Interview

Selbstfahrende Autos Kein Fahrer, kein Lenkrad - viele Fragen

Stand: 10.02.2015 17:53 Uhr

Das selbstfahrende Auto der Zukunft kommuniziert ständig mit anderen Fahrzeugen oder mit Ampeln, um optimal voranzukommen. Doch es gibt viele offene Fragen, sagt Informatiker Daniel Göhring im tagesschau.de-Interview. Zum Beispiel: Was passiert mit all den Daten?

tagesschau.de: In der Automobilbrache werden vernetzte und autonome Autos als großer Zukunftsmarkt gesehen. Was können diese Autos?

Daniel Göhring: Beim vernetzten Auto geht es darum, dass ein Fahrzeug mit seiner Umgebung kommuniziert. Durch Sensoren können Autos den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug regulieren. Staus können so automatisch gemeldet werden. Sobald ein Auto in einen Stau gerät, würden alle Autos in der Umgebung gewarnt. Dadurch könnte man auch Auffahrunfälle vermeiden.

alt Daniel Goehring

Zur Person

Daniel Göhring ist Informatiker und leitet an der Freien Universität Berlin ein Forschungsprojekt zu autonomen Fahrzeugen.

Die Entwicklung geht dahin, dass Autos auch mit der gesamten Infrastruktur kommunizieren, beispielsweise mit Ampeln. Dann könnte mein Auto eine Anfrage an die nächste Ampel stellen, ob sie nicht auf grün schalten könnte, falls alles frei ist. Dadurch könnte der Verkehrsfluss viel effizienter und ökologischer gestaltet werden.

tagesschau.de: Bei den autonomen Autos geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter: Wie funktionieren die?

Göhring: Ein autonomes Auto fährt komplett selbstständig, das heißt, es gibt keinen Fahrer mehr. Man gibt einfach im Navi ein Ziel ein und lässt sich dorthin chauffieren. Es gibt dann beispielsweise wie im Zug nur noch vier Sitze und vielleicht einen Tisch, die Mitfahrer können sich unterhalten, es muss nicht einmal mehr ein Lenkrad geben. Durch die ständige Kommunikation des Fahrzeugs mit der Umgebung könnten die Autos sich gegenseitig Platz machen.

tagesschau.de:  Wie weit ist die Entwicklung hier bereits?

Göhring: Staumeldungen und bestimmte Assistenzsysteme gibt es bereits seit einigen Jahren serienmäßig. Zum Beispiel adaptive Tempomaten, die durch Sensoren den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug halten. Und es gibt auch schon Vorstufen zum autonomen Fahren: beispielsweise bestimmte Automodelle, die - wenn man das Lenkrad loslässt - noch acht Sekunden selbstständig weiterfahren, die Spur und den Abstand halten. Mehr als acht Sekunden erlaubt der Gesetzgeber noch nicht.

Ein mit Bosch-Technik ausgestattetes Fahrzeug des Typs Jeep Cherokee | Bildquelle: dpa
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Autonome Autos werden von allen großen Herstellern entwickelt.

Alle großen Autohersteller, Universitäten und auch Google entwickeln und testen gerade autonome Fahrzeuge und es gibt bereits Prototypen. In Deutschland sind sie auf den Straßen allerdings noch nicht zugelassen, aber auch hier geht es voran: Verkehrsminister Dobrindt will die A9 zur Teststrecke für autonome Autos machen.

"Nur noch 20 Prozent der Autos in Städten"

tagesschau.de:  Wie könnte der Straßenverkehr in der Zukunft dann aussehen?

Göhring: In Zukunft hat man in den Städten vielleicht gar kein eigenes Auto mehr, sondern man fordert bei Bedarf ein autonomes Taxi an. Das kommt dann alleine angefahren, man steigt ein, kann während der Fahrt schlafen, steigt aus und das Fahrzeug fährt wieder weg. Das hätte den Vorteil, dass man in der Stadt beispielsweise nur noch 20 Prozent der Fahrzeuge bräuchte oder noch weniger.

tagesschau.de: Die Technik ist schon sehr weit, es gibt aber noch viele rechtliche Bedenken, wenn Autos ohne Fahrer unterwegs sein sollen. Welche Risiken gibt es?

