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21.11.2009

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Wie realistisch ist die Vollbeschäftigung?

Arbeitslosenzahlen sinken weiter

Wie realistisch ist Vollbeschäftigung?

Gute Nachrichten zum Tag der Arbeit: Die Politiker frohlocken angesichts sinkender Arbeitslosenzahlen und prognostizieren die Vollbeschäftigung. Schon in ein paar Jahren ist es so weit, sind sich Arbeitsminister Scholz und SPD-Chef Beck sicher. Wie realistisch sind solche Prognosen?

Von Sabine Klein, tagesschau.de

3,4 Millionen Arbeitslose im April 2008 - und die Politiker träumen von Vollbeschäftigung. Dieses Ziel sei für das nächste Jahrzehnt "zu guten Löhnen und fairen Arbeitsbedingungen" erreichbar, schreiben SPD-Chef Kurt Beck und sein Vize Frank-Walter Steinmeier in einem gemeinsamen Aufsatz für die "Süddeutsche Zeitung".

Vollbeschäftigung in Deutschland? Noch vor drei Jahren wäre eine solche Prognose - gelinde gesagt - als verrückt abgetan worden. Damals - im Januar 2005 - hatte die Arbeitslosenquote mit mehr als 5,2 Millionen Arbeitssuchenden und einer Quote von 12,7 Prozent einen historischen Höchststand erreicht. Seitdem haben laut Statistik fast zwei Millionen Menschen wieder eine Arbeit gefunden. Wird sich der positive Trend fortsetzen und in einigen Jahren wirklich zur Vollbeschäftigung führen? Was heißt "Vollbeschäftigung" überhaupt?

Niemand soll länger als ein Jahr Arbeit suchen

"Es gibt keine einheitliche prozentuale Definition", sagt Uwe Blien vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gegenüber tagesschau.de. Aber er kann der Definition von Arbeitsminister Olaf Scholz einiges abgewinnen. Für Scholz heißt Vollbeschäftigung, wenn "niemand, der seinen Job verliert länger als ein Jahr ohne einen neuen Arbeitsplatz bleibt". "Dass jemand seinen Arbeitsplatz verliert und dann zeitweise ohne Job ist, ist vergleichsweise normal", so Blien. Das Konzept der Vollbeschäftigung beschreibe einen Zustand, in dem für jede Erwerbsperson ein Arbeitsplatz existiere. "Das heißt, dass die strukturell verfestigte Arbeitslosigkeit weitestgehend verschwunden ist", so Blien. Bis Ende der 50er Jahre betrachtete man in Deutschland noch die Ein-Prozent-Marke als Grenze der Vollbeschäftigung, mittlerweile wird ein Bereich zwischen ein und vier Prozent genannnt.

"Nur ein temporärer Zustand"

Olaf Scholz zur Vollbeschäftigung:

"Ich bin mir sicher, dass wir in ein paar Jahren sagen können: Niemand, der seinen Job verliert, bleibt länger als ein Jahr ohne einen neuen Arbeitsplatz. Das wäre ein Riesenerfolg. Das wäre für mich Vollbeschäftigung."
Quelle: Olaf Scholz (SPD), Bundesarbeitsminister

Arbeitsminister Scholz ist sich sicher, dass dieser Zustand "in ein paar Jahren" erreicht ist. Und auch der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, geht davon aus, dass die Arbeitslosenzahlen weiter sinken. Aber heißt das, dass wir in Deutschland wirklich den Zustand der Vollbeschäftigung erreichen? "Ich bin eher skeptisch", sagt Arbeitsmarktexperte Blien. "Es kann sein, dass wir partiell eine Vollbeschäftigung erreichen, aber das wird sicher nur ein temporärer Zustand sein, denn die sinkende Arbeitslosigkeit ist zu großen Teilen Ergebnis des derzeitigen Konjunkturaufschwungs. Und der wird nicht ewig dauern."

In der Tat wuchs die deutsche Wirtschaft 2006 um satte 2,9, im darauf folgenden Jahr um 2,5 Prozent. In diesem Jahr soll es aber nach dem Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsinstitute nur noch ein Wachstum von 1,8 Prozent geben, im kommenden Jahr nur noch um 1,4 Prozent.

Zwei Prozent rund um München - 20 Prozent im Osten

Doch selbst wenn die Prognosen des Arbeitsministers und des BA-Chefs stimmen und die Zahl der Arbeitslosen weiter sinkt, ist längst nicht sicher, dass die Menschen in Deutschland gleichermaßen profitieren. "Es gibt starke regionale Unterschiede", sagt Blien. "Wir hatten zum Beispiel im Herbst 2007 im Raum München Arbeitslosenquoten von zwei Prozent und sogar darunter." Nach den gängigen Definitionen wäre das Vollbeschäftigung. Auch einige Regionen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen würden stark profitieren, so Blien weiter. In Ostdeutschland sehe es allerdings generell schlecht aus. Gerade in ländlichen Gebieten würden dort noch Arbeitslosenquoten bis zu 20 Prozent erreicht. Und es dauere noch lange, bis sich hier grundsätzlich etwas ändern würde.

Die Zahlen im April 2008:

Arbeitslosenzahlen
Animation Arbeitsmarkt Die aktuelle Statistik im Vergleich zu den Vormonaten. [Flash|HTML]

Die schönen Zahlen der Statistik

Die Zahlen über die sinkende Arbeitslosigkeit geben noch keine Auskunft darüber, welche Arbeit die Menschen machen und wie sie dafür bezahlt werden. So sind die sinkenden Arbeitslosenzahlen auch Resultat eines statistischen Kniffs: Seit Januar 2005 gibt es für Empfänger von Arbeitslosengeld II die Möglichkeit, sogenannte Ein-Euro-Jobs anzunehmen. Nach Angaben der BA waren das im Herbst 2007 rund 260.000. Sie werden in den Arbeitslosenstatistiken nicht mehr als arbeitssuchend ausgewiesen. Ähnlich verhält es sich mit Beziehern von Frührente, auch wenn die Frühverrentung arbeitsmarktbedingt ist, und bei jungen Menschen, die in Qualifizierungsmaßnahmen "zwischenparken", weil sie keine Arbeit finden. Würde man all diese Menschen in die Statistik hineinrechnen, wäre die Zahl der Arbeitslosen um mehrere Hunderttausend höher.

Weniger Arbeitslose durch Mini-Jobs?

Reinigungskraft (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Zwei Drittel der Mini-Jobber sind nach BA-Angaben Frauen. ]
Auch die Zahl der Mini-Jobber ohne Sozialversicherungspflicht ist stark angestiegen. Im Juli 2006 arbeiteten fast 4,9 Millionen Menschen als geringfügig Beschäftigte. Den Gewerkschaften ist diese Entwicklung ein Dorn im Auge. Es sei ein "Grundübel", dass mit dem Aufschwung vor allem die prekäre Beschäftigung boome, so DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Diese Aussage stimmt nur zum Teil. Denn seit Beginn des Aufschwungs entstehen auch wieder sozialversicherungspflichtige Jobs. Im Juli 2005 waren knapp 26 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, Anfang 2008 waren es bereits 27,15 Millionen.

Die These, dass die sinkenden Arbeitslosenzahlen hauptsächlich den Mini-Jobs und Dumping-Löhnen zu verdanken sind, lässt sich also so nicht halten. Deutschland verdankt die Verbesserung am Arbeitsmarkt in erster Linie dem konjunkturellen Aufschwung. "Dass der so stark durchschlagen konnte, hatte sowohl mit einer gewissen Lohnzurückhaltung zu tun als auch mit den Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010", sagt Blien. "Denn in der Vergangenheit haben sich konjunkturelle Aufschwünge bei weitem nicht so stark auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt wie das im Moment der Fall ist."

Stand: 01.05.2008 01:01 Uhr
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