Interview

Spekulation im Bereich Landwirtschaft und Agrarbau

Angst vor Lebensmittelkrise "Schuld ist der steigende Fleischkonsum"

Stand: 22.08.2012 03:13 Uhr

Die Dürre in den USA hat die Getreidepreise nach oben getrieben. Die Vereinten Nationen warnen bereits vor einer neuen Lebensmittelkrise. Ökonom Gernot Klepper vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel mahnt im Gespräch mit tagesschau.de wieder mehr Vorratshaltung an, um den Schutz vor Preisschwankungen zu erhöhen.

tagesschau.de: Zeichnet sich eine neue globale Agrar- und Lebensmittelkrise ab, wie wir sie 2007/2008 erlebt haben, als es auf mehreren Kontinenten auch zu Ausschreitungen hungernder Menschen kam?

Gernot Klepper: Ja, es gibt Parallelen. Wenn man sich die Preiskurven ansieht, haben wir genau das, was 2008 schon einmal passiert ist. Im Zuge der Globalisierung war man der Meinung, dass die Vorratshaltung für Getreide oder Soja - der Schutz gegen Missernten - verringert werden kann. Es herrschte der Glaube, dass der Weltmarkt immer so flexibel anbietet, dass nichts passieren kann. Ein bisschen sehe ich da eine Parallele zur Finanzmarktkrise: Man hat immer geglaubt, dass je globaler der Markt, desto stabiler würde er. Jetzt sehen wir, dass eine Missernte in den USA oder in Russland global große Folgen haben kann. Deshalb müssen wir die Sicherheitsvorräte wieder erhöhen, so wie wir ja auch bei der Energie Puffer vorhalten.

alt Gernot Klepper, IFW Kiel

Zur Person

Professor Gernot Klepper leitet den Forschungsbereich "Umwelt und natürliche Ressourcen" am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Klimawandel und Klimapolitik, globale Umweltprobleme und alternative Energiequellen.

"Die Menschen können die Lebensmittel nicht mehr bezahlen"

tagesschau.de: 2008 hat die Lebensmittelknappheit Hungerrevolten ausgelöst. Könnte es dazu wieder kommen?

Klepper: Das Risiko, dass wir für die ärmeren Länder ein ähnliches Problem bekommen, ist groß. In Deutschland geben die Menschen maximal zehn Prozent ihres Einkommens für Grundnahrungsmittel aus - in armen Ländern sind es 50 bis 80 Prozent. Wenn sich dann die Preise verdoppeln, haben die Menschen schlichtweg zu wenig Geld, um sich Brot zu kaufen.

Wir haben aber nicht nur ein Problem wegen der kurzfristig steigenden Preise. Im Zuge der Globalisierung der Agrarmärkte haben wir auch ein Strukturproblem. Schon seit Jahren sind die Preise für Getreide vergleichsweise hoch. Viele Länder stehen deshalb vor dem Dilemma, dass hohe Getreidepreise zwar gut für die Bauern sind, die Armen in den Städten aber immer mehr in Gefahr sind, sich die Lebensmittel nicht mehr leisten zu können. Viele Entwicklungsländer müssen mittlerweile ihre Nahrungsmittelpreise subventionieren, um soziale Unruhen zu verhindern. Von den Weltmärkten besonders abhängig sind Länder, die wenig Ackerfläche pro Kopf der Bevölkerung haben, wie Indien, oder Ägypten. Dazu kommen viele Länder in Afrika, die schon seit Jahren von Missernten heimgesucht werden und sehr viele Nahrungsmittel importieren müssen.

"Schuld ist der Fleischkonsum, nicht Biosprit"

tagesschau.de: Welche Umstände sind denn für die Preissteigerungen verantwortlich?

Klepper: Also der Biosprit, wie Entwicklungsminister Niebel sagt, ist es nicht. In der Welt werden derzeit gerade einmal ein bis zwei Prozent der Agrarfläche für Bioenergie eingesetzt. Fleischkonsum ist der zentrale Faktor. Er nimmt weltweit zu, vor allem in China. Und der Futtermittelanbau für die Tiere nimmt immer größere Flächen in Anspruch. Hier kommt die Nachfrage überwiegend aus Europa und Asien.

tagesschau.de: Oft wird auch argumentiert, Spekulation sei mit Schuld an Preissprüngen.

Klepper: Spekulation würde die Versorgung verringern, gleichzeitig aber die Lagerbestände erhöhen. Das sehe ich derzeit nicht, die Lager steigen nicht. Das war 2008 ein bisschen anders, da hat es in Asien wohl einige kriminelle Machenschaften gegeben, die im Nachhinein bekannt wurden. Da wurde Reis dem Markt vorenthalten, um den Preis nach oben zu treiben. Das ist aktuell nicht der Fall.

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"Gegen das Wetter hilft erst einmal nichts"

tagesschau.de: Was können wir in Deutschland tun?

Klepper: Deutschland ist ein großer Importeuer von Agrarprodukten, vor allem von Futtermitteln. Wir importieren deutlich mehr, als wir selbst produzieren könnten. Vor allem, um Fleisch zu produzieren. Das heißt, unsere Verantwortung liegt vor allem darin, dass wir über die Futtermittelnachfrage weltweit bestimmte Flächen in Anspruch nehmen, auf denen auch Getreide angebaut werden könnte. Wenn wir das moralisch betrachten wollten, wäre hier der Hebel. Deutschland verbraucht etwa die doppelte Agrarfläche durch Importe, als es selbst produzieren kann. E10 hat daran nur einen winzig kleinen Anteil.

tagesschau.de: Die G20-Staaten wollen im Herbst ein Krisentreffen einberufen, um die Ernährungssicherheit zu diskutieren. Hilft das?

Klepper: Gegen das Wetter kann man zunächst einmal nichts machen. Was man machen kann ist, die Lagerhaltung zu erhöhen. Das kostet Geld, dazu müssen die Länder bereit sein - das ist eine Frage der Zahlungsbereitschaft. Und es ist die einzige Möglichkeit, um Preisschwankungen zu begegnen. Im Augenblick muss das Welternährungsprogramm die entsprechenden Mengen aufkaufen, wenn Hungersnöte auftreten. Und je höher aktuell die Preise sind, desto teurer wird das. Es stellt sich also die Frage, ob man nicht durch höhere Lagerhaltung beides gewinnt: weniger Schwankungen in den Preisen und günstigere Einkaufsmöglichkeiten für die Notfallhilfe.

Das Interview führte Thorsten Wiese, tagesschau.de

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