Ein DB Zug im Bahnhof. | Bildquelle: dpa

Zusammenarbeit mit umstrittenem Anbieter Bahn gibt Kundendaten weiter

Stand: 10.05.2016 06:07 Uhr

Die Bahn hat nach Informationen des SWR ein Datenschutz-Problem: Der Konzern ermöglicht einer Firmengruppe, die zugleich eine Auskunftei betreibt, in bestimmten Fällen den Zugriff auf Kundendaten. Die Firma stand bereits wegen Sicherheitslücken in der Kritik.

Von Alexander Drechsel, SWR

Markus Taglieber führt ein solides Leben. Er ist seit Jahren bei einem renommierten Weltunternehmen in Baden-Württemberg angestellt, verheiratet und engagiert sich ehrenamtlich bei einer Hilfsorganisation. Aber für den Bertelsmann-Konzern ist Taglieber ein Kunde, vor dem Unternehmen gewarnt werden müssen.

Handy-Ticket mit Spätfolge

Die Geschichte beginnt Ende Mai 2015 mit einer Fahrt mit der Deutschen Bahn. Taglieber steigt mehrfach um, wobei sein Zugticket immer kontrolliert wird. Als er auf dem letzten Streckenabschnitt sein Handy mit dem elektronischen Fahrschein vorzeigt, überrascht ihn die Schaffnerin: "Nein, ein PDF ist ungültig, alleine ein ausgedruckter Fahrschein ist gültig."  

Die Schaffnerin irrt, kennt offensichtlich die Beförderungsbedingungen der Bahn nicht. Taglieber nutzt das wenig, trotz eines gekauften Tickets und sofortigen Widerspruchs gilt er nun als Schwarzfahrer. Er bekommt Post aus Baden-Baden - von der DB Fahrpreisnacherhebungsstelle und er soll 40 Euro Strafe zahlen. Was Taglieber nicht ahnen kann: Der Brief wurde nicht von der Deutschen Bahn abgeschickt. 

Markus Taglieber hatte nach der Fahrkartenkontrolle Probleme mit der Bahn.
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Markus Taglieber bekam Probleme mit seinem Handy-Ticket - und später mit seiner Kreditwürdigkeit.

Post von der Bahn, die nicht von der Bahn kommt

SWR-Recherchen zufolge stammt die Post von Arvato Infoscore, einem Tochter-Unternehmen des Bertelsmann-Konzerns. Doch es findet sich nirgendwo ein Hinweis auf den tatsächlichen Absender. Und wer die Internetseite www.db-fahrpreisnacherhebung.de aufruft, wähnt sich auf einer Seite der Deutschen Bahn. 

Experte: Bahn führt Kunden in die Irre

Gegenüber dem SWR musste die Bahn nun einräumen, dass die Daten im Zuge der Fahrpreisnacherhebung, E-Mails, Telefonanrufe und Briefe bei Arvato Infoscore in Baden-Baden auflaufen. Nach Ansicht des Kölner Jura-Professors, Karl-Nikolaus Peifer, ist das ein Verstoß gegen Datenschutz und Wettbewerbsrecht sowie eine Irreführung von Bahnkunden: "Zum einen über den Kommunikationspartner und zum anderen was mit den Daten geschieht und an wen sie übermittelt werden." Laut Peifer, der Medienrecht lehrt und beim Oberlandesgericht als Richter im Wettbewerbsrecht urteilt, kann die Bahn deswegen von Verbraucherverbänden abgemahnt und von Datenschutzbeauftragten mit einem Bußgeld belegt werden. 

Blick ins Innere eines ICE-Waggons der ersten Generation
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Bei der Fahrkartenkontrolle im Zug besteht offenbar die Gefahr, dass die Bahn Kundendaten an Dritt-Firmen weitergibt.

1,35 Millionen Fahrpreisnacherhebungen im Jahr

Ein Sprecher der Bahn sieht im Einbeziehen eines externen Dienstleisters bei der Fahrpreisnacherhebung dagegen einen Vorteil: "Um das zu zentralisieren, auch aus Sicht des Kunden, läuft der gesamte Kontakt über diese Adresse in Baden-Baden.“ Arvato Infoscore wickle lediglich den Zahlungsverkehr ab. Entscheidungen, ob beispielsweise ein Fahrschein gültig gewesen sei, würden Bahn-Mitarbeiter in Frankfurt fällen. Was der Sprecher nicht sagt: Es gibt für den Kunden keinen Hinweis auf diese Arbeitsteilung. Er wird in dem Glauben gelassen, mit einer Außenstelle der Bahn in Baden-Baden zu kommunizieren. Bei der Bahn fallen jährlich etwa 1,35 Millionen Fälle von Fahrpreisnacherhebungen an. 

