Verlauf eines Aktienindex auf einer Kurstafel

Bankaktien nach Brexit im freien Fall Droht Europa der Finanz-GAU?

Stand: 11.07.2016 17:42 Uhr

Erst der Brexit, nun die italienische Bankenkrise: An Europas Börsen ist die Angst zurück, die Aktien fast aller europäischen Banken befinden sich im freien Fall. Droht der nächste Finanz-GAU? Eine Analyse.

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Seit dem Brexit-Referendum haben Aktien europäischer Banken ein Drittel an Wert verloren. Wie ist das zu erklären?

Trotz unzähliger Maßnahmen ist es bis heute nicht gelungen, den europäischen Finanzsektor nachhaltig zu stabilisieren. Darum unterliegen Bankaktien immer wieder starken Schwankungen, die sich phasenweise - wie vorige Woche - zu drastischen Kursverlusten ausweiten.

Aber seit 2008 hat sich doch viel getan: Die Kapitalregeln wurden deutlich verschärft, es gab mehrere Stresstests, die Europäische Bankenunion ist in Kraft …

Offenbar hat das nicht gereicht. Experten führen vor allem einen Grund für die anhaltende Malaise an: Während die USA ihre Banken nach dem GAU von 2008 mit Eigenkapital vollpumpten, beließen es die europäischen Regierungen in vielen Fällen bei bloßer Liquiditätszufuhr. Der Patient kam also ans Atemgerät, wurde aber nicht operiert. Die Hoffnung war, dass sich die Banken mit der Zeit von selbst erholen. Dann aber kam die Eurokrise, die viele südeuropäische Banken regelrecht ausgezehrt hat. Und darauf folgte die Zinskrise, die nun auch den Banken im Norden extrem zu schaffen macht. 

Aber was hat das mit dem Brexit zu tun?

Zunächst einmal ist der Zusammenhang sehr abstrakt: Der Brexit sorgt für Unsicherheit. Also trennen sich die Investoren von den Wertpapieren, die als besonders risikoreich empfunden werden - sprich: Bankaktien. Stattdessen wird das Geld in "sicheren Häfen" angelegt, wie das im Fachjargon heißt. Dazu zählen Bundesanleihen oder auch Gold.

Okay, das ist der abstrakte Zusammenhang. Und der konkrete?

Banken könnten auf verschiedene Weise unter dem Brexit leiden. Viele Ökonomen gehen davon aus, dass die europäische Wirtschaft infolge des Referendums schwächer wachsen wird als gedacht - etwa weil Unternehmen weniger investieren oder Verbraucher weniger konsumieren. Lahmt nun die Konjunktur, dann fallen mehr Kredite aus. Das bedeutet höhere Verluste für die Banken. Und: Lahmt die Konjunktur, dann werden normalerweise auch weniger Aktien gehandelt, werden weniger Anleihen emittiert. Das bedeutet sinkende Erträge für die Banken.

Richtig bergab ging es mit den Bankaktien trotzdem erst, als Anfang Juli bekannt wurde, dass die italienische Großbank Monte dei Paschi wegen ausfallgefährdeter Kredite einen heftigen Rüffel von der EZB kassiert hat …

Logo der italienischen Bank Monte dei Paschi
galerie

Die Probleme der Monte dei Paschi verschärften die Kursverluste.

Richtig. Der Brexit allein hätte vermutlich gar nicht diese Kurseinbrüche verursacht - genauso wie umgekehrt die Monte-dei-Paschi-Meldung ohne Brexit kaum solch einen Aufruhr ausgelöst hätte. Richtig schlimm wurde es, weil beides zusammenkam. Erstens die Erkenntnis, dass die Probleme italienischer Banken offenbar akuter sind als gedacht. Und zweitens die Befürchtung, dass durch den Brexit nun alles noch viel schlimmer wird.

Worum geht es bei der Monte dei Paschi?

Es heißt, die EZB habe das Institut aufgefordert, ihren Bestand an faulen Krediten von rund 47 Milliarden Euro auf rund 33 Milliarden Euro herunterzufahren. Die damit drohenden Verluste dürften zur Folge haben, dass die Bank frisches Kapital benötigt. Die Analysten von Morgan Stanley beispielsweise schätzen den Kapitalbedarf auf zwei bis sechs Milliarden Euro.

