Schufa | Bildquelle: dpa

Kritik an Auskunfteien Schufa zahlt für eigene Überprüfung

Stand: 16.05.2018 05:00 Uhr

Wirtschaftsauskunfteien wie die Schufa speichern Daten über Millionen Bürger. Datenschutzbeauftragte überprüfen sie. Doch die verlassen sich laut BR-Recherchen auf Gutachten - bezahlt von den Auskunfteien.

Von Wolfgang Kerler (ARD-Hauptstadtstudio), Uli Köppen, Oliver Schnuck und Maximilian Zierer (BR Data)

Auskunfteien wie die Schufa müssen ihre Prüfverfahren, also auch ihre Algorithmen, mit denen sie die Kreditwürdigkeit von Millionen von Menschen berechnen, den Datenschutzbehörden der Länder vorlegen.

Aber: Diese prüfen vor allem auf Basis von Gutachten - und diese Gutachten werden von den Auskunfteien selbst in Auftrag gegeben und bezahlt. Das ergaben Recherchen des Bayerischen Rundfunks. Ein System, das der ehemalige Datenschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins, Thilo Weichert, als äußerst unzureichend empfindet: "Diese Gutachten sollen unabhängig sein, werden aber von den Auskunfteien bezahlt. Natürlich sehe ich da einen Interessenskonflikt."

Auch andere Auskunfteien legen den Datenschutzbehörden Gutachten vor, etwa Crif Bürgel, Creditreform oder Infoscore. Dabei ergibt sich dasselbe Bild: Die Auskunfteien sind Auftraggeber für Gutachten, die ihre eigene Arbeit beurteilen. Die Wissenschaftler bewerten dabei, ob die eingehenden Kriterien auch wirklich eine Aussage über die Kreditwürdigkeit einer Person erlauben.

Mehr fordert das Gesetz nicht. Das Verbraucherschutzministerium teilt mit, die Gutachten-Praxis sei im Ministerium nicht bekannt.

Schleswig-Holsteins Datenschutzbeauftragter Thilo Weichert
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"Ich sehe da einen Interessenskonflikt", sagt der ehemalige schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert.

Landesdatenschutzbehörden uneins

Die Behörde des Hessischen Datenschutzbeauftragten, die neben der Schufa auch andere Auskunfteien beaufsichtigt, hält das Vorgehen für unproblematisch - man könne im Zweifel ein eigenes Gutachten beauftragen und bezahlen. Allerdings hat die Behörde von dieser Möglichkeit noch nie Gebrauch gemacht. Bisher sei dies nicht erforderlich gewesen, heißt es.

Die Datenschutzbehörde in Nordrhein-Westfalen betont hingegen, den Datenschutzbehörden fehle die erforderliche Fachkunde, um wichtige Aspekte bewerten zu können. "Wir können die Gutachten damit nur auf Plausibilität prüfen", sagt ein Sprecher. "Für die externe Vergabe eines Prüfungsauftrags fehlen die finanziellen Mittel." Deshalb fordert die Behörde, Scoring-Verfahren durch unabhängige Stellen überprüfen zu lassen.

Auch andere Experten wie der frühere Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar fordern eine unabhängige Prüfung der Algorithmen, die über die Kreditwürdigkeit von Millionen von Bürgern entscheiden. Die Idee: eine Art "Algorithmus-TÜV".

OpenSchufa

Im Februar hat die Initiative OpenSchufa dazu aufgerufen, gemeinsam mehr über den Schufa-Score herauszufinden. Mehr als 20.000 Menschen folgten dem Aufruf und forderten ihre Schufa-Auskunft an. Nun bietet die Initiative ein Upload-Portal (www.openschufa.de) an, über das man seine Schufa-Auskunft anonymisiert hochladen kann.

Datenjournalisten des Bayerischen Rundfunks und des "Spiegel" werten diese anonymisierten Daten anschließend unabhängig von der Initiative aus. Die Schufa rät davon ab, die Datenübersicht mit anderen zu teilen.

Keine flächendeckende Prüfung auf Diskriminierung

Weichert benennt ein weiteres Manko des Prüfverfahrens: Es gibt keine einheitliche und strukturelle Prüfung der Scoring-Verfahren auf mögliche Diskriminierung. Gemeint ist damit, ob Variablen wie Alter, Geschlecht oder Wohnort diskriminierend ins Scoring einfließen. Das Landesamt für Datenschutzaufsicht Bayern gibt an, in Einzelfällen auf Diskriminierung zu prüfen. "Das wird von Behörde zu Behörde unterschiedlich gesehen - wir in Schleswig-Holstein haben den Diskriminierungsschutz als Teil des Datenschutzes gesehen. Andere Behörden sehen das anders", sagt Weichert.

Tatsächlich erklärt der Hessische Datenschutzbeauftragte, dafür nicht den Auftrag zu haben: "Die Diskriminierungsprüfung unterliegt nicht meiner gesetzlich vorgegebenen Kompetenz. Eine andere zuständige Behörde dafür ist mir nicht bekannt."

Zur Recherche

Die Schufa hat zahlreiche Mitbewerber, ist aber eine der größten, einflussreichsten und sicherlich die bekannteste Auskunftei Deutschlands.

Die beschriebene Prüfpraxis der Scores betrifft jedoch nicht nur die Schufa, sondern auch ihre Mitbewerber. Deshalb hat der BR auch Crif Bürgel, Infoscore oder Creditreform sowie jeweils die zuständigen Datenschutzbeauftragten der Länder zum Prüfverfahren befragt.

Gern hätte der BR die Sicht der Schufa dargestellt, nur das Unternehmen untersagte bei jeder Antwort, daraus zu zitieren. Ein sehr langes und unverständliches Zitat gibt die Schufa schließlich frei. Da es nur ungekürzt erscheinen darf, kann es in der Art nicht in die Berichterstattung einfließen.

Kritik an Auskunfteien
Wolfgang Kerler, ARD Berlin
16.05.2018 07:43 Uhr

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