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Die Bildungspolitik wieder auf die Tagesordnung bringen, das wollen die protestierenden Studenten an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Was sie genau erreichen wollen, erklärt Tom Amir, Sprecher der Studenten in München, im Interview mit tagesschau.de.
tagesschau.de: Warum protestieren Sie gerade jetzt?
[Bildunterschrift: Hier haben die Studentenproteste angefangen: Besetzter Hörsaal in Wien am 27.10.09. ]
Tom Amir: Wir protestieren gerade jetzt, weil sich jetzt auch für uns Studienanfänger noch einmal deutlich herausgestellt hat, wie sich das neue Bachelor-System auswirkt. Zum zweiten sind in diesem Herbst auch schon längerfristig Aktionen geplant gewesen, im Anschluss an die Demonstrationen im Frühjahr und Sommer. Die hatten in den Medien große Aufmerksamkeit erfahren, aber letztlich politisch überhaupt nichts bewirkt.
tagesschau.de: Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Probleme an den Universitäten momentan?
Tom Amir: Das sind zum einen die Studiengebühren. Sie sind ein absolutes Bildungshemmnis für sozial Schwache. Zum zweiten ist es die Bachelor- und Master-Reform, also der Bologna-Prozess, der ziemlich vermurkst wurde. Grundsätzlich sind die Ziele, die europäischen Universitäten besser zu vernetzen, durchaus zu begrüßen. Aber wie diese umgesetzt wurden, ist absolut ungenügend gewesen.
tagesschau.de: Wie könnte man denn die europäische Vernetzung besser organisieren?
[Bildunterschrift: Tom Amir studiert Philosophie im ersten Semester an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. ]
Tom Amir: Über die europäische Vernetzung an sich gibt es ja jetzt noch keine größeren Erkenntnisse. Aber ein Problem ist das, was mit der Bachelor-Reform einhergegangen ist. Das ist zum Beispiel die Beschränkung der Regelstudienzeit auf sechs Semester in den meisten Fächern oder generell die Verschulung der gesamten Lehre, die kaum noch Spielräume lässt, sich selbst Schwerpunkte zu setzen. Stattdessen zwingt sie jeden Studierenden dazu, sich genau so zu spezialisieren, wie es die Universität oder die Bildungspolitik vorgibt.
Damit verbunden ist auch die mangelnde Wahlfreiheit bei Nebenfächern oder bei Fächerkombinationen. Oft ist es nur möglich, sich ein verwandtes Fach dazuzuwählen - das heißt, ein Naturwissenschaftler hat große Probleme und muss es sehr genau begründen, wieso er ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Fach belegen will.
Die ganze Reform produziert im Grunde Fachidioten, die vielleicht den Ansprüchen der Wirtschaft zum aktuellen Zeitpunkt genügen, die letztendlich aber kaum fähig sein werden, neue Ideen und neue kreative Ansätze zu finden - damit entsteht ein großer gesellschaftlicher Schaden.
tagesschau.de: Was sind Ihre konkreten Forderungen?
Tom Amir: Grundsätzlich fordern wir, diese Knackpunkte an Bologna zu verbessern, zum Beispiel durch eine längere Regelstudienzeit, durch größere Freiheiten bei der Fächerwahl oder bei der Zusammenstellung des eigenen Stundenplans.
Dann fordern wir natürlich Gebührenfreiheit, weil einerseits jetzt die Studiengebühren eine unangemessene Härte sind. Zum Zweiten wird es den Studenten durch Bologna und die damit verbundene hohe Stundenzahl, die uns abverlangt wird - das sind 40-50 Stunden in der Woche - unmöglich gemacht, sich nebenbei noch ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dazu kommen in München die hohen Mieten - das macht es für einen Großteil der sozial schwächeren potenziell Studierenden unmöglich, ein Studium zu ergreifen. Ansonsten fordern wir generell eine Demokratisierung des gesamten Bildungssystems von der Schule bis zur Universität und vor allem größere Mitspracherechte für die Auszubildenden.
tagesschau.de: Wie lange wollen Sie noch weiter protestieren?
[Bildunterschrift: Bereits im Sommer hatte es massenhafte Proteste von Schülern und Studenten gegeben, wie hier am 17. Juni 2009 in Stuttgart. ]
Tom Amir: Die Besetzung soll aufrecht erhalten werden, es gibt kein vorgesehenes Ende. Im besten Fall bleiben wir natürlich so lange, bis unsere Forderungen erfüllt werden oder uns entgegen gekommen wird - oder bis die Besetzung durch die Hochschulleitung oder die Polizei beendet wird.
tagesschau.de: Was können sie denn realistisch erreichen?
Tom Amir: Mindestens können wir dafür sorgen, dass die Bildungspolitik wieder auf die Tagesordnung kommt. Das haben wir jetzt schon geschafft, es gibt Berichte in den Medien. Das haben die anderen Universitäten noch nicht geschafft - wir sind ja nicht die Einzigen, die protestieren.
tagesschau.de: Gibt es eine Vernetzung der Proteste mit den anderen Städten?
Tom Amir: Es gibt Vernetzungen. Wir haben rege Kontakte sowohl zu den Universitäten in Deutschland als auch in Österreich, mit denen wir uns auch solidarisch erklären, weil wir im Grunde die gleichen Ziele verfolgen. Wir haben gute Kontakte, wir erfahren immer sofort, wenn ein Uni besetzt wird oder wie jetzt in Tübingen, wenn eine geräumt wird. Und langsam steigt auch das Interesse der Öffentlichkeit - das ist sehr gut für uns.
Die Fragen stellte Sinje Stadtlich für tagesschau.de.
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