europäischen Firmen in der Region, ging es unter anderem und die chronisch dreckige Luft, die teils immer noch fragwürdigen Zustände in Chengduer Krankenhäusern und um langsames Internet.

Autoproduktion von PSA Peugeot Citroen in Chengdu | Bildquelle: AFP
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PSA Peugeot Citroen eröffnete im September eine Produktionsstätte in Chengdu.

"Lasst uns miteinander reden"

"Doch der Bürgermeister von Chengdu ist sofort an uns herangetreten und hat gesagt: Ja, lasst uns miteinander reden, wir wollen diese Probleme angehen", sagt Robin Niethammer, der Vorsitzende der Europäischen Handelskammer in Südwest-China. "Er hat uns eingeladen und ist mit uns tatsächlich alle Probleme, die wir aufgelistet hatten, einzeln durchgegangen." Mittlerweile habe er schon Vorschläge zur Verbesserung vorgelegt.

Auch wenn in Chengdu immer noch viel Abenteuer steckt - im Vergleich zu Shanghai zum Beispiel - die Hauptstadt von Sichuan wird immer attraktiver. Das liege auch an den vielen guten Universitäten in der Gegend, sagt Robin Niethammer. Dadurch habe man sehr viele Möglichkeiten, gute Leute zu rekrutieren.

Der deutsche Mittelständler Messer hat vor kurzem ein neues Werk in Chengdu eröffnet. Immer mehr Firmen produzieren in der Region, und egal aus welcher Branche - viele von ihnen brauchen flüssiges Industriegas. Und der Bedarf wird weiter wachsen. Das werden auch Yang Genqu, Sabine Yang-Schmidt und Robin Niethammer betonen, wenn sie sich im Rahmen der Chengduer Westmesse mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel treffen.

Chinas Boomstadt Chengdu
S. Wurzel, ARD Shanghai
02.11.2016 05:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. November 2016 um 06:30 Uhr.

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