Kundendaten frei Haus

Brisant ist, dass über www.db-fahrpreisnacherhebung.de Adressdaten aktualisiert oder eine Ratenzahlung vereinbart werden können. Diese und andere Informationen, die im Laufe eines Zahlungsstreits anfallen, sind für eine Auskunftei wertvoll. Denn diese Firmen verdienen ihr Geld damit, dass sie Daten speichern, um dann mittels eines geheimen Verfahrens, Scoring genannt, die Kreditwürdigkeit von Verbrauchern zu errechnen. Wer dabei zu schlecht abschneidet, bekommt beispielsweise keinen Handyvertrag oder keine Mietwohnung. Arvato Infoscore betreibt eine solche Auskunftei in Baden-Baden. 

Nicht belastbare Auskünfte

Die Auskunftei von Infoscore hat einen zweifelhaften Ruf. Sie stand wegen fehlerhaften Datensätze und Sicherheitslücken in der Kritik. Etwa die Hälfte aller Beschwerden, die Verbraucher gegen Infoscore einreichten, seien berechtigt, sagt Walter Krämer von der Stelle des Landesdatenschutzbeauftragten Baden-Württemberg. Krämer muss es wissen, denn vom Gesetz her ist der einzige Außenstehende, der tiefe Einblicke bei Infoscore bekommen kann. Seit Jahren muss er die Auskunftei beaufsichtigen und sein Urteil ist wenig schmeichelhaft: "Bei Infoscore hat man den Verdacht, dass alles gespeichert wird, was von Dritten reinkommt, oftmals völlig undifferenziert."

Schlechte Bonität nach Streit mit der Bahn

Auch im Fall des vermeintlichen Schwarzfahrers Markus Taglieber gibt es Fragezeichen: Monatelang stritt er mit der Bahn, bis schließlich alle Forderungen gegen ihn zurückgezogen wurden. Danach fragte Taglieber bei drei Auskunfteien zeitgleich seine Kreditwürdigkeit ab. Schufa und Creditreform bescheinigten ihm eine überdurchschnittlich hohe Bonität. Bei Infoscore lag dieser Wert unter dem Durchschnitt. 

Avarto Firmenzentrale
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In der Firmenzentrale von Avarto Infoscore in Baden-Baden laufen die Fäden zusammen.

"Ich vermute mal, dass es bei dieser Wirtschaftsauskunftei zu einer "Einmeldung" gekommen ist, die wohl nicht ganz richtig gewesen ist", sagt Professor Jürgen Taeger von der Universität in Oldenburg angesichts des Ergebnisses. Der Jurist hat im Auftrag des Interessenverbands Wirtschaftauskunfteien eine Studie herausgegeben und auch den Bundestag beraten. Das Gesetz nenne klare Grenzen, wann es eine solche "Einmeldung" geben dürfe, sagt Taeger weiter. Doch bei Markus Taglieber wurde keine dieser Grenzen überschritten. Er hatte sofort der ursprünglichen Fahrpreis-Nachforderung der Bahn widersprochen. In so einem Fall dürfen laut Gesetz keine Informationen an eine Auskunftei weitergereicht werden.

Bahn vertraut Infoscore

Es wäre nicht der erste Fehler bei Infoscore. Vor einem Jahr war die Auskunftei in den Negativschlagzeilen, weil sie sensible Verbraucherdaten öffentlich zugänglich ins Netz gestellt hatte. 

Aber selbst nach diesem Vorfall wurde die Bahn nicht misstrauisch. Und auch jetzt sieht der Konzern keinen Anlass, an der "vertragsgemäßen und datenschutzkonformen Arbeit von Arvato Infoscore zu zweifeln". Infoscore selber teilte in einer Stellungnahme mit, sich an das Bundesdatenschutzgesetz zu halten und seine Datenbanken täglich zu aktualisieren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Mai 2016 um 05:49 Uhr.

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