Allianz-Schriftzug an einer Filiale des Versicherungskonzerns | Bildquelle: REUTERS

Versicherer kündigt "Kohleausstieg" an Ist die Allianz jetzt wirklich grün?

Stand: 24.11.2015 14:09 Uhr

Der Versicherungskonzern Allianz verkündet den "Ausstieg aus der Kohlefinanzierung" - und wird dafür ausgerechnet von seinem schärfsten Kritiker gefeiert, der Umweltgruppe "Urgewald". Bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Der Jubel ist etwas zu laut.

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Die schönsten Storys sind die, die am Ende ausschließlich Gewinner kennen - wie die Geschichte "Allianz steigt aus der Kohle aus", die seit dem Morgen über die Nachrichten-Portale läuft.

Die Allianz steht plötzlich als ökologischer Vorreiter da. Die Klimagruppe "Urgewald", bis dato ein stetiger Kritiker des Versicherers, bejubelt den "großen Erfolg" ihrer Anti-Kohle-Kampagne. Und auch das ZDF-Magazin "Frontal 21" darf sich freuen. Denn dort hatte die Allianz ihren "Kohleausstieg" gestern Abend verkündet. Einen "Scoop" nennen Journalisten das, also eine exklusive Nachricht.

Nur Gewinner also?

Nicht auf RWE gucken, sondern auf die Investoren

Worum geht es: Die Kohle - genauer: deren Verbrennung - gilt als einer der größten Klimakiller überhaupt. Darum sehen sich Unternehmen, die den Rohstoff fördern oder ihn zu Strom verarbeiten, seit vielen Jahren massiver Kritik von Umweltschützern ausgesetzt. RWE ist ein gutes Beispiel.

Einen Schritt weiter geht die sogenannte NGO-Divestment-Kampagne, hinter der unter anderem "Urgewald" steht. Die Aktivisten fokussieren sich weniger auf die Energiekonzerne selbst - sondern auf die dahinter stehenden Banken, Fonds und Versicherer. Die Argumentation ist so schlicht wie einleuchtend: Wenn die Finanzbranche ihr Geld aus der Energieindustrie abzieht, wenn sie also "divestiert" statt "investiert", dann fehlen irgendwann die finanziellen Mittel, um weiterhin Strom aus Kohle zu zeugen.

Das RWE-Kohlekraftwerk bei Neurath in Nordrhein-Westfalen | Bildquelle: REUTERS
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RWE gilt in Deutschland als Inbegriff des Kohlekonzerns - auch dank des Kraftwerks Neurath.

Von einem "riesigen Schritt" spricht "Urgewald"

Tatsächlich hat die Divestment-Kampagne in letzter Zeit den ein oder anderen Erfolg verbucht. So kündigten einige Universitäts-Stiftungen ihren Ausstieg aus der Kohlefinanzierung ebenso an wie der staatliche norwegische Pensionsfonds oder auch ein paar Banken. In Deutschland allerdings blieb die Resonanz bislang gering.

So klagt "Urgewald"-Expertin Katrin Ganswindt in einer heute veröffentlichten Presseerklärung explizit die Deutsche Bank an: "Leider ist der größte deutsche Kohle-Finanzierer Deutsche Bank noch immer nicht bereit, sich den Divestment-Vorbildern anzuschließen."

Dem stellt Urgewald das Beispiel der Allianz gegenüber, deren "weitgehendes Kohle-Divestment" ein "riesiger Schritt mit Vorbildfunktion für die gesamte Finanzbranche" sei.

Die Zahlen stimmen hinten und vorne nicht

Die Deutsche Bank also böse? Und die Allianz gut?

An dieser Schwarz-Weiß-Darstellung von "Urgewald" kommen einem Zweifel, wenn man nicht nur die Pressemitteilung liest, sondern auch die zugrunde liegende, ebenfalls heute veröffentlichte Studie. Aus der geht nämlich hervor, dass - wohlgemerkt laut "Urgewald" - mitnichten die Deutsche Bank der größte deutsche Kohle-Finanzierer sei, sondern: die Allianz. Deren Gesamtkapitalanlagen in der internationalen Kohleindustrie hätten 2014 bei 101,1 Milliarden Euro gelegen, steht da. Die Allianz selbst will diese Zahl, die zwar zu hoch, aber nicht völlig unplausibel erscheint, weder bestätigen noch dementieren.

Warum regt sich "Urgewald" in der Pressemitteilung so fürchterlich über die 3,3 Milliarden Euro schweren Braunkohle-Investments der Deutschen Bank auf, während die 101,1 Milliarden Euro der Allianz zugleich unerwähnt bleiben? Und warum spricht "Urgewald" von einem "weitgehenden Kohle-Divestment" der Allianz? In Wirklichkeit will die Allianz ihre Investitionen nämlich angeblich gerade mal um vier Milliarden Euro zurückfahren - eine Zahl, der die Allianz nicht widerspricht.

"Urgewald" erklärte dazu nach einigem Hin und Her, bei den 101,1 Milliarden Euro handele es sich um einen Fehler. Richtig seien 832 Millionen Euro. Das aber kann schlechterdings schon gar nicht sein. Denn wie will die Allianz ihre Investments dann um vier Milliarden Euro reduzieren?

Allianz steigt aus der Kohle aus
J. Döschner, WDR
24.11.2015 11:12 Uhr

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Der Ausstieg ist eher ein Ausstiegchen - aber immerhin

Kurzum, es scheint, als sei die schöne Story ein bisschen zu schön. Das heißt aber nicht, dass man den Schritt der Allianz nicht trotzdem löblich finden kann. Der Münchner Konzern teilt mit, man werde künftig nicht mehr in Unternehmen investieren, die "mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes durch den Abbau von Kohle oder mehr als 30 Prozent ihrer Energieerzeugung aus Kohle erzielen". Global dürften das laut Analysten etwa 50 bis 75 Konzerne sein.

Das ist zwar kein Ausstieg, sondern erstmal nur ein Ausstiegchen. Aber immerhin.

Zumal: Ein richtiger Kohleausstieg wäre in der Praxis kaum umsetzbar. Das hat unter anderem damit zu tun, dass es sich bei zwei Dritteln der Allianz-Investments um Gelder handelt, die der Versicherer im Auftrag anderer Investoren anlegt - über die er also gar nicht allein bestimmt.

Ein Allianz-Sprecher sagt, es gehe bei dem Teil-Ausstieg nicht zuletzt um "Signal". Das trifft es vermutlich ganz gut. Ein Signal - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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