Das Logo der Deutschen Bank als verzerrtes Spiegelbild in einer gegenüberliegenden Hochausfassade der Firmenzentrale des Bankhauses in Frankfurt am Main | Bildquelle: dpa

Analyse zur HV der Deutschen Bank Das Ende eines Geschäftsmodells

Stand: 21.05.2015 02:08 Uhr

Die Deutsche Bank steckt in der schwersten Krise ihrer Geschichte. Doch nicht alle Probleme sind hausgemacht. Denn momentan windet sich die gesamte Branche in Agonie, von den globalen Investmentbanken bis zur kleinsten Sparkasse.

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Offiziell firmiert die Veranstaltung als Hauptversammlung. In Wirklichkeit wird es eine Abrechnung werden. Eine Abrechnung der Deutsche-Bank-Aktionäre mit dem Deutsche-Bank-Vorstand.

Es ist die erste HV, seit das größte deutsche Geldinstitut den Verkauf der Postbank verkündet hat. Die erste, seit es wegen Zinsmanipulationen zu einer Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar verurteilt wurde. Die erste, seit sich Vorstandschef Jürgen Fitschen wegen versuchten Prozessbetrugs vor Gericht verantworten muss. Namhafte Großaktionäre werden sich darum weigern, den Vorstand zu entlasten. Ein beispielloser Affront.

Einst kostete die Aktie 100 Euro. Jetzt sind es 30.

In der Tat ist der Zustand  der Deutschen Bank - dieser einst stolzen, fast 150 Jahre alten Institution - desaströs. Abseits aller Skandale und Skandälchen genügt der Blick auf ein paar schnöde Kennziffern, um die Lage zu beschreiben.

Da ist zum Beispiel die Eigenkapitalrendite, also jene Zahl, die den Gewinn ins Verhältnis zum eingesetzten Kapital setzt. Bei 0,4 Prozent, 1,2 Prozent und 2,7 Prozent lag dieser Schlüsselwert in den vergangenen Jahren - dabei galten einst 25 Prozent als Ziel. „Eine Rendite wie ein Sparbuch“, ätzt der Bankenanalyst Dieter Hein von Fairesearch.

Verheerend ist auch der Aktienkurs, der im Sommer 2007 bei fast 100 Euro lag, seit Jahren aber nur noch um die 30 Euro dümpelt. Die Folge: Mit einem Börsenwert von rund 40 Milliarden Euro gehört die Deutsche Bank nicht einmal mehr zu den zehn größten Geldhäusern in Europa.

Der Absturz des einstigen Vorzeigeinstituts ist im Kern das Resultat einer strategischen Fehleinschätzung - nämlich zu glauben, man könne nach der Finanzkrise einfach so weitermachen wie zuvor. Heute, gut fünf Jahre nach dem globalen Finanz-GAU, zeigt sich, dass Konkurrenten, die ihr Geschäftsmodell damals infrage stellten, inzwischen viel besser dastehen als die Deutsche Bank. Ein Beispiel ist die Schweizer UBS, die ihre risikobehafteten Investmentgeschäfte radikal zurechtstutzte und sich stattdessen auf die Betreuung reicher Kunden konzentrierte.

Warum die Deutsche Bank kein Einzelfall ist

Gleichwohl sind nicht alle Probleme hausgemacht. Denn die Deutsche Bank ist kein Einzelfall - sondern das Abbild einer Branche, die momentan in Agonie zu versinken scheint.

Das hat zunächst einmal mit den unmittelbaren Nachwehen der Finanzkrise zu tun. Ein Beispiel sind die teils horrenden Strafzahlungen, zu denen die Banken für einstige Exzesse wie die Zinsmauscheleien verdonnert werden. Die Boston Consulting Group schätzt, dass die Branche inzwischen Bußgelder in Höhe von 170 Milliarden Euro gezahlt hat. Ein anderes Beispiel sind "die explodierenden Regulierungskosten“, wie Markus Krall, Bankenchef bei der Unternehmensberatung Goetzpartners, sagt.

Bloß - die Folgen der Finanzkrise erklären die Malaise der Banken nur zum Teil. Denn die eigentlichen Probleme der Branche reichen tiefer, nämlich ins Herz ihrer Geschäftsmodelle.    

