Warum ist die Prognose so nah am Wahlergebnis?

Wahlmonitor 2013

Zahlen am Wahlabend

Warum die Prognose so genau ist

Wenn Jörg Schönenborn um 18 Uhr die Prognose zum Wahlausgang präsentiert, ist noch kein einziger Stimmzettel ausgezählt. Trotzdem kommt sie dem Ergebnis sehr nahe. Wie kann das sein? Ein Blick hinter die Kulissen.

Von Friederike Ott, tagesschau.de

Es ist ein Phänomen, das bei jeder Wahl die Zuschauer aufs Neue fasziniert: Kaum sind die Wahllokale geschlossen, präsentiert die ARD um 18 Uhr die Wahlprognose, die sich auf Erhebungen des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap stützt. In der Regel stimmt sie bereits bis auf kleinere Abweichungen mit dem tatsächlichen Wahlergebnis überein.

Wie kann es sein, dass die Prognose dem Ergebnis so nahe kommt, obwohl um 18 Uhr noch keine einzige Stimme ausgezählt wurde?

Eine Prognose mit langer Vorbereitung

Was wie die Arbeit eines einzigen Tages wirkt, beginnt schon Monate vor der Bundestagswahl. Dann fängt Infratest dimap an, in einem sehr aufwändigen Prozess die Wahllokale auszuwählen, die die Stichprobe für die Prognose bilden sollen.

Insgesamt gibt es bei der Bundestagswahl 2013 in ganz Deutschland etwa 80.000 Wahlbezirke. In 640 davon werden am 22. September die Wähler mithilfe eines anonymen Fragebogens durch Infratest dimap befragt. Diese 640 Wahlbezirke werden per Zufallsprinzip aus allen Wahlbezirken des Jahres 2009 ausgewählt. Entscheidend dabei ist, dass sie zusammengenommen so repräsentativ wie möglich sein müssen. Deshalb wird so ausgelost, dass alle Bundesländer und sowohl städtische als auch ländliche Gebiete angemessen in der Stichprobe enthalten sind.

Wie entsteht die 18-Uhr-Prognose am Wahlabend?

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Sorgfältige Auswahl repräsentativer Wahllokale

Bei der Auswahl wird auch überprüft, ob sich die Wahlbezirke verändert haben. Möglicherweise umfassen sie andere Straßen als noch bei der vorangegangenen Bundestagswahl. Es könnte auch sein, dass die Wahlberechtigten einem anderen Wahllokal zugeordnet sind oder ein Wahlbezirk gar nicht mehr existiert. All dies schauen sich die Mitarbeiter von Infratest dimap genau an und bitten die Gemeinden um Auskunft. Hat sich ein Wahlbezirk zu stark verändert, wird er gegen einen anderen ausgetauscht.

Im nächsten Schritt wird überprüft, wie die 640 ausgewählten Wahlbezirke bei der vorigen Wahl abgestimmt haben. Weicht deren Wahlergebnis vom bundesweiten Ergebnis ab, wird neu ausgewählt - so lange, bis sich die Stimmenanteile der Parteien zwischen der Stichprobe und dem tatsächlichen Ergebnis um weniger als 0,1 Prozentpunkt je Partei unterscheiden.

100.000 Wähler werden befragt

Meinungsforscher vor einem Wahlraum (Bildquelle: picture alliance / dpa)
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In solche Urnen werfen die Befragten ihre anonym ausgewählten Fragebögen, auf deren Grundlage die Prognose erstellt wird.

Am Wahltag selbst beginnen die Korrespondenten - so heißen die Befrager von Infratest dimap - morgens um kurz vor acht ihre Arbeit in den Wahllokalen. Sie bitten die Wähler nach der Stimmabgabe darum, den anonymen Fragebogen auszufüllen und ihre Erst- und Zweitstimme darin noch einmal abzugeben. Insgesamt befragt Infratest dimap am Tag der Bundestagswahl auf diese Weise etwa 100.000 Wähler.

Mehrmals am Tag melden sich die Interviewer in den Telefonstudios, um die Ergebnisse durchzugeben. Die Telefonstudios wiederum übermitteln die Daten an einen zentralen Knotenpunkt in München. Von dort werden sie ins Wahlstudio im ARD-Hauptstadtstudio geschickt, wo Infratest dimap am 22. September die 18-Uhr-Prognose für die Bundestagswahl 2013 erstellt.

alt Richard Hilmer, Geschäftsführer der Gesellschaft für Trend- und Wahlforschung mbH in Berlin (infratest-dimap)

Zur Person

Richard Hilmer ist Geschäftsführer des Berliner Meinungsforschungsinstitutes Infratest dimap. Seit 1997 liefert sein Institut Zahlen und Analysen für die ARD-Wahlberichterstattung.

Zahlen richtig erklären

Auch in der ARD beginnt die Vorbereitung für die Prognose schon Monate vor dem Wahltag. Während sich Infratest dimap um die Zahlen kümmert, beschäftigen sich Jörg Schönenborn und sein Team mit der Analyse verschiedener Wahlausgangsszenarien. Schon lange vor der Wahl werden alle Möglichkeiten mit verschiedenen Erklärungen durchgespielt. Denn die wichtigste Frage am Wahlabend ist die nach den Gründen für die Stärke oder Schwäche einzelner Parteien.

