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Kritik an der Übernahme von TNK-BP durch Rosneft
"Das ist die erneute Verstaatlichung der Ölindustrie"
Es ist ein Handel ganz nach dem Geschmack von Präsident Putin. BP steigt entnervt aus der Ölfirma TNK-BP aus und verkauft seinen Anteil an das staatliche Unternehmen Rosneft. Das wird durch den Deal zum größten Ölförderer weltweit. Kritiker sprechen von der Verstaatlichung der russischen Ölindustrie.
Von Esther Hartbrich, ARD-Hörfunkstudio Moskau
Der russische Präsident Wladimir Putin begrüßte den Milliardendeal zwischen dem Staatskonzern Rosneft und TNK-BP. Er sei sicher, er werde allen Beteiligten zugute kommen. Der Chef von Rosneft, Igor Setschin, hatte Putin persönlich über die Einigung informiert und wurde dafür von ihm gelobt. "Das ist ein guter, großer Deal, der nicht nur für den Energiesektor in Russland, sondern für die ganze russische Wirtschaft wichtig ist. Ich möchte mich bei Ihnen für die Arbeit bedanken. Ich hoffe, dass es Ihnen gelingt, mit einem Ihrer in der nächsten Zeit hoffentlich größten Aktionären - mit dem ausländischen Unternehmen British Petroleum - partnerschaftliche Beziehungen aufzubauen."
Russischer Staatskonzern Rosneft übernimmt britisch-russischen Ölförderer TNK-BP
tagesschau 20:00 Uhr, 22.10.2012, Ina Ruck, ARD Moskau
Darauf hofft auch BP. Nach schlechten Erfahrungen bei TNK-BP wünscht sich das britische Unternehmen bessere Zeiten. Streit mit den anderen Anteilseignern, einem russischen Milliardärskonsortium, waren an der Tagesordnung. So machten die russischen Miteigentümer dem Wunsch BPs, gemeinsam mit Rosneft in der Arktis Öl zu fördern, einen Strich durch die Rechnung. BP-Chef Bob Dudley kennt die Probleme - bis 2008 leitete er TNK-BP und gab entnervt auf.
BP soll für seinen Anteil an TNK circa 13 Milliarden Euro erhalten und knapp 13 Prozent der Aktien von Rosneft. BP hat bereits Anteile am russischen Ölförderer Nr.1 und will weitere kaufen. Mit fast 20 Prozent wäre BP dann nach dem russischen Staat der zweitgrößte Anteilseigner.
Profiteur der Jukos-Zerschlagung
Größter russischer Ölförderer ist Rosneft schon seit einigen Jahren. Es hatte von der Zerschlagung des Jukos-Konzers profitiert. Dessen Teile waren nach der Verurteilung des früheren Vorstandsvorsitzenden Michail Chodorkowski wegen Steuerhinterziehung versteigert worden. Igor Setschin, heute Chef von Rosneft, damals Vorsitzender des Verwaltungsrates, gilt als Strippenzieher der Jukos-Zerschlagung.
Mit Abschluss der TNK-BP-Übernahme wird Rosneft größtes börsennotiertes Ölunternehmen und größter Ölförderer weltweit. Neben dem russischen Gasmonopolisten Gazprom entsteht ein zweiter gigantischer russischer Energiekonzern, der über 40 Prozent der russischen Ölförderung kontrollieren wird. Beobachter sehen genau darin die Absicht von Putin. Sie meinen, der Einfluss Gazproms sinke, weil die USA ihr Schiefergas fördern und weltweit mehr Flüssiggas angeboten werde. Rosneft solle deshalb die Stelle von Gazprom einnehmen und für sprudelnde Steuereinnahmen sorgen. Etwa die Hälfte der russischen Staatseinnahmen stammt aus dem Energiesektor.
"Das verändert die Spielregeln"
Die kreml-kritische Journalistin Julia Latinina lehnte das seit Tagen erwartete Geschäft bereits vorher ab. "Das ist die erneute, fast vollkommene Verstaatlichung der russischen Ölbranche. Das verändert die Spielregeln sowohl in der Branche, als auch in der Regierung. Das soll dazu dienen, den Raub des Jukos-Konzerns zu legitimieren. Außerdem bestätigt der Deal den Status von Setschin als Person, die das besondere Vertrauen von Putin genießt."
Kritik kam auch schon im Vorfeld aus der Regierung. Der für Energie zuständige Vize-Regierungschef Arkadi Dworkowitsch lehnt zusätzlichen Staatseinfluss auf die Wirtschaft ab. Premierminister Dimitri Medwedjew hatte vor wenigen Tagen bestätigt, er wolle an der geplanten Privatisierung von staatlichen Unternehmen festhalten. Im Energiesektor wird ihm das gegen Putin nicht gelingen.
Stand: 22.10.2012 18:10 Uhr
