Euromünzen | Bildquelle: a (Hamann)

Debatte um Münzen und Scheine Nur Bares ist Wahres?

Stand: 05.02.2016 13:43 Uhr

Wird der 500-Euro-Schein abgeschafft? Braucht es Ein- und Zwei-Cent-Stücke wirklich? Und könnte das Bargeld nicht gleich ganz verschwinden? Die Cash-Debatte wird immer verworrener. Eine Einordnung.

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Warum diskutiert Deutschland urplötzlich übers Bargeld?

Alles hat angefangen mit einer Äußerung des neuen Deutsche-Bank-Chefs John Cryan. Der behauptete Mitte Januar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, dass in zehn Jahren das Bargeld verschwunden sein würde.

Kurz darauf gingen Berichte aus der niederrheinischen Kleinstadt Kleve durch die Medien. Dort wollen Händler keine Ein- und Zwei-Cent-Münzen mehr annehmen. Dann kam vergangene Woche die Forderung der SPD, den 500-Euro-Schein abzuschaffen. Und nun überlegt die Bundesregierung, Bargeldzahlungen auf maximal 5000 Euro zu begrenzen.

Fangen wir an mit der These des Deutsche-Bank-Chefs: Ist es tatsächlich möglich, dass es in zehn Jahren kein Bargeld mehr gibt?

Das scheint schwer vorstellbar. Jedenfalls ist viel wahrscheinlicher, dass es in zehn Jahren die Deutsche Bank nicht mehr gibt, als dass bis dahin das Bargeld verschwunden ist. Cash dürfte auch in zehn Jahren noch King sein. Zumindest hierzulande.

Warum ist das so?

Das müsste man vermutlich einen Kulturwissenschaftler fragen. Platt gesagt: Die Amerikaner werden mit der Kreditkarte groß, die Deutschen mit der Spardose.

Man könnte auch sagen: Kinder werden nicht mehr mit der Spardose groß - sondern mit Paypal.

Natürlich ändert sich im Zuge der Digitalisierung das Zahlungsverhalten. Und natürlich wird diese Entwicklung durch die rapide wachsende Bedeutung des E-Commerce beschleunigt - denn im Internet mit Bargeld zu bezahlen, wäre eher unpraktisch. Im stationären Handel allerdings ist Bargeld noch immer das mit Abstand beliebteste Zahlungsinstrument.

Die Folge: Einer Bundesbank-Studie zufolge wurden 2014 rund 79 Prozent aller Bezahlvorgänge in bar abgewickelt. Und selbst wenn man nicht die Transaktionen, sondern die Umsätze misst, lag das Bargeld mit 53 Prozent vorn. Was erstaunt: Bei der gleichen Erhebung drei Jahre zuvor waren die Werte nur unwesentlich bzw. gar nicht höher (82 Prozent und 53 Prozent).

Einen klaren Trend in Richtung alternative Bezahlmethoden gibt es bislang also nicht. Mit dem Großwerden der "Digital Natives", also der Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, könnte sich das allerdings ändern.

Ist bargeldloses Bezahlen nicht ohnehin viel bequemer?

Theoretisch ja. Wer mit der Karte zahlt, spart zum Beispiel den Weg zum Geldautomaten. Und inzwischen kann man ja - was in Deutschlands allerdings noch kaum verbreitet ist - auch mit dem Smartphone bezahlen. Das haben viele Menschen eh dauernd griffbereit.

Doch nicht nur aus der Perspektive des Einzelnen, sondern auch gesamtwirtschaftlich bringt Bargeld Nachteile mit sich. Es muss gedruckt, transportiert, aufbewahrt und irgendwann ausgetauscht werden. Das alles kostet. Und nicht zu vergessen: Cash ist unhygienisch, angeblich sogar ein Krankheitsüberträger.

Andererseits: Man kann auch Bargeld für bequemer halten, als sich die PIN für die EC-Karte zu merken oder sich gar mit mobilen Bezahlmethoden auseinanderzusetzen. Und aus Sicht vieler Menschen ist es auch sicherer, wobei sich über den Punkt streiten lässt.

Was spricht denn eindeutig für das Bargeld?

Viele Menschen haben das Gefühl, ihre Ausgaben besser kontrollieren zu können, wenn sie mit Bargeld zahlen. In der Tat ist es ja so: In den USA sind viel mehr Verbraucher verschuldet als hierzulande, was vermutlich auch mit der dortigen Kreditkarten-Kultur zusammenhängt.

