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Abgas-Affäre Harte Bandagen bei Audi

Stand: 24.02.2017 16:47 Uhr

Ex-Motorenchef gegen Audi: Im Diesel-Skandal wird bei den Ingolstädtern reichlich schmutzige Wäsche gewaschen. Nachdem der Ex-Manager die Unternehmensführung angegriffen hatte, teilen die Audi-Anwälte kräftig gegen den Mann aus.

Von Christine Adelhardt und Søren Harms, NDR

Es ist ein befremdliches Dokument: ein Schriftsatz, verfasst von Audi-Anwälten im Nachgang zu einer Verhandlung vor dem Arbeitsgericht Heilbronn Anfang der Woche. Doch es ist kein juristisch-knochentrockener Text. Der Schriftsatz ist erstaunlich persönlich geraten - in Teilen sogar ehrverletzend.

In Heilbronn klagt Ulrich Weiß, Ex-Chef der Dieselmotoren-Entwicklung aus Neckarsulm, gegen seinen Arbeitgeber Audi. Der 48-Jährige wurde im Zuge des Dieselskandals im November 2015 freigestellt. Er fühlt sich ungerecht behandelt und will weiter beschäftigt werden - stattdessen schickt Audi ihm die fristlose Kündigung.

Schon bei der mündlichen Verhandlung in Heilbronn am Dienstag liegen die Nerven blank: Wortgefechte, brisante Dokumente, die Öffentlichkeit wird zeitweise ausgeschlossen. Weiß erhebt schwere Vorwürfe gegen Audi-Chef Rupert Stadler. Der habe viel früher von den Manipulationen gewusst, Weiß selbst habe mehrfach darauf hingewiesen. Dagegen die Audi-Anwälte: Weiß habe seine Pflichten verletzt, den Vorstand nicht informiert und auch noch belastende Dokumente vernichtet. So weit, so strittig.

Der gekündigte Audi-Ingenieur Ulrich Weiß sitzt mit zwei Anwälten vor dem Arbeitsgericht Heilbronn.
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Ex-Audi-Ingenieur Weiß (Mitte) klagt vor dem Arbeitsgericht Heilbronn gegen seine Kündigung.

Ein merkwürdiger Schriftsatz

Weiß' Vorwürfe gegen Stadler wiegen schwer, zudem vorgetragen in einer öffentlichen Verhandlung. Das ist nicht gut gelaufen für Audi. Jetzt legen die Anwälte nach.

In ihrem Schriftsatz heißt es: Der Ex-Manager und seine Anwälte "scheinen eine ersichtliche Freude daran zu verspüren, den Kläger als 'Bauernopfer' und 'Sündenbock' darzustellen". Mit 460.000 Euro Jahresgehalt könne Weiß allerdings gar kein "BauernOPFER" sein - "Opfer" haben die Anwälte in Großbuchstaben geschrieben. Zudem habe der Kläger als Leiter der Dieselmotorentwicklung eine Funktion inne gehabt, "die nach Öl, Dreck und Blaumann klingen mag"; sie sei aber eine reine Managerfunktion gewesen, "die mit dunklen Anzügen, Krawatten und Chefarztbehandlung einhergeht".

Warum wirft Audi seinem früheren Top-Manager dessen Gehalt vor? Ist Weiß unglaubwürdig und kein Opfer, weil er viel verdient hat? Können nur Arbeitnehmer im Blaumann ehrliche Mitarbeiter sein, nicht aber solche in Anzügen?

Audis Situation "schamlos ausgenutzt"?

Weiß gehe es nur um "monetäre Aspekte", er habe die Situation von Audi "schamlos ausgenutzt", heißt es außerdem in dem Schreiben. Um sich von Ermittlern im Herbst 2015 befragen zu lassen, habe der Manager gefordert, "dass er nur teilnehmen werde, wenn er hierfür 33.000 Euro für sich und seine Anwälte erhielte". Das liest sich, als habe der Manager Audi erpresst und sich mit seiner Aussage bereichert. Der Anwalt von Weiß stellt klar, dass es sich bei diesem Betrag ausschließlich um Anwaltskosten gehandelt habe.

Die Summe dürfte damals zunächst kein Streitpunkt gewesen sein. Denn Audi und VW haben ihren Mitarbeitern seit Bekanntwerden der Diesel-Affäre selbstverständlich Anwaltskosten erstattet: Nachdem die Unternehmen in den USA jahrelang betrogen und US-Beamte auch noch an der Nase herum geführt hatten, waren sie zur Untersuchung gezwungen. Noch heute trägt VW die Anwaltskosten von Mitarbeitern, obwohl diese freigestellt sind. Dem Kläger Weiß aber wird dies nun vorgeworfen.

Ungewöhnlich viel Polemik also für ein Weltunternehmen in einem Rechtsstreit mit einem Manager. Doch bei beiden Seiten geht es um viel mehr als eine fristlose Kündigung. Da treffen sich zwei tief Verletzte, deren Ruf beschädigt ist: Ulrich Weiß, der glaubt, er müsse nun den Kopf hinhalten, damit andere ungeschoren davon kommen. Einer, der jahrelang vor Abgas-Manipulationen gewarnt haben will, aber zugleich behauptet, nichts gewusst zu haben von der Betrugssoftware, die erkennt, wenn das Auto auf Abgase getestet wird. Und auf der anderen Seite Audi: Das Unternehmen aus Ingolstadt hatte in der Affäre die eigene Rolle kleingeredet und den Betrug geleugnet.

Audi-Chef Rupert Stadler bei einer Präsentation im Vorfeld der IAA in Frankfurt am Main | Bildquelle: dpa
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Audi-Chef Stadler wird von seinem früheren Chefingenieur schwer belastet.

Weitreichendes Schuldeingeständnis

Seit dem 11. Januar 2017 ist damit Schluss. Da hat VW in den USA zugegeben: Audi-Ingenieure haben eine Software entwickelt, die US-Abgasnormen umgeht und illegal ist. Wer wird nun mit der Schuld nach Hause gehen? Weiß und drei weitere Mitarbeiter, denen Audi fristlos gekündigt hat? Die sieben Top-Manager, die VW in seinem Schuldeingeständnis benennt? Oder doch die Vorstände?

Der frühere Chef des Mutterkonzerns Volkswagen, Martin Winterkorn, will bis zum Schluss nichts gewusst haben. Daran gibt es erhebliche Zweifel. Die Verantwortung aber hat er übernommen und ist zurückgetreten.

Bei Audi sollen nun Weiß und einige andere verantwortlich sein. Mag sein, dass sie ihren Anteil hatten. Audi-Chef Stadler hingegen ist gestern vom Aufsichtsrat freigesprochen worden. Man würde gern die Grundlage dieses Freispruchs kennen. Der Konzern hatte immer versprochen, für Transparenz zu sorgen und seine Ermittlungsergebnisse öffentlich zu machen. Davon ist keine Rede mehr.

Über dieses Thema berichteten SWR aktuell am 21. Februar 2017 um 21:45 Uhr und NDR Info am 24. Februar 2017 um 17:50 Uhr.

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