Brüderle: Wahlkampf mit Krücken

FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle (Bildquelle: AFP)

FDP-Spitzenkandidat Brüderle im Porträt

Wahlkampf mit Krücken

Die FDP setzt im Wahlkampf auf ihren Spitzenkandidaten Rainer Brüderle. Wegen eines Unfalls musste er zwei Monate pausieren. Nach seiner Rückkehr gibt er sich kämpferisch, wirkt aber geschwächt. Dafür gibt es viele Gründe.

Von Simone von Stosch, tagesschau.de

Seit wenigen Wochen hängt er als Plakat am Straßenrand und ziert in Großformat die Fußgängerzonen des Landes. Im August hat er sich selbst zurückgemeldet: Rainer Brüderle, 67 Jahre, Spitzenkandidat der Liberalen. Auf mehr als 200 Veranstaltungen wird er reden, Hände schütteln, Mut verteilen.

FDP-Spitzenkandidat Brüderle (Bildquelle: dpa)
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FDP-Spitzenkandidat Brüderle im ARD-Sommerinterview. Das Gespräch wird in seiner Reha-Klinik aufgezeichnet, Brüderle wirkt angeschlagen.

Zwei Monate musste der FDP-Fraktionschef nach seinem schweren Sturz pausieren. Fragiler erscheint er seit dem Unfall - ein wenig wackelig ist er noch auf den Beinen und oft mit Krücken unterwegs. Dem Eindruck, dass er geschwächt ist, tritt er fast trotzig entgegen. "Es geht mir schon wieder sehr gut. Wahlkampf ist für mich positiver Stress." Doch die öffentliche Resonanz auf ihn bleibt verhalten. Der Politikwissenschaftler Jürgen Falter, der Brüderle lange und gut kennt, glaubt: "Er wird nicht so gut reüssieren, wie man das erhofft hatte".

Lange galt Brüderle als heimlicher Chef

Dabei gilt Brüderle doch als einer der erfahrensten und gewieftesten Politiker, den die Partei hat: schlagfertig, klug, kreativ. Geboren in Berlin, aufgewachsen in der Pfalz verkörpert der FDP-Mann preußischen Fleiß und pfälzische Genussfreude, politische Weitsicht und regionale Verwurzelung. Seit 40 Jahren ist er Mitglied der FDP, 28 Jahre war er deren Landeschef in Rheinland-Pfalz. Er führte den dümpelnden Landesverband wieder in Regierungsverantwortung: 1987 als Juniorpartner der CDU, und, als es bei der nächsten Wahl nicht mehr für Schwarz-Gelb reichte, in ein stabiles und erfolgreiches Bündnis mit der SPD.

Rainer Brüderle im Gespräch mit Angela Merkel (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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Kanzlerin Merkel holt oft und gerne den Rat des Wirtschaftspolitikers Brüderle ein.

Brüderle - ein begnadeter Taktierer, der auch mit dem politischen Gegner gut kann. 2009 wurde er Bundeswirtschaftsminister unter Angela Merkel. Das war sein persönlicher Traumjob. Dass er auch bei Gegenwind Kurs halten kann, zeigte der FDP-Mann in Sachen Staatshilfen für Opel. Die Kanzlerin votierte zunächst für eine Finanzspritze, Brüderle blieb seiner Linie treu: Es sei nicht Aufgabe des Steuerzahlers, sondern der von General Motors, Opel zu helfen. Brüderle setzte sich durch, die FDP feierte ihren ersten Erfolg in der Koaliton.

Nach weniger als zwei Jahren beanspruchte der frisch gekürte FDP-Chef Philipp Rösler das Amt des Wirtschaftsministers. Schweren Herzens trat Brüderle ab, wurde Chef der FDP-Bundestagsfraktion. Für die Partei war das ein Segen - Brüderle schaffte es, die orientierungslose Truppe zu einen. Das wichtigste Ergebnis: Die FDP-Fraktion hörte auf, sich in den Medien öffentlich über die Europolitik zu streiten.

Brüderle: Wider den Säuselliberalismus (Porträt)
J. Zierhut, ARD Berlin
09.08.2013 15:43 Uhr

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"Vielleicht fehlt Brüderle der letzte Machtinstinkt"

In der Partei sahen viele Brüderle als den heimlichen Chef. Das änderte sich Anfang dieses Jahres - wie überhaupt das Jahr 2013 den Politiker Brüderle verändert hat. Zum ersten Mal schien ihn der politische Instinkt verlassen zu haben. Was war geschehen? Der sichtlich überforderte Parteichef Rösler kämpfte ums politische Überleben. Führungsschwach, unberechenbar - das waren noch die harmloseren Vorwürfe. Im Januar ging Rösler in die Offensive und bot Brüderle sein Amt an. Das war ein Wendepunkt für beide.

Rainer Brüderle (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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Parteichef Rösler(links) bot Brüderle im Januar den Parteivorsitz an. Der lehnte ab - viele sehen darin einen Fehler.

Brüderle hätte seinen Kampfeswillen unter Beweis stellen können. Statt hinter vorgehaltener Hand über den Parteichef zu frotzeln, hätte er selbst das Ruder übernehmen können. Das hätte volle Macht, aber auch volle Verantwortung bedeutet. Brüderle lehnte ab - trotz dringender Appelle der FDP-Granden Hans-Dietrich Genscher und Klaus Kinkel. Er wolle nicht Parteivorsitzender sein. Spitzenkandidat, das reiche ihm.

Seitdem gilt Brüderle als Spitzenmann, der nicht an die Spitze wollte. Als Zauderer statt Macher. Politikwissenschaftler Falter meint: "Vielleicht fehlt Brüderle der allerletzte Machtinstinkt. Gerhard Schröder wäre das vermutlich nicht passiert. Der hätte das Amt übernommen und entsprechend gestaltet. Brüderle wollte kein Königsmörder sein."

Geschwächt und gehandikapt durch die "Dirndl-Affäre"

Laura Himmelreich (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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"Stern"-Journalistin Laura Himmelreich berichtete kritisch über den FDP-Politiker. Die dadurch ausgelöste Debatte über Sexismus hat Brüderle geschadet.

Brüderle zeigte Gefühl. Für viele auch: Schwäche. Wie verletzbar er ist, wird zwei Tage nach seiner Nominierung zum Spitzenkandidaten deutlich. Der Stern veröffentlicht den Artikel der jungen Journalistin Laura Himmelreich. Sie wirft dem Politiker vor, sie einmal nachts um 12 Uhr an einer Hotelbar angegangen zu haben mit den Worten: "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen". Ein so genannter Herrenwitz. Ein Erdbeben. Der Artikel ist Auftakt zu einer wochenlangen, heftigen Debatte über Sexismus in Politik und Wirtschaft. Losgetreten wird sie durch den Bericht über Rainer Brüderle,  doch sie war wohl längst überfällig. Er selbst schweigt dazu. Kein Kommentar - auch nicht im Interview zu diesem Bericht.

Die Folgen der Affäre offenbart der Internet-Suchdienst Google. Gibt man den Namen Brüderle ein, dann erscheint nicht wie früher "Wirtschaft" in der Autovervollständigung ganz oben, sondern: "Brüderle Sexismus", "Brüderle Dirndl", "Brüderle besoffen". Viele sagen, Brüderle sei seither ein anderer geworden. Bei Empfängen bleibt der Fraktionschef im Hintergrund. Er trinkt Wasser und geht dem ungeschützten Gespräch an der Hotelbar aus dem Weg. Und dass der FDP-Politiker mal zu Harald Schmidt in die Sendung kam unter dem Titel "Saufen mit Brüderle" und dort mit schalkhaftem Lächeln erklärte: "Zum Mittagessen trinke ich gern ein Glas Wein, zum Frühstück nicht!", scheint heute undenkbar. "Angeschlagen" sei er und "verunsichert", so sagen Vertraute.

Die Inhalte bleiben schwammig

Philipp Rösler und Rainer Brüderle (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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"Wir stimmen uns ab und ziehen an einem Strang in dieselbe Richtung," so Brüderle.

Eine angeschlagene Partei mit einem angeschlagenen Spitzenduo. Beide - Partei- und Fraktionschef - bemühen sich redlich, ihre Dellen zu kaschieren. Parteichef Rösler und Spitzenkandidat Brüderle präsentieren sich demonstrativ als gutes Tandem. "Wir stimmen uns ab und ziehen an einem Strang in dieselbe Richtung," so Brüderle gegenüber tagesschau.de. Freundschaft hört sich anders an.

Immerhin: In den Umfragen bewegt sich die FDP wieder an der Fünf-Prozent-Marke. Von ihrem Rekordergebnis 2009 ist die Partei weit entfernt, doch Meinungsforscher prognostizieren den Wiedereinzug in den Bundestag. Dies allerdings ist wohl weniger dem Spitzenkandidaten und dem Parteichef zu verdanken als der Opposition. Nicht ein eigenes geschärftes Profil, sondern die Steuererhöhungspläne von SPD und Grünen geben den Liberalen Rückenwind. Zur Frage, was der FDP in diesem Wahlkampf besonders am Herzen liege, antwortet Brüderle: "Es ist der mündige Bürger! Der mündige Bürger möchte nicht durch neue Steuern, neue Schulden und teure Ausgabenprogramme zusätzlich belastet werden. Der mündige Bürger möchte selbst entscheiden, ob er Schnitzel oder Tofu isst." Das ist gute Rethorik. Die Inhalte aber bleiben schwammig.

Brüderle - einer, der immer wieder auf die Beine kommt

Brüderle Bericht aus Berlin (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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Politikwissenschaftler Falter glaubt, dass Brüderle trotz Beeinträchtigungen viele FDP-Wähler mobilisieren wird.

Im Frühjahr bekannte Brüderle in einem Interview mit der "Welt" auf die Frage nach der Kernbotschaft für die Wahl: "Was in den entscheidenden 14 Tagen vor der Wahl das wichtigste Thema sein wird, lässt sich nicht vorher sagen."

Das ist typisch Brüderle. Viel Erfahrung und politische Schlitzohrigkeit stecken hinter dem Satz. Vieles ist denkbar im Schlussspurt dieses Wahlkampfes. Auch dies: dass der Spitzenkandidat wieder zu alter Form findet. So schätzte es auch Falter ein: "Brüderle ist ein grandioser Wahlkämpfer und wird es trotz der Beeinträchtigungen der letzten Monate schaffen, FDP-Wähler zu mobilisieren." Kann also gut sein, dass das alte FDP-Schlachtross die Liberalen erneut in den Bundestag und auf die Regierungsbank führt. Denn auch das bescheinigen ihm Freund und Feind: Brüderle ist einer der Menschen, die auf geheimnisvolle Weise immer wieder auf die Beine kommen.

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Rainer Brüderle - Spitzenkandidat der FDP

Rainer Brüderle

38 Jahre alt war Rainer Brüderle, als er am 2. Juli 1983 zum Parteivorsitzenden der FDP in Rheinland-Pfalz gewählt wurde. Der Wirtschaftswissenschaftler war damals Wirtschaftsdezernent der Landeshauptstadt Mainz unter Oberbürgermeister Jockel Fuchs. Der FDP gehört Rainer Brüderle seit 1973 an. (Foto: picture-alliance / dpa)

Stand: 01.09.2013 22:54 Uhr

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