Aktionäre kritisieren Kurs der Deutschen Bank
tagesschau 20:00 Uhr, 21.05.2015, Sandra Scheuring, HR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Ohne Zins keine Marge - so einfach ist das

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass die Erträge der Banken in der Vergangenheit vor allem aus zwei Quellen stammten. Die eine nennt man "Fristentransformation", die andere "Leverage" - und beide sind weniger kompliziert, als es sich zunächst anhört.

Mit "Fristentransformation" ist gemeint, dass Banken kurzfristige Einlagen (zum Beispiel das Tagesgeld ihrer Kunden) in langfristige Kredite (zum Beispiel an Häuslebauer) verwandeln. Da die langfristigen Zinsen in der Vergangenheit meist deutlich höher waren als die kurzfristigen, bildete sich für die Geldhäuser quasi automatisch eine Marge.

EZB startet Kauf von Staatsanleihen
galerie

Die Niedrigszinspolitik der EZB macht vielen Banken zu schaffen.

Im Zuge der Niedrigzinspolitik der großen Notenbanken wie EZB und Fed funktioniert dieses Spiel aber kaum noch. Manche Banken bieten rund ein Prozent aufs Tagesgeld - und verlangen 1,5 Prozent für ein zehnjähriges Hypothekendarlehen. Die Differenz reicht kaum, um die Risikokosten (Kredite können ausfallen …) zu decken, geschweige denn, um einen auskömmlichen Gewinn zu erwirtschaften. Die Erosion des Zinsüberschusses zeigt sich gerade in den Bilanzen der Sparkassen und Volksbanken. In den nächsten zwei, drei Jahren könnte dieses Problem für manche Institute existenziell werden. 

Der Trick mit dem Hebel funktioniert nicht mehr

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem "Leverage" (auf Deutsch "Hebeleffekt"). Damit ist gemeint, dass Banken ihre Rendite "hebeln", indem sie bewusst wenig eigenes Kapital einsetzen und stattdessen fast ausschließlich mit geliehenem Geld arbeiten (neben den Kundeneinlagen zählen dazu auch die Einnahmen aus der Emission von Anleihen).

Der Effekt ist verblüffend: Denn wenn eine Bank - stark vereinfacht - aus 100 Millionen Euro investiertem Kapital eine Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet, dann beträgt die Rendite 1,0 Prozent. Sind von den 100 Million Euro aber nur drei Millionen Euro eigenes Kapital, so liegt die Eigenkapitalrendite bei satten 33 Prozent (eine Million Gewinn aus drei Millionen Kapital).

Das Problem ist allerdings, dass sich durch "Leverage" eben nicht nur die Gewinne, sondern - in Krisenzeiten - die Verluste vervielfachen. Darum verlangen die Aufseher, dass die Branche künftig wenigstens fünf Prozent ihrer Geschäfte mit eigenem Geld betreibt. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank hatte vor der Krise eine "Leverage Ratio" von gerade einmal drei Prozent.

Sandra Scheuring, HR, zur Hauptversammlung der Deutschen Bank
tagesschau24 14:30 Uhr, 21.05.2015

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Lohnt sich "Banking" überhaupt noch?

Bundesbank-Vorstandsmitglied Andreas Dombret | Bildquelle: AFP
galerie

Bundesbank-Vorstandsmitglied Andreas Dombret fordert von den Banken neue Geschäftsmodelle.

Für die Schwere der Krise gibt es mittlerweile viele Symptome. Die Hypo-Vereinsbank macht bis Jahresende rund 260 ihrer gut 600 Filialen dicht. Bundesbank-Vorstandsmitglied Andreas Dombret fordert die Branche inzwischen fast im Wochenrhythmus auf, ihre "Geschäftsmodelle zu überdenken". Und Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon polemisiert immer verzweifelter gegen die Zinspolitik der EZB.

Und im Ausland? Die globalen Investmentbanken wie die Londoner Barclays haben in den vergangenen Jahren Zehntausende Mitarbeiter entlassen. Und der weltgrößte Industriekonzern General Electric hat kürzlich verkündet, seine Finanztochter größtenteils zu verkaufen. Man kann darin eine Zeitenwende sehen: 2007, ein Jahr vor dem großen Crash, verdiente General Electric mit seinen Finanzgeschäften quasi genauso viel Geld wie im Kerngeschäft. Nun, nur acht Jahre später, stellt das Management fest, dass sich "Banking" nicht mehr lohnt.

Darstellung: