Interview

Deutsche Nationalmannschaft beim Training | Bildquelle: AP

Interview zu Fußball und Migration "Ein Globetrotter-Spieler kennt keine Nation"

Stand: 26.06.2010 21:52 Uhr

Besonders jetzt während der Fußball-Weltmeisterschaft werden in England für die Deutschen Stereotype wie "Krauts" bemüht. "Absurd" findet das der Kulturforscher Theweleit. Löws junge Elf zeichne sich gerade durch "undeutsche" Tugenden aus wie Spielwitz, Kreativität und ihren multikulturellen Hintergrund.

tagesschau.de: Herr Theweleit, vor dem Spiel Deutschland gegen England am Sonntag werden in englischen Zeitungen abermals deutsche Stereotype wie "Krauts" und "Huns" bemüht. Das wirkt mit Blick auf die jetzige Nationalmannschaft fast lächerlich.

Klaus Theweleit: Absurd wäre treffender. Es entspricht auch nicht einer wirklichen Stimmung - weder jetzt, noch bei früheren Turnieren. Ich erinnere mich besonders an das Halbfinale der EM 1996 gegen England, als plumpe Kriegsmetaphorik eingesetzt wurde: Panzer, Stahlhelm und Schützengraben auf Titelseiten des Boulevards. Dort gewinnt England immer noch "den Krieg". Aber weder das Publikum, noch die Mannschaften haben sich darauf eingelassen. Der Krieg fand nie auf dem Platz statt. Die Nationalmannschaft der Gegenwart verkörpert zudem geradezu internationale - wenn sie so wollen "undeutsche" - Tugenden wie Spielwitz und Kreativität.

alt Klaus Theweleit | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Zur Person

Klaus Theweleit ist Kulturwissenschaftler und Schriftsteller. Einer breiten Öffentlichkeit wurde er Ende der 70er-Jahre durch sein Werk "Männerphantasien" bekannnt. In "Tor zur Welt" befasste er sich 2004 mit "Fußball als Realitätsmodell". Theweleit lebt als freier Autor und Dozent in Freiburg.

tagesschau.de: Momentan spricht man in Deutschland schon von der "Internationalmannschaft". Dabei spielten in deutschen Mannschaften schon früher viele Fußballer mit ausländischen Wurzeln.

Theweleit: Das stimmt. Nehmen Sie nur die Polen im deutschen Fußball. Die sind seit jeher ein Regelfall; nicht erst mit Podolski, Klose und Trochowski. Schon in den 1930er Jahren gab es im Ruhrgebiet mit Fritz Szepan und Ernst Kuzorra den so genannten Schalker Kreisel. Auch Horst Kwiatkowski, Weltmeister 1954, hat diesen Hintergrund. Ihre Eltern oder Großeltern waren aus Polen oder Oberschlesien eingewandert. Denn auch dort herrschte eine lange Bergbautradition. Städte wie Hamborn hatten sogar einen überwiegenden Bevölkerungsanteil so genannter "Ruhrpott-Polen".

Deutsche Nationalmannschaft in Afrika WM 2010
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Bei der WM sind 23 Spieler für die deutsche Mannschaft dabei. Elf von ihnen haben mindestens einen nicht-deutschen Elternteil.

tagesschau.de: Und die anderen?

Theweleit: Die Geschichte der Nationalmannschaft liest sich wie die Einwanderungsgeschichte der Bundesrepublik: Nach dem Krieg kamen mit Josef Posipal und dem schon erwähnten Kwiatkowski Spieler aus den ehemaligen Ostgebieten. In den 1970er Jahren spielten mit Jimmy Hartwig, Erwin Kostedde und später Felix Magath die Kinder amerikanischer GIs in der Nationalmannschaft. In den 1990er Jahren spielten dann italienische "Gastarbeiterkinder" wie Maurizio Gaudino für den DFB. Dann gab es die erfolglosen Versuche, Spieler wie Sean Dundee oder Paulo Rink einzubürgern, um international wieder mithalten zu können: Das ist vor etwa zehn Jahren gehörig gescheitert. Erst jetzt setzt der DFB Maßstäbe in Sachen Integration.

tagesschau.de: Was wurde konkret geändert?

Theo Zwanziger und Joachim Löw | Bildquelle: dpa
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Theo Zwanziger und Joachim Löw: Der DFB-Präsident wird von vielen Experten gelobt, da er den Fußballbund modernisiert hat.