Woran könnte es liegen, wenn die Union mit Abstand die stärkste Kraft wird? Liegt es dann an Angela Merkels Umgang mit der Eurokrise? Und was könnte eine Rolle spielen, sollte die Partei an Boden verlieren? Sind dann die NSA-Affäre und der Abhörskandal Schuld? "Ich zeige die Ergebnisse, an denen sich Veränderungen oder überraschende Entwicklungen am ehesten erklären lassen", sagt Schönenborn. Eine wichtige Grundlage dafür ist die umfangreiche Telefonumfrage in der Woche vor der Wahl. "Darin nehmen wir verschiedene mögliche Wahlausgänge gedanklich vorweg und fragen so formulierend, dass sie die angenommenen Entwicklungen erklären."

alt Jörg Schönenborn

Zur Person

Jörg Schönenborn ist Fernsehchefredakteur des WDR und ARD-Wahlexperte. Seit 1999 moderiert er bei Landtagswahlen, Bundestagswahlen und Europawahlen.

Exakte Prognose ohne einen einzigen ausgezählten Wahlzettel

Analysen des Wahlergebnisses veranschaulichen könnten. Welches Chart wird genommen, wenn die SPD schlecht abschneidet? Welches, wenn die Union abschmiert? "Je nach Verlauf des Tages besprechen wir um 15 oder 16 Uhr zum ersten Mal Korridore, innerhalb derer die Prognose verlaufen kann", erklärt Schönenborn. "Um 17 Uhr gibt es vorläufige Prognosewerte, die aber an spannenden Wahltagen zwischen 17.40 Uhr und 17.50 Uhr noch mal verändert werden können."

Um 18 Uhr ist es dann soweit: Schönenborn präsentiert die Prognose live in der ARD. Darin fließen alle Ergebnisse der Korrespondenten von Infratest dimap ein, die bis kurz vor der Sendung übermittelt wurden. Zu diesem Zeitpunkt wurde noch kein einziger Stimmzettel ausgewertet. Trotzdem liegt die durchschnittliche Abweichung zwischen Prognose und Endergebnis je Partei nur bei etwa 0,5 Prozentpunkten.

Sobald die Wahllokale geschlossen sind, zählen die Wahlvorstände die Stimmzettel aus. In der Regel sind die Ergebnisse der Wahlbezirke, die an der Stichprobe teilnehmen, bis zur Tagesschau um 20 Uhr da. Die durchschnittliche Abweichung dieser Hochrechnung vom tatsächlichen Ergebnis liegt jetzt pro Partei schon deutlich unter 0,5 Prozentpunkten.

Wie wählt das Land: Besuch bei Infratest Dimap
J. Striet, ARD Berlin
13.09.2013 14:14 Uhr

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Amtliches Ergebnis erst in der Nacht

Nach und nach melden nun die Wahlleiter die Ergebnisse aus den Wahlkreisen, die nicht an der Stichprobe teilgenommen haben. Einige erreichen die ARD bis zu den Tagesthemen, andere Ergebnisse verzögern sich bis spät in die Nacht. Deshalb sind auch diese Ergebnisse für sich genommen nicht repräsentativ, fließen aber zusammen in die weiteren Hochrechnungen ein. Zu den Tagesthemen sind diese deshalb noch einmal präziser.

Bei einer Bundestagswahl liegt dann das vorläufige amtliche Endergebnis des Bundeswahlleiters erst nach zwei Uhr morgens vor. "Meist sind aber die Koalitionsmöglichkeiten und damit die politischen Aussagen der Wahl schon vor dem Endergebnis bekannt, es sei denn es steht Spitz auf Knopf", sagt Michael Kunert, einer der beiden Chefprognostiker bei Infratest dimap.

Wechselwähler machen die Prognosen schwieriger

Wahlprognosen sind in den vergangenen Jahren keinesfalls einfacher geworden. Eine große Herausforderung sind die Briefwähler, deren Zahl stetig steigt: Während im Jahre 1990 nur 9,4 Prozent der Wähler ihre Stimme per Post schickten, waren es 2009 mit 21,4 Prozent mehr als doppelt so viele. Da Briefwähler naturgemäß nicht in Wahllokale gehen, fließt ihre Meinung auch nicht in die Hochrechnung von Infratest dimap mit ein. Diese Stimmen müssen auf anderem Weg geschätzt werden. Befragungen vor der Wahl und Erfahrungswerte bei vorausgegangenen Wahlen geben den Statistikern eine Grundlage für Schätzungen.

Und noch etwas anderes hat die Prognosen schwieriger gemacht: Es gibt immer mehr Wechselwähler, deren Verhalten schwer vorhersehbar ist. "Unser Verfahren lebt davon, dass die alten Ergebnisse eine starke Aussagekraft für die zukünftigen Ergebnisse haben", sagt Michael Kunert. "Aber dieser Zusammenhang wird zunehmend schwächer."

Trotzdem sind die Prognosen im Laufe der Zeit meist besser geworden: Bei der Infratest-Prognose für die Bundestagswahl 2002 lag der Unterschied zwischen 18-Uhr-Prognose und tatsächlichem Wahlergebnis bei 3,6 Prozentpunkten. 2009 betrug die Abweichung nur noch 1,9 Prozentpunkte.

Stand: 21.09.2013 20:47 Uhr

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