Interview

Wirtschaftsjurist zu Strukturen des ADAC "Non-Profit - mit sehr viel Geld"

Stand: 20.01.2014 16:30 Uhr

Wie kann es sein, dass die Manipulationen beim ADAC über Jahre unentdeckt blieben? Wirtschaftsjurist Michael Adams sieht Probleme bei den Machtstrukturen des Non-Profit-Vereins. Wofür der Verein stehe, sei aber klar: für Autobahnen statt für Froschlaichgründe.

tagesschau.de: Die Strukturen des ADAC sind in den vergangenen Jahren immer mal wieder in die Kritik geraten. Inwiefern sind sie problematisch?

Michael Adams: Der ADAC ist eigentlich eine Non-Profit-Organisation, also ein Verein, der nicht auf Gewinn ausgerichtet ist. Gleichzeitig hat er aber Tochterunternehmen, die sehr viel Geld einbringen. Wir haben also die paradoxe Situation, dass ein gemeinnütziger Verein Wirtschaftsunternehmen kontrolliert. Hier besteht die Gefahr, dass die verschiedenen Interessen sich vermischen, dass also die Gewinninteressen der Wirtschaftsunternehmen sich auch in der Vereinstätigkeit niederschlagen und das Vereinspräsidium sich letztlich doch am Geld orientiert. Die Kunden könnten hierbei getäuscht werden.

alt Michael Adamas

Zur Person

Michael Adams ist emeritierter Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Hamburg. Er analysierte wissenschaftlich die Strukturen von Non-Profit-Organisationen, unter anderem am Beispiel des ADAC.

"Glaubwürdigkeit der gelben Engel wird ausgenutzt"

tagesschau.de: Wie kann der ADAC ein Non-Profit-Unternehmen sein, wenn er mit seinen Tochterunternehmen Umsätze von mehr als einer Milliarde Euro erzielt?

Michael Adams: Der ADAC-Verein ist eine juristische Person und gründet als solche beispielsweise GmbHs, die am normalen Wirtschaftsleben teilnehmen, sei es als Verlag oder als Versicherungsanbieter. Das Problem dabei ist, dass die Glaubwürdigkeit, die der ADAC durch die vermeintlich guten Taten der gelben Engel genießt, ihm auch bei seinen geschäftlichen Aktivitäten nützt. Die Kunden trennen das eine nicht wirklich vom anderen und so hat der ADAC, beispielweise beim Verkauf von Versicherungen, eine enorm gute Marktstellung. Für die Versicherungsgesellschaft gelten zwar die normalen gesetzlichen Regelungen, aber gesteuert wird das Ganze vom Verein und dorthin fließen auch die Gewinne.

Außerdem fehlen anders als in einer Aktiengesellschaft beispielweise Kontrollmechanismen und Transparenz.

tagesschau.de: Inwiefern?

Michael Adams: An Transparenz fehlt es, weil das Präsidium im Prinzip alles machen kann, ohne dass Vereinsmitglieder oder Öffentlichkeit davon etwas mitbekommen müssen. Bei Aktiengesellschaften hat man hingegen eine ganz transparente Rechnungslegung und Aufsichtsratstrukturen, die dazu dienen, den Vorstand zu überwachen.

ADAC-Zentrale in München
galerie

"Für große Vereine solten ähnliche Regeln wie für Wirtschaftsunternehmen gelten", sagt Adams.

Im Prinzip treffen einige wenige Mitglieder des Präsidiums die maßgeblichen Entscheidungen. Die sind zwar demokratisch gewählt, ihre Legitimation ist jedoch fraglich, denn die Beteiligung der ADAC-Mitglieder bei den Wahlen ist sehr gering. Die Mitglieder wollen vom ADAC in erster Linie Pannenhilfe und ihren Versicherungsschutzbrief, aber nicht Tage in Vereinslokalen verbringen.

Zudem ist es sehr schwierig, im ADAC etwas zu verändern. Der Verein ist regional aufgebaut, das heißt, die Mitglieder der Regionalclubs wählen ihre Vorstände und die wiederum wählen das Präsidium des gesamten Vereins. Wenn die einmal an der Spitze sind, ist es sehr schwer, sie wieder abzuwählen. Dafür müsste man in allen Regionalclubs um Mehrheiten werben.

"Ein Aufsichtsrat wäre wünschenswert"

tagesschau.de: Wie könnte mehr Transparenz und Kontrolle hergestellt werden?

Michael Adams: Bei einem Verein wie dem ADAC, der sehr viele Tochterunternehmen hat, wäre zu überlegen, ob man nicht zwingend einen Aufsichtsrat verlangt, der dann den Vorstand kontrollieren und abberufen könnte. Man würde also die Lenkungsstrukturen einer Aktiengesellschaft für bestimmte Groß-Vereine anwenden.

Mehr zum Thema

In jedem Fall aber schlage ich vor, für besonders große Vereine Regeln einzuführen, wie sie auch für Wirtschaftsunternehmen gelten. Also beispielsweise einen Wirtschaftsprüfer oder die pflichtgemäße Veröffentlichung von Bilanzen.

Die Amerikaner haben wegen der mangelnden Transparenz für den gemeinnützigen Sektor ein Gesetz erlassen: Alle Vereine müssen hier ein Formular ausfüllen, in dem sie genau Rechenschaft ablegen müssen, beispielsweise darüber, wieviel der Vorstand verdient, welche Berater wieviel Geld bekommen und was für welche Projekte ausgegeben wird. Im Netz können so potenzielle Mitglieder oder Spender die Organisationen genau unter die Lupe nehmen. So etwas würde ich mir auch für große Vereine in Deutschland wünschen.

"Autobahn durchs Sumpfgebiet oder Schutz der Froschlaichgründe?"

ADAC
galerie

Adams: "Der Bürger kann einordnen, dass der ADAC bestimmte Interessen vertritt."

tagesschau.de: Eine repräsentative Umfrage von Infratest dimap vor etwa einem Jahr kam zu dem Ergebnis, dass die Positionen des ADAC nicht unbedingt von der Meinung der Mitglieder gedeckt sind. Missbraucht der ADAC für seine Lobbyarbeit seine Macht, indem er betont, fast 19 Millionen Mitglieder stünden hinter seinen Positionen?

Michael Adams: Das sehe ich nicht unbedingt so. Es gibt unterschiedliche gesellschaftliche Interessen: Verkehrsminister wollen den Autofahrern in die Tasche greifen, die Autoindustrie will alles zubetonieren, andere wollen Frösche schützen. Da ist der ADAC meines Erachtens eine wichtige Stimme, die gehört wird und auch gehört werden sollte. Das gehört zum Willensbildungsprozess in einer offenen Gesellschaft.

Jeder weiß, der Verein heißt Automobilclub, er wird also sicher nicht die Froschlaichgründe schützen wollen, sondern wird eine Autobahn durchs Sumpfgebiet bauen wollen, wenn es sein muss. Der Bürger kann das einordnen, dass der ADAC aus einem bestimmten Blickwinkel agiert.

Klar ist aber auch, dass jede Organisationsleitung eine große Macht hat. Man kennt das aus der Politik: Das Präsidium entscheidet etwas und die Mitglieder kochen vor Wut. Das ist ein strukturelles Problem, sobald wir delegieren. Wir müssen aber delegieren, anders lässt sich Gesellschaft nicht organisieren. Wenn das, was der ADAC tut und sagt, den Mitgliedern nicht passt, können sie ja mit den Füßen abstimmen und den Verein verlassen.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

ADAC e.V. in Zahlen: Jahr 2012

Mitglieder: 18,42 Millionen
Mitgliederbeiträge der 18 Regionalclubs: 1,01 Milliarden Euro
Gesamterträge: 911,5 Millionen Euro
Jahresüberschuss: 25,0 Millionen Euro
Gesamterträge der Tochtergesellschaften: 1,03 Milliarden Euro
Gewinn der Tochtergesellschaften: 84,9 Millionen Euro
Gesamterträge der ADAC Regionalclubs: 505,8 Millionen Euro
Pannenhilfen: 4,17 Millionen
Hubschraubereinsätze: rund 49.200
Mitarbeiter: rund 8600

Quelle: ADAC

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Januar 2014 um 20:00 Uhr.

Darstellung: