Seitenueberschrift
Wahlanalyse: Wer wählte was und warum?
FDP im Höhenflug - SPD tief gestürzt
Die Große Koalition ist abgewählt, und dank eines überragenden Ergebnisses für die FDP kann die CDU unter Führung von Angela Merkel weiter die Kanzlerin stellen. Die SPD hingegen erlebte einen historischen Absturz und muss sich die Frage stellen, warum ihr fast zwei Millionen Anhänger die Gefolgschaft verweigerten.
Eine Analyse auf Basis der Zahlen von Infratest dimap
Bei dieser Bundestagswahl haben die Wähler vor allem eine Partei hart abgestraft: die SPD. Die Sozialdemokraten stürzten auf einen historischen Tiefstand. Hauptgrund sind nach wie vor die Reformen der Agenda 2010: Fast zwei Drittel der angestammten Wählerklientel sagen, die Sozialdemokraten hätten mit Hartz IV und der Rente mit 67 ihre Prinzipien aufgegeben. Das scheinen die SPD-Wähler nicht zu verzeihen - und rächten sich mit Wahlverweigerung oder der Abwanderung zur Linkspartei.
SPD-Absturz durch Wahlverweigerer
Der dramatische Absturz der SPD ist auch damit zu erklären, dass bei der sozialdemokratischen Wähler-Klientel der Kandidat Frank-Walter Steinmeier nicht überragend ankam. Nur gut 20 Prozent der SPD-Wähler ließen sich durch Merkels Herausforderer motivieren. Allerdings erreichte auch Gerhard Schröder 2005 einen ähnlich niedrigen Wert. Doch auch Wahlverweigerer brachen der SPD das Genick: Denn die historisch niedrige Wahlbeteiligung von 70,8 Prozent liegt auch daran, dass rund zwei Millionen potentielle SPD-Wähler einfach nicht zur Wahl gingen.
Merkel-Wahlkampf ging voll auf
Für Unionswähler punktete die Spitzenkandidatin Angela Merkel, und auch für die FDP-Wähler war ihr Frontmann Guido Westerwelle überzeugender als vor vier Jahren. CDU-Chefin Merkel motivierte ein Drittel der Unionswähler zum Urnengang, FDP-Chef Westerwelle rund ein Viertel - das waren vor vier Jahren noch wesentlich weniger. Westerwelle war bei der Bundestagswahl 2005 nur für jeden zehnten FDP-Wähler der Hauptgrund für die Wahlentscheidung, diesmal immerhin für jeden fünften. Bei der Union ging die Strategie voll auf, den Wahlkampf ganz und gar auf die Kanzlerin auszurichten: Merkel profitierte nicht nur von ihrem Ansehen als Bundeskanzlerin - sie punktete auch mit ihrem persönlichen Image. Generell aber standen im bürgerlichen Lager die Sachthemen im Vordergrund.
Wirtschaft als wahlentscheidendes Thema
Im Vergleich zu 2005, als hohe Arbeitslosigkeit herrschte, interessierten sich die Wähler diesmal deutlich weniger für arbeitsmarktpolitische Themen - trotz der Krise. Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit - aber auch das Thema Bildung - liegen den Wählern heute mehr am Herzen.
Topthema für Unions- und FDP-Wähler war die Wirtschaftspolitik. Den Wählern von SPD und vor allem der Linkspartei war dagegen die soziale Gerechtigkeit wichtig. Die Grünen profitierten dank ihres umwelt- und neuerdings auch bildungspolitischen Profils - gerade auch bei Neuwählern.
SPD verliert vor allem bei Arbeitern und Jüngeren
Trotz leichter Verluste ist die Union in allen Altersgruppen eindeutig stärkste Kraft. Verluste muss sie bei den 45- bis 59-Jährigen hinnehmen. Höchste Stimmenanteile haben CDU/CSU bei den über 60-jährigen Frauen, den katholischen Wählern und den Rentnern. Die Freien Demokraten legen besonders deutlich bei jüngeren Wählern und Selbständigen zu.
Die Sozialdemokraten verlieren dagegen in allen Alters- und Bevölkerungsgruppen - besonders dramatisch bei ihrer klassischen Klientel, den Arbeitern, Angestellten und Gewerkschaftsmitgliedern, aber auch bei der jüngeren Generation.
Besonders die Linkspartei profitiert von der desolaten Lage der SPD - sie gewinnt hauptsächlich Arbeiter und Arbeitslose hinzu, bei letzteren wird sie stärkste Kraft - vor der SPD. Die Grünen sahnen vor allem bei den Jungwählern ab - und auch bei den Beamten.
Jeder Dritte war "Last-Minute"-Wähler
Die Wähler haben sich selten so kurzfristig entschieden, wo sie Kreuzchen setzen: Jeder dritte Wähler konnte sich erst am Wahltag oder in den Tagen unmittelbar davor zu einer Entscheidung durchringen. Damit taten sich die Bundesbürger schwerer als vor vier Jahren. Die meisten "Last-Minute"-Wähler hatten die Grünen, 38 Prozent konnten sich erst kurz vor der Wahl auf ihre Partei festlegen. Ähnliches gilt auch für Wähler von Sozialdemokraten und Linkspartei. Diese "Spätentscheider" unter den Wählern machten in Ost- und Westdeutschland etwa den gleichen Anteil aus.
Stand: 28.09.2009 07:19 Uhr