Ganz einfach ausgedrückt: Einen Euro, den man nicht hat, kann man bar auch nicht ausgeben - mit der Visa-Karte oder dem Dispo-Kredit kann man das aber sehr wohl. Das zweite starke Argument für Bargeld ist, dass niemand nachverfolgen kann, wann, wo und wofür ich wieviel Geld ausgebe. Denn was geht das meine Bank an - oder wer immer sonst noch (theoretisch) auf meine Finanzdaten zugreifen kann.

Würde es denn wenigstens Sinn machen, zumindest die Ein- und die Zwei-Cent-Münzen abzuschaffen?

Das ist das, was in Kleve gerade versucht wird. Die Einzelhändler, die bei der Aktion mitmachen, wollen künftig immer auf 5-Cent-Beträge runden: Aus 4,96 Euro wird also 4,95 Euro und aus 12,48 Euro wird 12,50 Euro. Wenn man bedenkt, dass die Herstellung einer Ein-Cent-Münze mehr kostet, als die Münze "wert" ist, scheint die Abschaffung durchaus rational.

Zumal: Auch die übrigen beschriebenen Kosten wie Transport oder Aufbewahrung sind bei einer 1-Cent-Münze natürlich relativ höher als zum Beispiel bei einem 1-Euro-Stück. Die Debatte um die Abschaffung der kleinen Münzen ist übrigens nicht neu, vor zwei Jahren hat sogar die EU-Kommission mit der Idee gespielt. Und in den Niederlanden, Finnland oder Belgien gibt es Rundungsregeln à la Kleve bereits.

alt Frank Bräutigam

Müssen Geschäfte unbegrenzt Geldmünzen annehmen?

Falls jemand auf die Idee kommt, an der Supermarktkasse seine Kleingeldsammlung loszuwerden - bei richtigen Großeinkäufen wird das schwierig. In Artikel 11 Satz 3 der "Verordnung über die Einführung des Euro" ist geregelt: Niemand ist verpflichtet, pro Zahlung mehr als 50 Münzen anzunehmen. Bei roten Münzen kommt man da auf nicht mehr als 2,50 Euro, bei 2-Euro-Münzen ist die Grenze nach Adam Riese 100 Euro. Die Spardose kann man beim Einkaufen also nur in Grenzen leeren. Allerdings ist die Deutsche Bundesbank nach dem deutschen Münzgesetz verpflichtet, Münzen in jeglicher Anzahl umzutauschen.

Frank Bräutigam, ARD-Rechtsexperte

In der aktuellen Debatte geht es nicht nur um die ganz kleinen Münzen, sondern mehr noch um die ganz großen Scheine.

Richtig. Wenn sich die SPD nun für die Abschaffung des 500-Euro-Scheins ausspricht, folgt sie damit der Forderung von Kriminalitätsbekämpfern. Aus deren Sicht dient die Riesen-Note besonders dem Zweck, große Mengen illegalen Gelds in möglichst kleinen Verstecken zu deponieren. "500-Euro-Scheine werden so aufwendig geschmuggelt wie Rauschgift", sagt Sebastian Fiedler, der Vize-Chef des Bundes deutscher Kriminalbeamter. Andere Verbrechens- bzw. Korruptionsbekämpfer äußern sich der "Welt" zufolge ähnlich.

500-Euro-Scheine | Bildquelle: dpa
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500-Euro-Scheine sind aus Sicht von Kriminalbeamten ein Risiko.

In vielen Ländern ist der größte Schein tatsächlich viel kleiner als im Euroraum, in Großbritannien zum Beispiel ist bei der 50-Pfund-Note Schluss, in den USA beim 100-Dollar-Schein. In der Schweiz hingegen, lange Zeit als Schwarzgeld-Paradies verschrien, erfreut sich die 1000-Franken-Note Medienberichten zufolge größter Beliebtheit.

Und was sind die Argumente dafür, Barzahlungen nur noch bis 5000 Euro zuzulassen?

Im Grunde steckt dahinter dieselbe Idee wie hinter der Abschaffung des 500-Euro-Scheins: Steuerhinterziehern, Drogenbossen oder Terrorhelfern soll die Arbeit erschwert werden.

Wie wird die Debatte ausgehen?

Komplett wird das Bargeld ganz sicher nicht verboten, auch die Ein- und Zwei-Cent-Münzen dürften noch eine Weile erhalten bleiben - aber die 500-Euro-Note könnte tatsächlich bald verschwinden. Anscheinend trifft die Europäische Zentralbank schon entsprechende Vorbereitungen. Und auch bei der Bargeld-Grenze ist nicht auszuschließen, dass sie bald eingeführt wird.

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