… was jetzt nicht so wahnsinnig viel ist im Vergleich zu den Summen, um die es bei den Bankenrettungen 2008 und 2009 ging …

Das ist richtig. Allerdings gehen die Probleme des italienischen Bankensektors weit über die Monte die Paschi hinaus. Insgesamt sollen in den Bilanzen der italienischen Geldhäuser ausfallgefährdete Kredite im Umfang von rund 360 Milliarden Euro schlummern - eine Verdopplung im Vergleich zu 2011. Zwar haben die Institute Rückstellungen gebildet, um mögliche Verluste auffangen zu können. Diese Reserven decken den Analysten zufolge allerdings nur einen Teil der Risiken ab.

Seit wann wusste man davon?

Das Problem als solches ist schon lange bekannt. Das Prinzip Hoffnung allerdings, das in vielen europäischen Ländern in Bezug auf die Banken galt, galt in Italien ganz besonders. Nun zeigt sich, dass sich die Lage der italienischen Finanzinstitute über die Jahre allerdings nicht verbessert, sondern eher verschlechtert hat.

Ministerpräsident Matteo Renzi will die Banken, die am stärksten betroffen sind, mit Staatsgeld stabilisieren. Doch die EU-Kommission und die Bundesregierung wehren sich dagegen. Warum?

Weil Staatshilfen nach den neuen europäischen Regeln, die zu Beginn dieses Jahres in Kraft getreten sind, nur noch in Ausnahmefällen erlaubt sind. Nicht mehr die Steuerzahler sollen einspringen, sondern die Anleihegläubiger. Das war eine der großen Lehren, die die Politik aus der Finanzkrise gezogen hat.

Warum bittet Renzi nicht einfach die Gläubiger zur Kasse?

Die Argumente von 2008 - nämlich die Angst, dass eine Gläubigerhaftung zu einer Kettenreaktion führt - sind ja nicht plötzlich obsolet, nur weil sich die Politik geschworen hat, die Banken nicht noch einmal auf Kosten der Steuerzahler rauszureißen. Niemand weiß, was passiert, wenn man Geldhäuser im großen Stil "abwickelt" (vulgo: pleitegehen lässt). Daneben treibt Renzi noch eine weitere, vermutlich sogar größere Sorge: Unter den Anleihegläubigern der italienischen Banken befinden sich sehr viele Kleinanleger. Wenn Renzi zulässt, dass sie ihr Geld verlieren, könnte das einem politischen Selbstmord gleichkommen. Die Gemengelage ist also, gelinde gesagt, äußerst komplex.

Wie groß ist die Gefahr, dass die italienische Bankenkrise auf andere Länder ausstrahlt?

Sie ist zumindest nicht gering. Insgesamt sollen Europas Banken auf faulen Krediten in Höhe von rund 900 Milliarden Euro sitzen.

Was machen die deutschen Banken?

Dank der stabilen konjunkturellen Lage sind die Ausfallraten bei klassischen Krediten für Unternehmen, Konsumenten oder Häuslebauer hierzulande extrem gering. Das heißt aber nicht, dass die Banken prächtig dastünden. Die Deutsche Bank leidet noch immer unter Altlasten, was im vergangenen Jahr zu einem horrenden Verlust von sieben Milliarden Euro geführt hat. Und auch die Commerzbank hat sich von der Finanzkrise nie wirklich erholt. Hinzu kommen Probleme mit ausfallgefährdeten Schiffskrediten. Hiervon sind - neben der Commerzbank - vor allem die Landesbanken betroffen. Das größte Ungemach droht allerdings an anderen Stellen: Angesichts der niedrigen Zinsen tun sich die Banken immer schwerer, im Kreditgeschäft eine auskömmliche Marge zu erzielen. Dieses Problem wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen.

Droht der nächste Finanz-GAU?

Im Moment spricht mehr dagegen als dafür. Denn bei allen beschriebenen Schwierigkeiten - es ist nicht so, dass die Maßnahmen der vergangenen Jahre überhaupt nicht gefruchtet hätten. Ein Beispiel: Dank der schärferen Kapitalregeln dürften die meisten europäischen Banken mögliche Verluste heute besser wegstecken als 2008. Ohnehin lässt sich die Lage mit damals nur schwer vergleichen. In den Nullerjahren wurden den Banken ihre Spekulationen zum Verhängnis. Heute sind sie von Faktoren abhängig, die sie selbst nur bedingt beeinflussen können, nämlich Konjunktur und Zins.       

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Juli 2016 um 17:00 Uhr.

Darstellung: