Bundestrainer Joachim Löw beobachtet das Spiel seiner Nationalelf gegen Russland. | Bildquelle: FILIP SINGER/EPA-EFE/REX/Shutter

Spiel gegen Argentinien Löw erstmals ohne einen Weltmeister

Stand: 09.10.2019 09:36 Uhr

Wenn die deutsche Nationalmannschaft gegen Argentinien am Mittwoch (20.45 Uhr) testet, kommt es zu einem Novum. Erstmals wird Bundestrainer Joachim Löw keinen Weltmeister in der Startelf haben.

Von Frank Hellmann

Joachim Löw kennt das Dortmunder Fußballmuseum zur Genüge. Während sich die Neulinge Nadiem Amiri und Suat Serdar noch durch die langen Gänge führen lassen mussten, sind dem Bundestrainer die Örtlichkeiten bestens vertraut. Auf der Pressekonferenz vor dem Länderspiel Deutschland gegen Argentinien (Mittwoch 20.45 Uhr) stellte sich Löw neben die Stuhlreihen, um den Ausführungen von Julian Brandt und Marc-André ter Stegen zu lauschen.

Es lohnt sich ansonsten ja immer, hier den Blick streifen zu lassen. Im Eingangsbereich in der Cafeteria fallen gleich die vier Jubelbilder auf, die an schmalen Drahtseilen von der Decke baumeln und bezeugen, warum auf deutschen Trikots vier Sterne prangen. Es sind Jubelbilder der WM-Triumphe 1954, 1974, 1990 und 2014. Das Farbfoto vom WM-Sieg in Brasilien wirkt am eindrucksvollsten, weil es den Betrachter mit seiner Tiefe und Aussagekraft fasziniert.

Der Moment des Schlusspfiffs im berühmten Maracana, als Deutschland die Argentinier in "einem Kampf auf Biegen und Brechen", wie Löw erst wieder am Dienstag (08.10.2019) sagte, niedergerungen hatte. Dann fällt nach 120 Minuten und Nachspielzeit alles von den Protagonisten ab. Während Siegtorschütze Mario Götze fast unbeteiligt wirkt, fällt Toni Kroos schreiend auf die Knie, zu ihm eilt der jubelnde Thomas Müller. Dahinter sinkt Bastian Schweinsteiger, gezeichnet von den Strapazen, zu Boden. Hinter enttäuschten argentinischen Akteuren fällt die nächste Gruppe übereinander her: Per Mertesacker, Mats Hummels und André Schürrle.

Neuer auf der Bank, Ginter und Kroos verletzt

Emotionen, die so nie wiederkommen. Und Bilder, die es nicht mehr geben wird. Wenn sich nämlich der vierfache Weltmeister Deutschland und der zweifache Weltmeister Argentinien heute in Dortmund duellieren, dann markiert die Startelf eine Zäsur. Erstmals wird die Mannschaft ohne  einen Weltmeister auflaufen. Das gab es in den 64 Länderspielen seit der triumphalen Nacht des 13. Juli 2014 in Rio de Janeiro nicht.

Löw hat Torwart ter Stegen den Einsatz versprochen, womit Manuel Neuer auf der Bank bleibt. Matthias Ginter, der nach dem WM-Ausscheiden sogar einen Stammplatz in der Dreierkette oder als Rechtsverteidiger besetzte, musste mit einer Luxation in der Schulter absagen. Und Toni Kroos war wegen muskulärer Probleme in Madrid geblieben. Somit ist niemand mehr da, der gegen Argentinien noch die Erinnerungen von 2014 auf den Rasen trägt.

Rudy wird anders behandelt als Hummels

Dem Gegner geht es nicht anders: Defensivmann Marcos Rojo, 29, bei Manchester United kein Stammspieler mehr, dürfte auch nur eine Reservistenrolle bekleiden. Löws Kollege Lionel Scaloni treibt die Verjüngung und Veränderung radikal voran und verzichtet auf zahlreiche Stars. Sergio Agüero und Ángel Di Maria können für Manchester City oder Paris St. Germain noch so oft treffen und noch so gut spielen – sie sind außen vor. Eine Ausnahme bildet nur Lionel Messi, doch der Weltmeister ist nach seinen verbalen Attacken auf die südamerikanische Konföderation CONMEBOl noch gesperrt.

Thomas Müller im Trikot der deutschen Nationalelf | Bildquelle: imago/Ulmer/Teamfoto
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Thomas Müller im Trikot der deutschen Nationalelf

Die Ausbootung des Bayern-Trios Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller war ein bewusster Schritt, weil Löw erkannt hatte, dass die einen nicht mehr in Form sind (Boateng, Müller), die anderen die Ausbildung neuer Hierarchien (Hummels) verhindern. Bei der WM in Russland hatte Löw bekanntlich mit der Nominierung von neun Weltmeistern Schiffbruch erlitten. Während Neuer das Vertrauen trotz langer Verletzungspause zurückzahlte, enttäuschten die Feldspieler weitgehend. Niemand setzte Akzente: Angefangen von dem durch die Erdogan-Affäre sichtlich belasteten Mesut Özil, Sami Khedira oder auch Julian Draxler - sie alle blieben blass.

Wie sehr Löw daran gelegen ist, alte Zöpfe abzuschneiden, verdeutlichte seine Reaktion, als er am Montag auf eine mögliche Rückkehr von Mats Hummels angesprochen wurde, der innerlich sehr wohl noch mit einem Comeback geliebäugelt hatte. Doch während der 29 Jahre alte Sebastian Rudy (TSG Hoffenheim) von Löw wie selbstverständlich zurückgeholt wurde ("er kennt unsere Abläufe"), erhielt der 30-jährige Verteidiger von Borussia Dortmund ungeachtet seiner Weltklasseleistung in der Champions League gegen den FC Barcelona eine eiskalte Abfuhr: "Ich habe vor einigen Wochen gesagt, dass wir erstmal unseren Weg mit den jungen Spielern gehen. Es gibt jetzt keine Veranlassung, den Mats zu nominieren." Und Müller ist beim FC Bayern diese Saison so oft außen vor, dass Spekulationen über einen Vereinswechsel aufgekommen sind.

Bei der WM 2018 waren neun Weltmeister an Bord

Den Zwang zur radikalen Veränderung erkannte Löw indes erst im vergangenen Herbst, als es nach der krachenden 0:3-Niederlage in den Niederlanden auch um seinen Job ging. Als in der EM-Qualifikation gegen denselben Gegner im Frühjahr dieses Jahres ein glücklicher 3:2-Erfolg gelang, wähnte sich der Fußball-Ästhetiker schon weiter, wie er sagte. "Im Sommer gab es einen Bruch." Das DFB-Team hinkt wieder der geplanten Entwicklung hinterher, die Absagenflut schmerzt Löw. "Die Gesamtlage ist sehr angespannt und unerfreulich."

Aufhellen kann ihn bei Argentinien die Verknüpfung mit der Historie. Der 59-Jährige hat noch  das "wahnsinnig spannende Spiel mit vielen Emotionen" 2006 im WM-Viertelfinale in Berlin im Kopf, das das DFB-Team im Elfmeterschießen gewinnen konnte. Und das 4:0 vier Jahre später in Südafrika wieder im WM-Viertelfinale sei "vielleicht das beste Spiel für uns" gewesen.

Was die Turniere betrifft, sind Löws Erinnerungen ausnahmslos positiv. Bei Testspielen allerdings hatten die Südamerikaner meist die Nase vorn: Der bislang letzte deutsche Sieg resultiert da aus dem Jahre 1988. Vielleicht sagt Löw auch in diesem Wissen, dass das Ergebnis heute "nicht die allerwichtigste Rolle" spielt.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 09. Oktober 2019 um 15:41 Uhr.

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