Fragen und Antworten

Szenario zur Zukunft der Euro-Zone Was passiert, wenn Griechenland austritt?

Stand: 16.06.2012 15:07 Uhr

Eigentlich will ihn keiner. Die Euro-Staaten nicht, und selbst die Griechen nicht. Und doch wird immer wieder über einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone gesprochen. Aber geht das überhaupt? Und welche Folgen hätte ein solcher Schritt? tagesschau.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

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Von Thorsten Wiese, tagesschau.de

Griechenland raus aus dem Euro - geht das überhaupt?

Eigentlich nicht. Denn Griechenland kann nicht einfach aus der Währungsunion austreten. Der Grund: Gemäß dem EU-Vertrag von Lissabon ist eine Mitgliedschaft in der Währungszone "unwiderruflich". Eine Klausel, die den Fall eines Austritts regelt, fehlt im Vertragswerk. Denn der Euro-Raum war als "Schicksalsunion" vorgesehen.

Auch ein Rauswurf ist daher juristisch nur schwer möglich. Dafür müsste streng genommen zunächst der EU-Vertrag umgeschrieben werden, und dazu ist die Zustimmung aller 27 Mitglieder notwendig. Eine solche Neuregelung könnte sehr lange dauern oder auf dem Weg politisch scheitern. Außerdem müsste am Ende immer noch Griechenland selbst der Vertragsänderung zu seinem eigenen Ausschluss zustimmen. Die Diskussion ginge von vorne los.

Kann Griechenland aus der Euro-Zone austreten?
M. Bohne, MDR Brüssel
03.11.2011 15:55 Uhr

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Es gibt eine einzige juristische Hintertür für den Weg raus aus der Euro-Zone: Griechenland tritt aus der EU aus. Das ist nach Artikel 50 des EU-Vertrags möglich. Dazu würde das Land mit dem Europäischen Rat ein entsprechendes Abkommen aushandeln und abschließen. Mit dem Austritt würden Griechenland alle EU-Rechte entzogen, und das Land wäre auch nicht mehr Teil der Währungsunion.

Den Austritt aus der EU können die Griechen aber nicht wollen - sie erhalten zum Beispiel bedeutende Subventionen aus Brüssel.

Wahrscheinlich ist daher im Fall der Fälle eine Einigung beider Vertragspartner, mit der das technische und juristische Prozedere umgangen wird - denn auch hier dürfte gelten: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Was wären die Folgen eines Austritts für den griechischen Staat?

Ein Euro-Austritt würde das Schuldenproblem der Hellenen nicht lösen, sondern verschärfen. Die in Euro aufgenommenen Altschulden würden im Zuge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen. Für die Griechen würde es also teuer, mit der billigen Drachme die alten Schulden in Euro zurückzuzahlen. Dann gälte erst recht: Ohne massive finanzielle Stützung von außen wäre eine Staatspleite wohl nur eine Frage von Wochen.

Was wären die Folgen eines Austritts für die Banken?

Die bei einem Austritt nahezu sichere Staatspleite wäre auch für die Banken des Landes verheerend. Sie haben der Regierung mehr als 50 Milliarden Euro geliehen, indem sie etwa griechische Staatsanleihen - gewissermaßen die Schuldscheine des Landes - gekauft haben. Mit der Bankrotterklärung wären diese Staatsanleihen schlagartig nichts mehr wert. Das Geld wäre größtenteils verloren, die Banken könnten sich selbst nicht mehr refinanzieren und stünden vor dem Kollaps.

Zudem würde mit großer Wahrscheinlichkeit Panik unter den Sparern ausbrechen. Die Griechen würden versuchen, ihre Konten bei den heimischen Banken zu räumen, um die harten Euro vor einem Umtausch in weiche Drachmen zu schützen. Experten nennen das "Bank Run". Zusätzlich zu den Verlusten durch griechische Staatsanleihen in ihren Büchern müssten die Banken also auch verkraften, dass die Sparer ihre Einlagen abziehen. Unter dem Strich bliebe den Instituten also quasi gar kein Geld mehr. Ein Zusammenbruch des gesamten griechischen Geldkreislaufs binnen weniger Stunden oder Tage dürfte die Folge sein.

