Flagge Großbritanniens im Regen | Bildquelle: dpa

Die Banken und der Brexit Ein Horrorszenario, eine Ente

Stand: 11.10.2016 16:26 Uhr

Englische Zeitungen übertreffen sich mit neuen Brexit-Schlagzeilen. Während die "Times" vor einem Wirtschaftseinbruch warnt, vermeldet die "FT" den Wegzug der Großbank VTB. Bei letzterer Nachricht handelt es sich jedoch um eine Ente.

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Horroszenarien im Zusammenhang mit dem britischen Austritt aus der EU haben wieder Konjunktur - auch wenn unklar ist, wie valide die Meldungen wirklich sind. So warnt das britische Finanzministerium laut der Tageszeitung "The Times" vor erheblichen Kosten, sollte Großbritannien aus dem Europäischen Binnenmarkt ausscheiden. Das gehe aus einem internen Papier hervor.

Demnach könnte das Bruttoinlandsprodukt des Landes innerhalb der kommenden 15 Jahre um bis zu 9,5 Prozent schrumpfen. Die entspräche dem Finanzministerium zufolge einem Rückgang von Steuereinnahmen in Höhe von 66 Milliarden Pfund (73 Milliarden Euro) pro Jahr.

Das Finanzministerium wolle mit dem Papier Kabinettsmitglieder von dem potenziellen Schaden überzeugen, den ein "harter Brexit" nach sich ziehe, so die "Times. Die Zahlen basieren auf einem Bericht, der bereits vor dem Brexit-Votum veröffentlicht wurde und damals von Befürwortern eines EU-Austritts als "Panikmache" abgetan wurde. Dass das Finanzministerium den Bericht nun wieder hervorholt, könnte ein Zeichen dafür sein, wie zerstritten das Kabinett in der Brexit-Frage ist.

Falschmeldung der "Financial Times"

Wie erbittert die Debatte auf der Insel momentan geführt wird, zeigt auch eine Falschmeldung der "Financial Times" von heute Vormittag. Die Wirtschaftszeitung berichtete in ihrer Online-Ausgabe, dass die russische Staatsbank VTB ihre Europazentrale wegen des Brexits aus London abziehen wolle. Es wäre die erste größere Bank, die Großbritannien nach dem Brexit wirklich verlässt - ein bedeutendes Signal.

In Wirklichkeit befindet sich die Europazentrale der VTB allerdings gar nicht in London, sondern in Wien. So heißt es zum Beispiel auf der offiziellen Unternehmenswebsite der VTB Bank Austria wörtlich: "Mit unserem Hauptsitz in Wien und unseren Töchtern VTB Bank (Deutschland) AG in Frankfurt und VTB Bank (France) SA in Paris sind wir die Europazentrale der VTB Bank." Im vergangenen Jahr hatte die Bank sogar öffentlich damit kokettiert, den Europasitz von Wien nach Frankfurt zu verlegen.

Die VTB stellte gegen Mittag per Pressemitteilung klar, dass die Europazentrale in Wien beheimatet sei. In Großbritannien sitzt offenbar nur das Investmentbanking. Trotzdem wurde die Falschmeldung europaweit in vielen Online-Medien verbreitet. Angeblich trug sie sogar zum einem weiteren Absinken des britischen Pfunds bei

Zweifel an London-Wegzug von Milliardenbank

Erst vor wenigen Tagen hatte das "Wall Street Journal" berichtet, dass eine Digitalbank namens WB21 ihr Europabüro infolge des Brexits von London nach Berlin verlegen wolle.

Dem USA-Magazin "Forbes" zufolge handelte es sich dabei um ein mehr als zwei Milliarden Dollar teures Unternehmen mit rund einer Million Kunden weltweit. Recherchen des "Manager Magazins" und der "Süddeutschen Zeitung" lassen allerdings daran zweifeln, ob WB21 auch nur annähernd so groß ist wie behauptet.

In Wirklichkeit - so sieht es jedenfalls aus - hat bislang noch kein bedeutendes Finanzunternehmen London nach dem Brexit wirklich verlassen. Was natürlich nicht bedeutet, dass dies nicht trotzdem bald passieren kann.

Mit Material von dpa

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. Oktober 2016 um 13:02 Uhr.

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