Atomaufsicht in Sorge um europäische Reaktorkessel

Atomaufsicht veranlasst Massenprüfung

Sorge um europäische Reaktorkessel

Ein Kessel, geschmiedet aus dickem Stahl, innen drin die Brennstäbe: Das ist der Reaktordruckbehälter, das sensibelste Bauteil eines Atomkraftwerks. Aus Angst vor Rissen hat Europas Atomaufsicht nun beschlossen, die Reaktorkessel aller AKW zu überprüfen.

Von Jürgen Döschner, WDR

Dieser Schritt ist in Form und Inhalt ungewöhnlich für die sonst eher im Stillen arbeitende Vereinigung der europäischen Atomaufsichtsbehörden, kurz WENRA. Alle 131 Atomkraftwerke in Europa sollen auf mögliche Fehler an den Reaktordruckbehältern überprüft werden.

Anlass sind die vor einem Jahr in Belgien bekannt gewordenen Schäden an den AKW Doel und Tihange. Damals hieß es, die festgestellten Risse in den Druckbehältern seien Folgen von Produktionsfehlern bei einem bestimmten Hersteller - und nur die 21 Behälter dieses Herstellers seien potenziell betroffen. Kritiker bezweifelten das bereits seinerzeit. Und diese Zweifel werden nun bestätigt.

In den geöffneten Reaktordruckbehälter werden am 13.06.2010 im Atomkraftwerk Isar 2 in Bayern Brennelemente eingesetzt.
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Ein Blick in den geöffneten Reaktordruckbehälter Atomkraftwerk Isar 2.

Hohe Temperaturen, hoher Druck

"Wir haben eine Expertengruppe eingesetzt, und die ist zu dem Ergebnis gekommen, dass das Herstellungsverfahren grundsätzlich zu solchen Fehlern führen kann", sagt Hans Wanner, Leiter der WENRA und Chef der Schweizer Atomaufsicht: "Wir können also nicht ausschließen, dass auch Reaktordruckbehälter, die in anderen Fabriken produziert worden sind, Fehler haben könnten."

Die Folgen sind weitreichend. Immer wieder gab es auch in Deutschland Diskussionen über die Konsequenzen aus den Fällen in Belgien. Denn der Reaktordruckbehälter, ein aus 25 Zentimeter dickem Stahl geschmiedeter Kessel, ist der sensibelste Teil eines jeden Atomkraftwerks, und deshalb gelten für dieses Bauteil ganz besonders strenge Sicherheitskriterien, so Atomaufseher Wanner: "Im Reaktordruckbehälter sind die Brennstäbe drin, da herrschen hohe Temperaturen und hohe Drücke. Und der Reaktordruckbehälter muss einfach eine genügende Sicherheitsmarge habe."

Europäische AKW werden auf Risse geprüft
J. Döschner, WDR
06.09.2013 12:57 Uhr

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Das heißt, dass man hier nicht warten darf, bis der Behälter irgendwo undicht wird, sondern schon bei den ersten Anzeichen von Schäden handeln muss. Die europäischen Atomaufseher empfehlen nun, sämtliche AKW in einem ersten Schritt noch einmal "nach Aktenlage" zu überprüfen. Dabei werden zum Beispiel Unterlagen des Herstellers, Prüfergebnisse und Vorfälle der Vergangenheit gesichtet. Wenn die nationale Atomaufsicht es für nötig hält, werden dann in einem zweiten Schritt die Druckbehälter selbst auf Schäden untersucht.

In Deutschland laufen diese Prüfungen nach Auskunft des Bundesumweltministeriums derzeit noch. Die vier AKW-Betreiber hingegen erklärten gegenüber dem WDR, dass die Prüfungen bereits abgeschlossen und keine Mängel festgestellt worden seien. Solche Auskünfte sind nach Ansicht der Umweltschutzorganisation Greenpeace allerdings wenig aussagekräftig, da es bei derartigen Untersuchungen sehr große Unterschiede gibt.

Die AKW in Belgien laufen einfach weiter

Doch selbst wenn, wie im Fall des belgischen Atomreaktors Doel, mehrere Tausend Risse in dem Druckbehälter gefunden werden, führt dies nicht zwingend zur Abschaltung des betroffenen AKW. "Diese Entscheidung liegt in der Zuständigkeit jeder nationalen Aufsichtsbehörde", sagt Wanner. "Die Belgier haben die nötigen Prüfungen gemacht und sind zu dem Schluss gekommen, dass die beiden Reaktoren wieder ans Netz gehen können."

Das liegt unter anderem daran, dass es in der EU nach wie vor weder einheitliche Sicherheitsvorschriften noch eine gemeinsame Atomaufsicht gibt. Die alarmierenden Nachrichten über die möglichen Schäden an den Reaktordruckbehältern werden also kaum zur massenhaften Abschaltung von Atomkraftwerken führen. Doch sie dürften die Zweifel an der Sicherheit dieser Technologie verstärken.

Dieser Beitrag lief am 06. September 2013 um 18:34 Uhr im Deutschlandfunk.

Stand: 06.09.2013 14:26 Uhr

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