Was wären die Folgen eines Austritts für die Unternehmen?

Ein Austritt aus dem Euro hätte für die griechische Wirtschaft vermutlich verheerende Folgen. Ökonomen befürchten viele Unternehmenspleiten, einen Anstieg der Arbeitslosigkeit und sinkende Löhne. Das Land könnte wirtschaftlich unter Umständen um Jahrzehnte zurückgeworfen werden, der Lebensstandard weiter sinken.

Die Drachme, die den Euro ersetzen würde, wäre eine deutlich schwächere Währung als der Euro. Davon würde zwar die griechische Wirtschaft sogar teilweise profitieren: Griechische Exportprodukte würden sich verbilligen, und auch für Urlauber würde Griechenland billiger. Der Tourismus ist eines Hauptstandbeine der griechischen Wirtschaft.

Auf der anderen Seite aber würden sich Importe deutlich verteuern. Energie, Rohstoffe und Vorprodukte für die Industrie würden für viele Unternehmen möglicherweise unbezahlbar - Güter für die Weiterverarbeitung würden knapp, und es droht eine Energieknappheit. Und: Brechen die Banken zusammen, gibt den Unternehmen niemand mehr Kredite für Investitionen.

Wie würde sich ein Austritt auf die griechische Gesellschaft auswirken?

Weil der Staat durch den Austritt und die sich anschließende Staatspleite handlungsunfähig würde, würden sämtliche Empfänger staatlicher Transferleistungen leiden. Der Staat könnte zum Beispiel binnen kurzem keine Renten und Pensionen mehr auszahlen. Staatsbedienstete erhielten keinen Lohn mehr. Das hätte vermutlich den Zusammenbruch der öffentlichen Verwaltung zur Folge. Bei den Unternehmen würden die Aufträge vom Staat ausbleiben, viele Menschen würden ihren Arbeitsplatz verlieren. Die gesamte Wirtschaft würde zumindest kurzfristig in eine massive Depression stürzen - viel massiver, als sie es in den vergangenen Jahren ohnehin schon getan hat. Die Folgen: Steigende Arbeitslosigkeit, sinkende Einkommen, noch weiter sinkende Nachfrage, noch geringere Einkünfte des Staates bei einer gleichzeitig zunehmenden Zahl von Menschen, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind - und alle diese Faktoren dürften sich gegenseitig verstärken. Aufzuhalten wäre dieser Absturz vermutlich nur durch massive Hilfen von außen.

Wie würde sich ein Austritt auf die Euro-Zone auswirken?

Ökonomen geben auf diese Frage unterschiedliche Antworten. Manche Beobachter warnen vor einer Kettenreaktion. Der Fall Griechenlands würde die Ansteckungsgefahr für weitere verschuldete Länder in der EU - zum Beispiel Spanien, Italien oder Portugal - erhöhen. Denn letztlich könne sich kein Investor mehr darauf verlassen, dass nicht auch andere Länder aus dem Euroraum ausscheren.

"Wenn es hart auf hart kommt, würde niemand mehr Staatsanleihen anderer Krisenländer kaufen wollen - Refinanzierungsprobleme mehrerer weiterer Volkswirtschaften in Europa wären die Folge", sagt Jürgen Matthes, Leiter der Abteilung internationale Wirtschaftsordnung beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen dieser Länder könnten so stark steigen, dass auch sie an den Rand der Zahlungsunfähigkeit kämen und unter den Rettungsschirm müssten. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten. Das IW geht allerdings von begrenzten Ansteckungseffekten aus.

Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft zeigten sich jüngst beunruhigt über einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Der Bundesverband der Deutschen Industrie nannte ihn "ein Experiment mit ungewissem Ausgang". Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag teilte mit, davon profitiere "keiner in Europa". Beide sehen im Fall eines Austritts aber nicht ihre Wachstumsprognosen in Gefahr. Ähnlich äußerten sich Bundesbank und Bankenverband: Die Folgen wären dramatisch, aber verkraftbar.

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