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10.02.2010

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Sport
Olympia Übertragungsrechte Internet
Rechtevergabe entspricht nicht olympischem Gedanken
Keine Olympia-Filme im Internet

"Mit dem olympischen Gedanken hat das nicht viel zu tun"

Filme über die Wettkämpfe in Peking wird es auf tagesschau.de nicht geben. Aus rechtlichen Gründen dürfen wir die Berichte der Tagesschau über die Olympischen Spiele nicht ins Netz stellen. tagesschau.de hat die ARD-Rechtsexperten Christian Blankenburg und Klaus-Werner Schulz gefragt, warum die Vorgaben so streng sind, wer Interesse daran hat, die Internet-Rechte derart zu beschränken und wer davon profitiert.

tagesschau.de: Warum dürfen Zusammenfassungen der Wettkämpfe, die in der Tagesschau und in den Tagesthemen zu sehen sind, nicht im Internet gezeigt werden?

Christian Blankenburg: Unser Vertrag mit dem IOC ist schon zwölf Jahre alt, und er umfasst auch die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Aber 1996 hatte das Internet noch bei weitem nicht die Bedeutung, die es heute hat. Die Internet-Rechte wurden damals einfach nicht mitverhandelt.

tagesschau.de: Haben Sie denn keine Nachverhandlungen geführt?

Zur Person:

Christian Blankenburg ist stellvertretender Leiter der ARD-Auslandskoordination.

Er verwaltet Verträge und unterstützt den Sport in Fragen der Vertragsauslegung.

Für die Olympischen Spiele in Peking hat er an den Verhandlungen der Verträge seit 1996 mitgewirkt und betreut diese Verträge und ihre Auslegung seitdem für die gesamte ARD.
 

Blankenburg: Natürlich haben wir das getan, sonst hätten wir heute überhaupt kein Internetangebot zu den Olympischen Spielen. Aber das IOC verlangt für das Fernsehen, dass die Berichte regional gesperrt werden müssen. Man spricht da von "geoblocking". Das heißt, die Filme der Tagesschau und der Tagesthemen über die Olympischen Spiele dürfen nur in Europa gesendet werden. Wenn wir sie aber im Internet streamen oder dort on demand zur Verfügung stellen, sind sie weltweit zugänglich und dafür haben wir schlicht nicht die Rechte.

Geoblocking:

Geoblocking ist eine Technik, die verhindern soll, dass Nutzer aus bestimmten Ländern oder Regionen Zugang zu Internet-Inhalten erlangen. Dafür wird aus der IP-Adresse, die jeder Benutzer des Internets hat, sein Standort ermittelt und überprüft, ob die Inhalte für ihn freigegeben sind.

Geoblocking wird vornehmlich angewandt, wenn die Rechte von Internet-Inhalten nur für bestimmte Länder vergeben wurden, z.B. bei Sportveranstaltungen wie den Olympischen Spielen in Peking, Filmen und Musik.

Das Verfahren steht in der Kritik, da die IP-Adresse nicht immer den realen Standort widerspiegelt.
 
Olympia in Peking (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Schaukampf bei den Proben für die Eröffnungsfeiern - der Kampf um die Fernsehbilder von Olympia wird schon seit Jahren geführt ]

US-Sender sichert sich das Recht auf Spannung

tagesschau.de: Warum konnten Sie die Rechte denn nicht verhandeln? Bei der Fußball-EM hatte tagesschau.de doch auch die Möglichkeit, die Tagesschau-Filme ins Netz zu stellen bzw. sie zu streamen.

Blankenburg: Aber hier geht es um die Olympischen Spiele und die interessieren weltweit. Wegen der Zeitverschiebung können die Spiele in den USA nicht zu vernünftigen Zeiten live gezeigt werden. Deswegen hat der US-Sender NBC, der die Rechte für die Spiele erworben hat, sich entschieden, überwiegend zeitversetzt auszustrahlen. Wenn aber vor den Ausstrahlungsterminen in den USA die Fernsehbilder der Wettkämpfe bereits weltweit im Netz sind, dann würde das die Ausstrahlungsmöglichkeiten der NBC ziemlich verwässern. Denn der Sender hat natürlich ein Interesse daran, dass möglichst wenige US-Bürger die Fernsehberichte über wichtige Entscheidungen schon sehen können, bevor er sie ausstrahlt.

tagesschau.de: Das heißt, die NBC hat erfolgreich verhindert, dass irgendwo auf der Welt Bilder über olympische Entscheidungen ins Netz gestellt werden, die den Amerikanern die Spannung an den Wettkämpfen verderben.

Blankenburg: Exakt. Und die NBC hat sich das auch einiges kosten lassen. Die Geoblocking-Vorgaben gelten übrigens für alle Rechte-Erwerber - also auch für die Anbieter in Asien, Südamerika und so fort.

tagesschau.de: Die Rede des IOC-Vorsitzenden Rogge am Wochenende durfte ebenfalls nicht im Netz gezeigt werden. Warum nicht? Ist auch die Berichterstattung über Sportpolitik von den Einschränkungen betroffen?

Klaus-Werner Schulz: Die Frage kann eigentlich nur das IOC beantworten. Wir wissen nicht, welche Gründe es für diese Entscheidung gegeben hat. Meine Vermutung ist, dass das IOC sagt, dass die Rede auch schon zur Olympia-Berichterstattung gehört und deshalb nicht ins Netz gestellt werden darf.

