Ein Mann beim Stöbern im Buchladen | Bildquelle: Birand Bingül/ WDR

Wie sich der Markt verändert Geparden und Gazellen im Buchhandel

Stand: 11.10.2017 03:44 Uhr

Plus 140 Prozent: Binnen zehn Jahren ist der Umsatz im deutschen Online-Buchhandel massiv gestiegen, angeführt vom Riesen Amazon. Aber Verlage und Buchhändler haben eigene Überlebensstrategien entwickelt.

Von Birand Bingül, WDR

Im Anfang war das Wort. Und zwar das von Jeff Bezos. "Wir werden die Verlage jagen, wie Geparden es mit Gazellen tun", sagte der Amazon-Chef einmal. Eine Kampfansage war das an die ganze Branche - wild, brutal und laut. Wie ein Knall, den man übrigens immer noch hört, wenn man zum Online-Buchhandel recherchiert.

Pedro Huerta | Bildquelle: Amazon
galerie

Amazon wolle Autoren und Leser zusammenbringen, sagt Unternehmenssprecher Pedro Huerta.

50 bis 70 Prozent des Onlinemarkts laufen über Amazon, so der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Genauere Zahlen will der Versandhändler nicht preisgeben.

"Die wichtigsten Akteure in der Buchbranche sind Autoren und Leser", sagt Pedro Huerta, Mediendirektor von Amazon Deutschland gegenüber tagesschau.de, "und wir sehen es als unsere Aufgabe, dazu beizutragen, dass diese beiden Gruppen zueinander finden". Ohne Hürden, ohne langes Warten.

Amazon spricht über Amazon

Verlage sowie Buchhändler kommen in dieser Welt nicht vor. Oder genauer gesagt: Mit Amazon Publishing hat der Konzern auch hierzulande einen eigenen Verlag an den Start gebracht. Außerdem probiert er mit Amazon Go, zumindest in den USA, eigene Buchläden aus. Amazon-Autoren gibt es längst auch, die über die Plattform selbst publizieren.

Wie Amazon Deutschland sein Verhältnis zur Konkurrenz beschreiben würde? Huertas Antwort ist ausweichend. Amazon spricht über Amazon. Punkt.

Infografik Online-Buchhandel
galerie

Entwicklung des Onlinehandels in Deutschland

Jeder fünfte Euro wird online umgesetzt

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels kann die Entwicklung in Zahlen nachzeichnen: 2006 lag der Umsatz im Online-Buchhandel bei 700 Millionen Euro. Bis 2016 stieg er auf rund 1,7 Milliarden Euro an. Am Gesamtumsatz im Buchhandel macht das 18,2 Prozent.

Amazon hat bis heute etwa zehn Prozent des gesamten Buchmarkts erobert. Nach einer Studie des Börsenvereins aus dem Jahr 2015 kaufen 20- bis 39-Jährige besonders häufig online. Knapp die Hälfte der Bücher wird nach wie vor in Buchläden gekauft.

Und die Gazellen?

Die deutschen Verlage haben sich wirtschaftlich stabil entwickelt mit einem kleinen Plus. Sie haben mit E-Books, Lesegeräten und Onlineshops längst das Netz für sich entdeckt. Der Siegeszug des E-Commerce, wie der Online-Handel auch genannt wird, hat vielmehr die Buchhändler getroffen.

Zwischen 2005 und 2016 schlossen fast 1500 Buchhandlungen, Filialen nicht mitgezählt. Übrig geblieben sind knapp 3000. "Die digitale Entwicklung spielt dabei eine Rolle, neben Faktoren wie erheblich steigende Mieten in guten Verkaufslagen und eine zunehmende Verödung der Innenstädte", erläutert Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins.

Dorothee Junck | Bildquelle: Birand Bingül/ WDR
galerie

"Beratung durch Menschen ist unser einziger Wettbewerbsvorteil", sagt Buchhändlerin Dorothee Junck.

Buchladen: Wettbewerbsvorteil Mensch

Dorothee Junck, Chefin des Buchladens Neusser Straße in Köln-Nippes, muss mit all diesen Entwicklungen umgehen. Und das tut sie auf ihre Art: "Bei uns können die Kunden sich von Menschen beraten lassen, die sie kennen. Das ist unser einziger Wettbewerbsvorteil."

Und den versucht sie maximal auszuschöpfen. Mit Veranstaltungen natürlich, außerdem können sich Kinder zwischen 8 und 14 Jahren als Testleser des Buchladens engagieren. "Es wird ja jetzt viel über Heimat gesprochen in der Politik. Wir wollen ein Stück Heimat sein. Eine soziale Institution im Viertel."

Zudem organisiert sie mit Mitstreitern die "Woche unabhängiger Buchhandlungen" vom 4. bis 11. November. Über 600 Buchhandlungen machen bundesweit mit.

Frau sitzt in einer Buchhandlung auf einem Sofa und liest. | Bildquelle: dpa
galerie

Mehr als nur ein Verkaufsort: Buchhandlungen suchen nach neuen Konzepten.

Ob Kneipe oder Pizzeria: Hauptsache Buch

Den Online-Handel hat sie in ihr Konzept von Nähe eingewoben - zwei Drittel aller Buchhandlungen betreiben mittlerweile Webshops. Ob WhatsApp, Facebook oder Webseite - Juncks Buchladen ist auf allen Wegen zu erreichen.

Die allermeisten holten ihre Bücher allerdings lieber persönlich ab. Nicht nur in der Buchhandlung, sondern auch beim Kiosk, in einer Kneipe oder demnächst bei einer Bäckerei. Der Käufer hat kürzere Wege und ist zeitlich flexibler.

"Ich bin Erfinderin dieser Abholstationen im Viertel", betont Junck, denn eine andere Buchhandlung im Viertel bietet inzwischen an, Bücher nach 19 Uhr in der benachbarten Pizzeria zu hinterlegen.

Ketten setzen auf Multi-Channel-Strategien

Eine weitere Größe im Online-Markt sind Buchhandelsketten. Die Mayersche zum Beispiel sieht "sehr hohes Potenzial", wie Geschäftsführer Harmut Falter erklärt. Insofern modernisiere das Unternehmen aus Aachen derzeit seinen Webshop. Der Umsatz soll demnächst einen zweistelligen Anteil ausmachen.

Gleichzeitig sei Ziel, dass Kunden sich in den Läden "zuhause" fühlen. Multichannel-Strategie nennt sich das: gleichzeitig auf allen Kanälen zu sein, auf denen potenzielle Kunden unterwegs sind.

Darüber hinaus macht Falter auf die Nachhaltigkeit des Handels aufmerksam: "Die Menschen machen sich mehr Gedanken darüber, woher die Artikel kommen und welch logistischer Aufwand, oftmals unnötig, betrieben wird." Ein Buch um die halbe Welt zu schicken, wenn es in der nächsten Buchhandlung bereit liege, sei "nicht im Sinne der Umwelt".

„Wir zahlen Steuern“

Das zielt durchaus auf die Konkurrenz von Amazon, ebenso wie der Verweis, die Mayersche zahle ihre Steuern. Gerade hat die EU-Kommission Luxemburg aufgefordert, 250 Millionen Euro an Steuervergünstigungen vom Großkonzern zurückzuverlangen.

Der Online-Buchhandel hat sich auf allen Ebenen etabliert und ist wirtschaftlich attraktiv. Das fördert Innovation und fordert Investition. Aus dem Geparden Amazon ist der Platzhirsch im deutschen Online-Buchhandel geworden. Und manche Gazelle rennt schneller, als man denkt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Oktober 2017 um 15:00 Uhr.

Darstellung: