Das Atomkraftwerk (AKW) Biblis in Südhessen | Bildquelle: dpa

Ministeriumsstudie zu AKW-Rückbaukosten Reichen die Rücklagen aus?

Stand: 10.10.2015 10:00 Uhr

Gut 38 Milliarden Euro haben die deutschen Stromkonzerne für den Rückbau ihrer Atomkraftwerke zurückgelegt. Doch an der Verfügbarkeit dieser Summe gibt es Zweifel - ebenso daran, dass sie ausreichen wird. Wirtschaftsminister Gabriel ist trotzdem optimistisch.

Von Oliver Mayer-Rüth, BR, ARD-Hauptstadtstudio

38,3 Milliarden Euro - das ist der von den Betreibern deutscher Atomkraftwerke zurückgestellte Betrag zur Finanzierung von Rückbau, Endlagerung, Zwischenlagerung, Behältern, Transporten und Betriebsabfällen. Für Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel offenbar ausreichend, denn die "Unternehmen sind in der Lage, die Kosten des Kernenergieausstiegs zu tragen", so Gabriel in einer Pressemitteilung seines Ministeriums. Gabriels Optimismus basiert auf einem Gutachten der Wirtschaftsprüfer Warth & Klein Grant Thorton, das jetzt veröffentlicht wurde.

Rücklagen sind teils schlecht investiert

Wirtschaftsminister Gabriel
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Wirtschaftsminister Gabriel hält die Rückstellungen trotz der Kritik für ausreichend.

Zuletzt gab es erheblichen Zweifel, ob die Rückstellungen tatsächlich ausreichen, weil die Unternehmen aufgrund der Energiewende längst nicht mehr die satten Gewinne von einst einfahren. Dazu kommt: Die Kraftwerksbetreiber haben die 38,3 Milliarden Euro nicht als Cashreserven auf dem Konto liegen. Ein nicht unerheblicher Teil ist durch Sachanlagen abgedeckt. E.ON, RWE, EnBW, Vattenfall und die Stadtwerke München haben Mittel für den Rückbau teilweise in konventionelle Gas- oder Kohlekraftwerke gesteckt, die jedoch auch kein Plus garantieren, weil Wind- und Sonnenstrom massiv den Börsenstrompreis drücken.  

Zur Not muss der Staat einspringen

Gingen die Unternehmen pleite, müssten wohl die Steuerzahler für die Rückbaukosten aufkommen, die in dem Gutachten mit durchschnittlich 857 Millionen Euro pro Kernkraftwerk beziffert werden. In anderen Staaten, so Gabriels Pressemitteilung, lägen die geschätzten Kosten zwischen 205 und 542 Millionen Euro. Das auch als Stresstest bezeichnete Gutachten soll offenbar die Gemüter beruhigen. Deshalb haben die Wirtschaftsprüfer verschiedene Szenarien mit verschiedenen Kostensteigerungsannahmen berechnet. Daraus "ergibt sich für den Barwert der Entsorgungsverpflichtungen eine Bewertungsbandbreite, die zwischen rund 29,9 Milliarden Euro und rund 77,4 Milliarden Euro liegt", heißt es in einer Zusammenfassung.

Und selbst das mit 77,4 Milliarden Euro bezifferte Worst-Case Szenario wäre durch das aktuelle Reinvermögen aller Betreiber abgedeckt. "Den Energieversorgungsunternehmen steht vor Abzug der Kernenergierückstellungen ein marktorientiertes Reinvermögen von rund 83 Milliarden Euro zur Begleichung der Kosten zur Verfügung", so Gabriels Pressemitteilung.

Keine Informationen über einzelne Unternehmen

Allerdings handelt es sich um die Summe der einzelnen Bilanzwerte aller fünf Unternehmen. Man kann aus dem Gutachten also nicht herauslesen, wie es um jeden einzelnen Kraftwerksbetreiber steht, beziehungsweise wie hoch das Risiko ist, das beispielsweise allein von RWE ausgeht. Das Bundeswirtschaftsministerium betont, dass es sich keines der berechneten Szenarien zu eigen macht. Und eine Garantie, dass die Steuerzahler aufgrund der Berechnungen fein raus sind, kann die Bundesregierung sicherlich auch nicht geben. Die Gefahr, dass eines der Unternehmen pleite geht, ist immer noch gegeben.

Um das Risiko eines Rückbaus auf Staatskosten zu reduzieren, soll in den kommenden Tagen eine Kommission benannt werden. Diese soll sich mit der Frage beschäftigen, wie die Finanzierung des Rückbaus und der Zwischen- und Endlagerung sichergestellt wird.

Gabriel stellt Gutachten zu den Kosten des Atomausstiegs vor
tagesschau 20:00 Uhr , 10.10.2015, Frank Jahn, ARD Berlin

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Problem wirkt sich auf Aktienkurse aus

Das RWE-Kohlekraftwerk bei Neurath in Nordrhein-Westfalen | Bildquelle: REUTERS
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Teilweise sind die Rücklagen in konventionellen Kraftwerken gebunden - und die verlieren an Wert.

Insbesondere die Versorger hoffen, dass die Veröffentlichung des Stresstests eine beruhigende Wirkung auf die Märkte hat. Mitte September wurde bereits ein Szenario mit extrem hohen Rückbaukosten öffentlich. Plötzlich hieß es, die Unternehmen müssten ihre Rückstellungen um 30 Milliarden Euro erhöhen. Die Konsequenz: Die Aktienkurse von E.ON und RWE fielen in wenigen Stunden um mehr als zehn Prozent.

Das soll sich am Montag, nach Eröffnung der Börsen so nicht wiederholen, heißt es aus Konzernkreisen. In einer gemeinsamen Pressemitteilung stellen E.ON, RWE, Vattenfall, und EnBW fest, dass das Gutachten "keinerlei Beanstandung der Bilanzierungspraxis ergeben" habe. Und weiter: "Mit diesen Feststellungen haben Spekulationen über einen etwaigen Bedarf für höhere Rückstellungen in den Bilanzen keine sachliche Grundlage."

Eine Tatsache ist im Gutachten zwar nicht zu finden, steht aber zwischen den Zeilen: Die Stromgewinnung aus Kernenergie ist im Nachhinein betrachtet teuer und birgt für alle Beteiligten erhebliche Risiken in sich.

Korrespondent

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