Theweleit: Den Grundstein für die aktuellen Entwicklungen hat der Deutsche Fußball-Bund 1998 gelegt. Damals wurde den Profivereinen verbindlich aufgetragen, Nachwuchsförderung zu betreiben, Fußballschulen einzurichten. In Frankreich oder den Niederlanden war das zu dem Zeitpunkt schon langjährige Praxis, bald auch in Spanien. Dies führte erstmals zu einer Vereinheitlichung der Nachwuchsausbildung in Deutschland. Viele aus der jetzigen Mannschaft sind schon in den Jugendinternaten der Profivereine ausgebildet worden.

tagesschau.de: Bis vor wenigen Jahren entschieden sich viele junge Spieler für das Land ihrer Eltern, obwohl sie in Deutschland geboren wurden. Was ist jetzt anders?

Theweleit: Der DFB war jahrzehntelang ein strukturell komplett konservativer Verband. Die Ansage gegenüber den Migrantenkindern war: "Wir wollen euch nicht!"  Da muss man sich nicht wundern. Erst mit dem jetzigen Präsidenten Theo Zwanziger kehrte ein radikales Umdenken ein. Die Altintop-Brüder sind zwar wie Mesut Özil in Gelsenkirchen geboren, aber genau den Tick zu alt, um von den besagten Neuerungen profitiert haben zu können. Außerdem hat sich der türkische Fußballverband sehr intensiv um diese Spieler bemüht. Trotzdem kann man feststellen, dass viele der Spieler mit ausländischen Wurzeln hierzulande alle Auswahlmannschaften seit der U15 durchlaufen haben. Sechs im jetzigen Kader standen in der U 21-Europameister-Mannschaft von 2009. Sie sind also fußballerisch komplett "deutsch" sozialisiert worden und tragen seit Jugendtagen den Adler auf der Brust. Insofern wundert es mich nicht, dass diese Spieler nun für die deutsche A-Mannschaft spielen wollen.

tagesschau.de: Wie viel besser ist die Nationalmannschaft durch die jungen Spieler mit Migrationshintergrund geworden?

Özil (links) und Podolski | Bildquelle: AP
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Die deutschen Nationalspieler Mesut Özil (links) und Lukas Podolski

Theweleit: Jung ist das entscheidende Wort, nicht Migration: Denn im Hinblick auf die aktuelle Mannschaft reden wir eigentlich nur von Özil und Khedira als spielprägenden Stammspielern mit Migrationshintergrund. Von Khedira reden wir nur als Ersatz für Ballack. Die anderen sind eher im zweiten Glied. Diese Mannschaft fällt auf durch ihre Jugend. Sie ist die jüngste deutsche Nachkriegsmannschaft bei einer WM und spielt modernen Fußball auf internationalem Niveau. Etwas, was wir vor zehn Jahren nur ehrfürchtig bestaunen durften.

tagesschau.de: Haben Spieler mit mehreren kulturellen Identitäten Vorteile?

Theweleit: Ich spreche in diesem Falle lieber von doppelten Ausrichtungsmöglichkeiten. Natürlich führen diese immer zu mehr Kompetenz. Das kann jeder bei sich selbst beobachten. Ich bin ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen und hatte dann meine neue, meine zweite schleswig-holsteinische Heimat – inklusive plattdüütsch schnacken. Als Jugendlicher wurde dann englische Beat-Musik meine kulturelle Heimat. Ich kenne also mindestens drei verschiedene Heimaten. Das hat mich natürlich viel beweglicher gemacht als die Einheimischen drumherum. Es geht um das Aufnehmen des Anderen, des Neuen: Sei es eine Sprache oder eine Tischsitte. Man entwickelt sich nur mit einer Fremdsprache oder dem Kennenlernen eines anderen sozialen Milieus weiter. Wer nur eine Heimat kennt und sonst nichts, ist dazu verdammt, blöd zu bleiben.

Die Spieler von Inter Mailand jubeln. | Bildquelle: REUTERS
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"Ein Globetrotter-Spieler kennt keine Nation mehr", meint Theweleit. Inter Mailand gewann das Champions-League-Finale - ohne Italiener.

tagesschau.de: Wird es in einer globalisierten Welt Nationalmannschaften weiterhin geben?

Theweleit: Schaut man auf die Champions League, stellt man fest: Da gewinnt Inter Mailand ohne einen einzigen Italiener. Das hat auch etwas Befreiendes. Es ist ein Spiel ohne nationale Identitätskonstrukte; es ist pure Internationalisierung. Trotzdem gibt es noch immer Länderspiele. Auf der einen Seite ist es anachronistisch, alle vier Jahre diese Nationenwettkämpfe abzuhalten. Andererseits gibt es bei vielen Menschen den starken Wunsch nach Nation - trotz oder wegen Globalisierung und EU. Also wird wenigstens zur WM die Fahne gehisst. Ein Globetrotter-Spieler, der bei sieben Vereinen auf vier Kontinenten gespielt hat, kennt keine Nation mehr. Er ist ein fußballspielender Kosmopolit.

Das Gespräch führte Jon Mendrala für tagesschau.de

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