John F. Kennedy, Richard M. Nixon, 1960 | Bildquelle: dpa

TV-Duelle in den USA Blass und unrasiert verliert

Stand: 03.09.2017 02:04 Uhr

Wer in einem TV-Duell punkten will, braucht mehr als überzeugende Inhalte. Schlagfertigkeit, Natürlichkeit, der Eindruck, eine gute Gesellschaft beim Bier zu sein - all das kann wahlentscheidend sein, wie die lange Geschichte der US-TV-Duelle zeigt.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Das Fernsehen war noch ein junges Medium, als 1960 das erste TV-Duell zwischen zwei Präsidentschaftskandidaten stattfand: Der damalige Vizepräsident und erfahrene Politiker Richard Nixon galt als klarer Favorit gegen den jungen Senator John F. Kennedy.

Doch während die Zuhörer am Radio Nixons Argumente überzeugender fanden, sah die Mehrheit der Fernsehzuschauer Kennedy vorne. Nixon hatte es abgelehnt, sich schminken zu lassen, weshalb er blass, unrasiert und mürrisch aussah. Kennedy dagegen machte einen frischen und sympathischen Eindruck. Auch deshalb gewann er die Wahl mit hauchdünnem Vorsprung, sind viele Historiker überzeugt.

Untrügliches Gespür für Pointen und Timing

Wichtigste Lehre aus dem ersten aller TV-Duelle: Das äußere Erscheinungsbild ist im Fernsehen oft wichtiger als Argumente. Was kaum jemand so brilliant beherrschte wie der gelernte Schauspieler Ronald Reagan. Beim TV-Duell 1980 gegen den amtierenden Präsidenten Jimmy Carter war Reagan in puncto Gestik und Mimik haushoch überlegen. Noch dazu hatte Reagan ein untrügliches Gespür für Pointen und Timing. Mit einer einzigen Frage an das Fernsehpublikum besiegelte Reagan das Schicksal Jimmy Carters: "Geht es Ihnen heute besser als vor vier Jahren?" Reagans Frage wurde zum Klassiker in der Geschichte der TV-Duelle.

Ronald Reagan | Bildquelle: picture alliance / ASSOCIATED PR
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Ein Meister der Pointen: der gelernte Schauspieler Ronald Reagan

Vier Jahre später, 1984 im TV-Duell gegen den 20 Jahre jüngeren demokratischen Herausforderer Walter Mondale, gelang dem mittlerweile 73-jährigen Reagan erneut eine meisterhafte Pointe. Auf die Frage des Moderators, ob sein Alter nicht zum Problem werde, kehrte Reagan den Spieß um: "Ich werde das Alter nicht zum Wahlkampfthema machen", sagte er. "Ich werde nicht aus wahltaktischen Gründen die Jugend und Unerfahrenheit meines Herausforderers ausschlachten."

Von Reagan kann man lernen, dass Pointen und Schlagfertigkeit in der Fernsehdebatte wichtiger sind als Detailkenntnisse oder Faktenhuberei. Die Geschichte der TV-Duelle in den USA ist jedoch auch voll von Beispielen, die lehren, was Politiker tunlichst vermeiden sollten.

"Wer bin ich? Warum bin ich hier?"

In der Vizepräsidentschaftsdebatte 1992 machte der Kandidat der Unabhängigen Partei, der hochdekorierte Admiral James Stockdale, deutlich, dass er eine Fernsehdebatte eigentlich für Unsinn hält. Auf die Bitte des Moderators nach einem Eingangsstatement witzelte der Admiral: "Wer bin ich? Und warum bin ich hier?"

Noch peinlicher war der Auftritt von Rick Perry 2012 im TV-Duell der republikanischen Präsidentschaftsbewerber: Als Präsident werde er drei Ministerien abschaffen, kündigte Perry vollmundig an: "das Handelsministerium, das Bildungsministerium und äh, was war nochmal das dritte...?" Es war übrigens das Energieministerium, das Perry nicht einfiel. Ironie der Geschichte: Im Kabinett von Donald Trump arbeitet Perry heute als Energieminister.

"Ich habe Trumps Atem hinter mir gespürt"

TV Duell Donald Trump Hillary Clinton, September 2016 | Bildquelle: AFP
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Trump und Clinton während ihres ersten TV-Duells im Jahre 2016

Die jüngsten TV-Duelle zwischen Donald Trump und Hillary Clinton gingen in mehrfacher Hinsicht in die Geschichte ein. Das erste Duell verfolgten über 84 Millionen Amerikaner am Bildschirm - ein Allzeit-Rekord nach Jahren sinkender Quoten.

Und das zweite Aufeinandertreffen gilt als größte Schlammschlacht unter allen TV-Duellen. Immer wenn Clinton sprach, rückte ihr Trump von hinten auf die Pelle, um sie zu verunsichern: "Das war unglaublich unangenehm", gestand Clinton kürzlich, "ich habe seinen Atem hinter mir gespürt. Mir spreizten sich die Nackenhaare."

Mit wem würde ich lieber ein Bier trinken?

Am liebsten hätte sie sich umgedreht, so Clinton und gesagt: "Lass mich in Ruhe!" Stattdessen versuchte sie, Trump zu ignorieren, was im Nachhinein ein Fehler war. Denn auch das ist eine Lehre aus amerikanischen TV-Duellen: Wer zu beherrscht und kontrolliert auftritt, wirkt kühl und unnahbar. Für viele Amerikaner ist die persönliche Ausstrahlung wahlentscheidender als politische Programme. Bevor sie ihr Kreuzchen machen, fragen sich viele: Mit welchem der beiden Kandidaten würde ich lieber ein Bier trinken? Und von wem würde ich lieber einen Gebrauchtwagen kaufen?

Vor Merkel vs Schulz - Lehren aus TV-Duellen in USA
M. Ganslmeier, ARD Washington
02.09.2017 19:12 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 31. August 2017 um 11:20 Uhr.

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