Logo des Autoherstellers Audi | Bildquelle: dpa

Dieselaffäre Von Audi zum Schweigen gebracht?

Stand: 28.08.2017 18:06 Uhr

Ingenieur Giovanni P. soll in den Dieselbetrug verwickelt sein und sitzt deshalb in U-Haft. Seinen Job bei Audi ist er los. Ein Sündenbock, der seinen Kopf hinhalten muss, während die Führungsebene ungeschoren davonkommt?

Von Christine Adelhardt, NDR

Seit dem 3. Juli sitzt Giovanni P. nun schon in Untersuchungshaft in München-Stadelheim. Die Staatsanwaltschaft wirft dem früheren Mitarbeiter der Audi-Motorenentwicklung vor, am Dieselbetrug beteiligt gewesen zu sein. Giovanni P. hat seither umfangreich ausgesagt und dabei führende Audi-Mitarbeiter schwer belastet, darunter auch Mitglieder des Vorstandes. Vertreten wird er in diesem Verfahren von Rechtsanwalt Walter Lechner aus München und Klaus Schroth aus Karlsruhe.

Audi hatte Giovanni P. zunächst angeboten, die Anwaltskosten zu übernehmen. Nach Recherchen von NDR, WDR und "SZ" beinhaltete der Entwurf für eine solche Vereinbarung aber eine Schweigeklausel: Giovanni P. durfte sich demnach zu den Vorgängen bei Audi nicht öffentlich äußern. Des Weiteren soll er Arbeitsgerichtsprozesse ruhen lassen - das sieht eine von Audi-Anwälten parallel vorgelegte Vereinbarung vor.

Ingenieur klagt gegen Kündigung

Der Ingenieur war im November 2016 im Zuge der Abgasaffäre freigestellt worden, im Februar kündigte ihm Audi fristlos. Dagegen klagt Giovanni P. Am 26. September soll beim Arbeitsgericht Heilbronn über die Kündigungsschutzklage weiter verhandelt werden. Daran scheint Audi aber wenig Interesse zu haben.

Der  Entwurf für eine Ruhensvereinbarung sieht vor, dass das Arbeitsgerichtsverfahren mindestens bis zum 31. Dezember 2017 ruhen und frühestens im Januar 2018 wiederaufgenommen werden soll. Wenn Giovanni P. diese Ruhensvereinbarung unterzeichnet - und nur dann - soll Audi sich nach Angaben der Strafverteidiger von P. bereit erklärt haben, deren Anwaltskosten zu übernehmen.

Soll Giovanni P. schweigen?

Hier werde die Notlage eines Menschen ausgenutzt, der in Haft sitzt, kritisieren die Anwälte von Giovanni P. das Vorgehen von Audi. Der Autobauer aus Ingolstadt scheint großes Interesse daran zu haben, dass der Motorenentwickler schweigt. Die Vermutung liegt nahe, dass Audi alles aus öffentlichen Verhandlungen heraushalten will, was Autokäufern die Möglichkeit bieten könnte, zusätzliches Material für Schadensersatzklagen zu sammeln. Die Frist für solche Klagen endet bei den Händlern bereits 2017. Bis dahin soll offenbar auch Giovanni P. schweigen.

Audi will zu diesem Vorgang keine Stellung nehmen. Man äußere sich nicht zu laufenden arbeitsgerichtlichen Verfahren, heißt es auf Anfrage.

Unterdessen hat das Ingolstädter Unternehmen die Kostenübernahme für die Anwälte wieder zurückgezogen "in Anbetracht der in der Presse kursierenden Informationen über die strafrechtlichen Ermittlungen". Die Anwälte von Giovanni P. waren vergangene Woche an die Öffentlichkeit gegangen und hatten das Vorgehen von Audi und den Umgang mit ihrem Mandanten kritisiert. Das sieht Audi anscheinend gar nicht gern.              

Großzügige Entlohnung der Führungsebene

Während Ingenieur Giovanni P. scheinbar mit Schweigeklausel und Ruhensvereinbarungen unter Druck gesetzt wird, zeigte sich Audi beim Umgang mit belasteten Mitarbeitern aus der Führungsebene des Unternehmens großzügiger. Auch der ehemalige Audi-Vorstand Stefan Knirsch war in den Dieselskandal verwickelt und musste das Unternehmen verlassen. Reich entlohnt wurde er dennoch. Er erhielt zwei Millionen Euro Gehalt und Boni und zusätzlich noch eine Vergütung in Höhe von 3,8 Millionen Euro "im Zusammenhang mit dem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Vorstand" - so steht es im Geschäftsbericht.

Stefan Knirsch im Jahr 2016 beim Autosalon in Genf | Bildquelle: REUTERS
galerie

Stefan Knirsch im Jahr 2016 beim Autosalon in Genf

Giovanni P. fühlt sich als Sündenbock

Knebelverträge für die "Kleinen", Millionen-Abfindungen für die "Großen"? Der Umgang mit ehemaligen Mitarbeitern bei Audi wirft viele Fragen auf. Insbesondere weil das Unternehmen - ebenso wie VW - nicht müde wird zu betonen, man wolle alles tun, um zur Aufklärung des Dieselbetruges beizutragen. Allerdings endet der Aufklärungswille offenbar recht schnell, wenn führende Manager belastet werden. Das bekommt nun auch Giovanni P. zu spüren, der sich als Sündenbock fühlt, der in Haft sitzt, weil sein ehemaliger Arbeitgeber kein Interesse daran habe, dass Vorstände belastet werden, so Giovanni P.

Die "Kleinen" hängt man, die "Großen" lässt man laufen? So muss sich auch James Liang fühlen. Der VW-Ingenieur war am vergangenen Freitag in den USA zu 40 Monaten Haft verurteilt worden. Er war in den USA für die Zulassung der Dieselfahrzeuge zuständig - entwickelt aber wurde die Betrugssoftware in Wolfsburg und Ingolstadt. Im Urteil heißt es, er sei Drahtzieher des Betruges gewesen, dabei war er nur für die technische Ausführung zuständig.

Der eine im Gefängnis, der andere in der Villa

Liang hat sich schuldig bekannt. Er gibt zu, beteiligt gewesen zu sein - aber die wahren Verantwortlichen darf man wohl eher in Deutschland vermuten. Während Liang die drakonische Haftstrafe in einem US-Gefängnis absitzen muss, sitzt EX-VW-Chef Martin Winterkorn in seiner Villa in München und bezieht 3000 Euro Ruhegehalt. Pro Tag. Und Audi-Chef Rupert Stadler ist weiter Audi-Vorstandsvorsitzender. Obwohl auch er durch die Aussagen von Giovanni P. schwer belastet wird.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 28. August 2017 um 22:30 Uhr.

Darstellung: