Der Auspuff eines Diesel-Fahrzeugs | Bildquelle: dpa

Abgasversuche "Tests in keiner Weise zu rechtfertigen"

Stand: 30.01.2018 06:23 Uhr

Die Bundesregierung ist entsetzt angesichts der Tests, in denen die Autolobby die Wirkung von Abgas an Menschen und Affen untersuchte. Auch die beteiligten Konzerne wollen sich nun eilends distanzieren.

Barbara Hendricks | Bildquelle: dpa
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Barbara Hendricks äußerte sich "entsetzt" über die bekannt gewordenen Vorwürfe.

Die Abgasexperimente mit Menschen und Tieren haben Aufregung und Empörung in der Politik und Automobilbranche ausgelöst. "Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen und werfen viele kritische Fragen an diejenigen, die hinter diesen Tests standen, auf", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Fragen müssten dringend beantwortet werden. Den Kontrollgremien der beteiligten Auftraggeber komme eine besondere Verantwortung zu.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) äußerte sich "entsetzt" über die bekannt gewordenen Vorwürfe, die Versuche an Affen und Menschen gleichermaßen betreffen. Was bislang bekannt sei, sei "abscheulich", sagte sie. Die Hintergründe zu diesem Skandal gehörten jetzt schnell auf den Tisch. "Dass eine ganze Branche anscheinend versucht hat, sich mit dreisten und unseriösen Methoden wissenschaftlicher Fakten zu entledigen, macht das Ganze noch ungeheuerlicher", sagte Hendricks. Sie sei ebenso "erschüttert" darüber, dass sich offenbar Wissenschaftler für die Begleitung dieser "widerwärtigen Experimente" zur Verfügung gestellt haben.

Hintergrund: Stickstoffoxide

Stickstoffoxide (NOx) ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene gasförmige Verbindungen, vereinfacht werden nur die beiden wichtigsten Verbindungen Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2) dazu gezählt. Stickstoffdioxid wirkt reizend auf Schleimhäute in den Atemwegen und die Lunge. Akut treten Hustenreiz, Atembeschwerden und Augenreizungen auf, besonders bei empfindlichen oder vorgeschädigten Personen.

Quelle: Umweltbundesamt

Studie am Uniklinikum Aachen von 2016

Ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums sagte, der geschäftsführende Ressortchef Christian Schmidt habe kein Verständnis für Tests zum Schaden von Tieren und Menschen, die nicht der Wissenschaft dienten, "sondern ausschließlich PR-Zwecken". Die Untersuchungskommission im Verkehrsministerium werde zu einer Sondersitzung zusammenkommen, um zu prüfen, ob es weitere Fälle gebe.

Die "Stuttgarter Zeitung" hatte von einem Experiment berichtet, bei dem sich Probanden dem Reizgas Stickstoffdioxid ausgesetzt hätten. Autoabgase gelten als wichtigste Quelle für das Gas.

Diese Untersuchung soll aber nichts mit dem Dieselskandal zu tun gehabt haben. Das betont der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus von der Universität Aachen. Die Studie von 2013 habe sich mit dem Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz befasst, erklärte Kraus der Deutschen Presse-Agentur. Die Ethikkommission habe die Studie als vertretbar bewertet. 25 gesunde Menschen seien dabei Belastungen ausgesetzt worden, die unterhalb der Belastungen am Arbeitsplatz lägen.

"Nicht per se fragwürdig"

Dagegen hält der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Prof. Peter Dabrock die Stickstoffdioxid-Versuche mit Menschen nicht per se für ethisch fragwürdig. "Solche Expositionsversuche gibt es zuhauf", sagte er im Interview mit der tagesschau . "Und wir sind eigentlich auch froh, dass es so etwas gibt. Weil wir nur auf diese Art und Weise heraus bekommen, ob etwas gefährlich ist. Es kommt immer darauf an, wie so etwas durchgeführt worden ist."

Im vorliegenden Fall sei eine Ethikkommission involviert gewesen. Der Versuch sei bereits 2016 öffentlich gemacht worden. Allerdings sei nicht transparent gewesen, dass hinter dem EUGT ("Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor"), einer von VW, Daimler und BMW finanzierten Lobby-Initiative, die Autoindustrie stecke. Für Dabrock zeigt die Skandalisierung, dass die Autoindustrie in einer massiven Vertrauenskrise stecke. Er sieht Kommunikationsfehler auf Management-Ebene. Und der Fall zeige das Dilemma der Forschung und Wissenschaft beim Thema Sponsoring.

Autoindustrie: Abgastests auch an Menschen
tagesthemen 22:15 Uhr, 29.01.2018, Christine Adelhardt, Andreas Hilmer, NDR

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Auto-Lobby finanzierte Studie

In dem EUGT-Bericht hieß es im Gegensatz zu den Aussagen des Studienleiters zu dem Experiment: "Als höchste experimentelle Konzentration sei der dreifache Arbeitsplatzgrenzwert eingesetzt" worden. Zudem wird in dem EUGT-Bericht eine Verbindung zu Dieselmotoren gezogen.

Wie die "Stuttgarter Zeitung" schreibt, ergab die Studie nach Einschätzung der EUGT, dass keine Wirkung festgestellt werden konnte. Die Autoren der Studie wiesen in ihrem Bericht aber auch explizit darauf hin, dass die Ergebnisse anders ausfallen könnten, wenn Menschen längerfristig dem Reizgas ausgesetzt sind.

Daimler, VW und BMW distanzieren sich

Erst am Wochenende war bekannt geworden, dass der Volkswagen-Konzern in den USA die Wirkung von Abgas auf Affen getestet hatte. Der Konzern räumte nun ein, dass Mitarbeiter von den umstrittenen Tierversuchen in den USA wussten. "Informationen über die Studie der US-Forscher hatten einzelne Mitarbeiter in der Rechtsabteilung des Konzerns, in den Konzern-Außenbeziehungen, in der Technischen Entwicklung der Marke Volkswagen und bei Volkswagen of America", teilte VW. Die Studie sei nicht Gegenstand einer Vorstandssitzung gewesen.

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh
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Fordert umfassende Aufklärung: VW-Betriebsratschef Osterloh

VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch hatte zuvor eine umfassende Aufklärung angekündigt. "Wer auch immer dafür Verantwortung zu tragen hat, ist selbstverständlich zur Rechenschaft zu ziehen", hatte er gesagt. Auch VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh forderte in der Zeitung "Welt" die Aufklärung der Vorwürfe: "Hier sind offensichtlich ethisch-moralische Grenzen überschritten worden." Auch der bayerische Autobauer BMW distanzierte sich von den Versuchen.

Die EUGT wurde im Sommer 2017 aufgelöst. Auch die an den Versuchen beteiligten Konzerne distanzieren sich eilends. Daimler erklärte nach Bekanntwerden der Experimente, man verurteile diese "auf das Schärfste". Das Vorgehen der EUGT widerspreche den Werten und ethischen Prinzipien des Unternehmens. Auch wenn Daimler keinen Einfluss auf den Versuchsaufbau gehabt habe, habe man eine umfassende Untersuchung eingeleitet.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Januar 2018 um 16:00 Uhr.

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