Göhring: Jede Technik ist auch störanfällig. Ein Sensor kann mal ausfallen, der Autopilot versagen, da kann es zu schweren Unfällen kommen. Ein weiteres Problem ist, dass solche Systeme auch gehackt werden können. Bei BMW wurden beispielsweise kürzlich automatische Türschlösser gehackt, die mit dem Smartphone geöffnet werden können. Diese Kommunikation zwischen Telefon und Fahrzeugen konnte man ohne großen Aufwand nachbauen. Und das Fatale ist: Wenn man eine Schwachstelle kennt, kann man das wie bei einem Computervirus blitzschnell auf Tausende Systeme anwenden. Das könnte im Extremfall dazu führen, dass man Tausende Autos fernsteuern kann.

Die Fahrzeughersteller arbeiten zwar intensiv daran, Sicherheitslücken ausfindig zu machen und zu schließen, auch in Kooperation mit Hackern. Mich persönlich beruhigt das aber nicht. Solche Systeme sind potentiell unsicher.

"Maschine entscheidet, wen sie rammt"

tagesschau.de:  Wer würde im Falle eines Unfalls haften?

Göhring: Auch diese Frage ist ungeklärt: Haftet der Hersteller oder eine Versicherung? Der Mitfahrer oder Autobesitzer kann ja schlecht haften, er fährt ja nicht mehr selbst. Und bei Unfällen werden auch ethische Fragen aufgeworfen. Wenn ein selbst fahrendes Auto einen Unfall nicht mehr verhindern kann, muss die Maschine beispielsweise entscheiden, wohin sie ausweicht. Ein Beispiel: Es gibt die Wahl zwischen zwei Motorradfahrern, einer trägt einen Helm, der andere nicht. Weil der Motorradfahrer mit Helm besser geschützt wäre, könnte die Maschine sich entscheiden, ihn zu rammen und nicht den anderen. Ethisch wäre das aber fragwürdig, weil dadurch Menschen, die sich besser schützen, quasi bestraft würden. Und die Frage ist ohnehin: Wollen wir, dass Maschinen solche Entscheidungen treffen?

Selbstfahrendes Auto von Google | Bildquelle: dpa
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Google hat bereits ein selbstfahrendes Auto entwickelt.

tagesschau.de: Und was ist mit dem Datenschutz?

Göhring: Auch das ist eine völlig ungeklärte Frage. Ein Auto schickt ja sehr viele Daten auf einen Server, also zunächst mal an den Hersteller: Da wird übermittelt, wie schnell ich fahre, wohin ich fahre und ob ich mich an die Verkehrsregeln halte. Im Falle eines Unfalls, könnte man so zwar leicht die Schuldfrage klären, aber viele Menschen haben Bauchschmerzen bei dem Gedanken, so viele Daten preiszugeben.

Daran schließt sich die Frage an: Wem gehören diese Daten? Dem Fahrzeugbesitzer oder dem Hersteller? Und wie kann sichergestellt werden, dass sie nicht in falsche Hände geraten? Uber hat ja kürzlich Bewegungsprofile von Mitfahrern erstellt und herausgefunden, was die Menschen samstagsabends tun. Versicherungen, Werbeindustrie, Behörden oder Firmen wie Google oder Apple haben großes Interesse an solchen Daten. Und es gibt noch kein überzeugendes Konzept, wie diese Daten gesichert werden können.

"2020 autonome Autos auf Autobahnen"

tagesschau.de:  Wie ist Ihre Prognose, wann werden die ersten autonomen Autos in Deutschland fahren?

Göhring: In den nächsten drei bis fünf Jahren werden wir auf Autobahnteststrecken die ersten autonomen Fahrzeuge sehen. Die meisten Experten gehen davon aus, dass es spätestens im Jahr 2020 bereits regulär autonome Autos auf Autobahnen geben wird. Dort ist der Verkehr nicht sehr komplex, es gibt keine Kinder, Radfahrer, quer parkende Autos. In den Städten wird die Entwicklung noch sehr viel länger dauern, da die Verkehrssituation hier sehr viel unübersichtlicher ist. Manche sagen, hier werden frühestens 2030 autonome Autos fahren, es könnte aber auch 2050 oder später sein.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

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