Recep Tayyip Erdogan

Inflation in der Türkei Geldpolitiker Erdogan?

Stand: 07.06.2018 13:52 Uhr

In der Türkei steigt die Inflation wegen des Lira-Verfalls rasant an. Deshalb berät die türkische Notenbank über weitere Zinsanhebungen. Doch es gibt einen mächtigen Gegner: Staatspräsident Erdogan.

In der Türkei ist eine Debatte über die Unabhängigkeit der Zentralbank entbrannt. Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigte im Mai in einem Interview an, nach den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen vom 24. Juni die Geldpolitik stärker unter seine Fittiche zu nehmen. Er werde höchstpersönlich für niedrige Zinsen sorgen, versprach Erdogan.

"Ich muss eingreifen"

Türkische Zentralbank
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Eingang der Türkischen Zentralbank, TCMB, Türkei

"Wenn die Bevölkerung wegen der Politik der Zentralbank Probleme hat, wird sie den Präsidenten dafür verantwortlich machen", sagte er in einem Interview mit Bloomberg. Daher müsse er eingreifen. "Wir müssen das Bild eines in der Geldpolitik effizienten Präsidenten vermitteln."

Investoren sind entsetzt: Würde sich der mächtige Präsident nun auch noch in die Geldpolitik einmischen, wäre das Vertrauen in die Türkei und die Lira wohl endgültig dahin. Schon jetzt ziehen Anleger massiv Geld ab. Laut Medienberichten verkauften vor kurzem japanische Investoren große Lira-Bestände und beschleunigten den Währungsverfall.

Niedrige Zinsen gegen hohe Inflation

Erdogan ist ein entschiedener Gegner von Zinserhöhungen, um das Wachstum der Wirtschaft nicht zu gefährden. Er glaubt tatsächlich, dass niedrige Zinsen das geeignete Mittel zur Bekämpfung einer hohen Inflation sind. Historische Erfahrungen und Warnungen der Ökonomen vor einem solchen Irrglauben kümmern ihn nicht.

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Immerhin hat Erdogan vor zwei Wochen ein bisschen eingelenkt. Nach langen Diskussionen gab der Staatspräsident - wenn auch nur widerwillig - sein Okay für eine Leitzinsanhebung der Notenbank. Sie erhöhte den Spätausleihungssatz, einer der Leitzinsen, von 13,5 auf 16,5 Prozent. "Die Zentralbank wird unabhängig bleiben", beteuerte der türkische Vizepremier Mehmet Simsek gegenüber dem "Handelsblatt".

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Die Kandidaten der Präsidentschaftswahl in der Türkei

Präsident Recep Tayyip Erdogan hält ein Mikrofon in der Hand.

Präsident Recep Tayyip Erdogan regiert die Türkei seit 2003, zunächst als Ministerpräsident und seit 2014 als Staatspräsident. Der Kandidat der AKP hat seine Wählerbasis in der muslimisch-konservativen Mittelschicht. Nach dem Putschversuch durch das Militär im Juli 2016 rief Erdogan den Ausnahmezustand aus. Binnen kurzer Zeit wurden Zehntausende Militärangehörige, Richter, Staatsanwälte, Lehrer und weitere Staatsbedienstete suspendiert oder inhaftiert. Unter den politischen Verwerfungen litt die türkische Wirtschaft. Mit den vorgezogenen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am 24. Juni hofft Erdogan, seine Macht zu festigen. | Bildquelle: AP

Inflation über zwölf Prozent

Möglicherweise werden die türkischen Währungshüter erneut an der Zinsschraube drehen. Denn die Inflation klettert in schwindelerregende Höhen. Im Mai lag die Teuerungsrate bei über zwölf Prozent, dem höchsten Stand seit November. Im April hatte die Inflation noch deutlich tiefer bei 10,85 Prozent gelegen.

Getrieben wird die Inflation durch den seit Monaten anhaltenden Verfall der Lira, der Treibstoff und andere Importe teurer macht. Die Währung hat seit Jahresbeginn gut ein Viertel an Wert verloren und rutschte auf ein Rekordtief zum Dollar und Euro.

Lira stürzt ab

Das trifft vor allem Mittelständler, die auf importierte Maschinen und Güter angewiesen sind. Auch die Bevölkerung ächzt unter den steigenden Preisen. Sie muss für Benzin, Autos, Computer, aber auch Gemüse mehr Geld hinblättern. Basar-Verkäufer klagen über sinkende Umsätze, Bauern können ihre Kredite nicht mehr abzahlen, und Bürger horten Dollar und Euro unter ihrem Kissen. In einer Art Verzweiflungsaktion rief Präsident Erdogan die Bevölkerung dazu auf, ihre Dollar- und Euro-Ersparnisse in Lira umzutauschen. "Meine Brüder, die Ihr Dollar oder Euro unter Euren Kopfkissen habt, geht und legt Euer Geld in Lira an", appellierte er.

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Die Lira-Krise könnte sogar den Wahlsieg Erdogans am 24. Juni gefährden. Unter türkischen Ökonomen wird bereits gewitzelt, dass die Lira die einzige noch verbliebene Opposition im Lande sei. Da kann der allmächtige Präsident noch so oft gegen die "fremden Mächte" wettern, die am Lira-Verfall schuld seien, und über die "Zins-Lobby" sowie die bösen internationalen Ratingagenturen herziehen. Irgendwo stößt Erdogans Einfluss doch an seine Grenzen.

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in „Das war der Tag“ am 27. Mai 2018 um 23:05 Uhr.

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