"Es ist uns wichtig, eigene Kameras im Stadion zu haben"

tagesschau.de: Gibt es, wie zum Beispiel bei der Fußball-EM, ein so genanntes "Weltbild" - also ein Bild für alle, das die ARD nehmen muss? Oder sind alle Videos, die das Erste zeigt, selbst gedreht?

Olympia in Peking (Foto: dpa) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Der LingLong-Sendeturm auf dem Olympiagelände in Peking ]
Blankenburg: Es gibt ein "Weltbild", aber die ARD muss es nicht nehmen. Das heißt, die Veranstalter sind mit eigenen Kameras in den Stadien und drehen die Sportereignisse. Die Bilder werden dann allen Ländern, die sie wollen, zur Verfügung gestellt. Besonders kleinere Länder bedienen sich ausschließlich aus diesem Angebot. ARD und ZDF haben aber zusätzlich eigene Kameras und eigene Reporter in den Stadien, so dass wir nicht unbedingt auf das "Weltbild" angewiesen sind. Wir greifen aber natürlich auch darauf zurück.

tagesschau.de: Können Sie schätzen, wie viel Prozent der gezeigten Fernsehbilder aus eigenem Material bestehen und wie viel aus dem weltweiten Angebot?

Zur Person:

Klaus-Werner Schulz ist Sportrechte-Beauftragter in der ARD-Sportkoordination.

Er hat die Aufgabe, nationale und internationale Sportrechte zu erwerben und deren ordnungsgemäße Nutzung zu gewährleisten.

Für die Olympischen Spiele in Peking hat er u.a. dafür Sorge zu tragen, dass die vom IOC erworbenen Rechte von der ARD vertragskonform und uneingeschränkt genutzt werden.
 

Schulz: Wenn wir über die eigentlichen Sportereignisse berichten, wird es wohl überwiegend "Weltbild"-Material sein, weil das auch mit entsprechendem Aufwand hergestellt wird. Die Kameras der Veranstalter haben in der Regel immer die besten Position, zum Beispiel an der Laufbahn. Für uns, wie für alle großen TV-Anbieter, ist es aber wichtig, eigene Kameras in den Stadien zu haben, damit man - wenn es nötig ist - eigene Bilder senden kann.

tagesschau.de: Das 100-Meter-Sprint-Finale der Männer wird ein Weltbild sein?

Blankenburg / Schulz: Ja. Interviews mit Sportlern, vor allem natürlich aus Deutschland, werden wir dagegen weitgehend selbst aufnehmen.

tagesschau.de: Wer stellt das Weltbild zur Verfügung, wer ist "Herr der Bilder"?

Blankenburg: Das ist zum einen die Produktionsfirma "Beijing Olympics Broadcasting", mittlerweile eine Tocherfirma des IOC, und zum anderen das chinesische Organisationskomittee BOCOG. Die beiden Institutionen arbeiten eng zusammen und liefern uns die Bilder. Mit beiden haben wir Verträge.

tagesschau.de: Entspricht diese restriktive Regelung eigentlich noch dem Olympischen Gedanken und dem "Free Flow of Information" oder geht es ihrer Meinung nach ausschließlich um die kommerzielle Verwertung?

Olympia in Peking (Foto: AFP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Von hier gehen die Olympia-Bilder in die Welt - das Pressezentrum Center im Olympiapark von Peking ]
Schulz: Was die Bilder betrifft, so gehen wir davon aus, dass sie eine relativ wertfreie und objektive Darstellung des Sportgeschehens vor Ort vermitteln werden. Es ist uns von den Chinesen garantiert worden, dass die Bilder wirklich live in die Welt gehen. Für den eigenen Markt in China hat das chinesische Fernsehen dagegen bekanntgegeben, dass es die Bilder jeweils mit 10 bis 20 sekündiger Verzögerung anbietet, damit man noch kontrollieren kann. Aber das "Weltbild" selbst soll live kommen - ohne jede Unterbrechung oder Verzögerung. Ob die Garantie aber auch eingehalten wird, diese Frage stellt sich natürlich immer. Das hat man jetzt auch wieder bei der Diskussion um den Internet-Zugang für Journalisten gesehen.

"Das ist reiner Kommerz - im Interesse des IOC"

tagesschau.de: Das eine ist die Kontrolle, die die chinesische Regierung ausüben möchte, das andere ist der Reibach, den sich das IOC von den Spielen verspricht. Was ist Ihrer Meinung nach das wichtigere Motiv für die Restriktionen in der Berichterstattung?

Schulz: Die Kontrolle der Bilder ist das Anliegen der chinesischen Machthaber, aber die rechtlichen Beschränkungen, zum Beispiel bei der Ausstrahlung von TV-Bildern im Internet - das ist reiner Kommerz und liegt ausschließlich im Interesse des IOC. Diese detaillierten Vorgaben sind einzig und allein dafür da, den Markt, den die Olympischen Spiele darstellen - nicht nur für Fernsehbilder, sondern auch für Werbung - für das IOC möglichst gewinnbringend zu nutzen. Mit dem ursprünglichen olympischen Gedanken hat das nicht mehr viel zu tun.

tagesschau.de: Gelten diese Regelungen nur jetzt bei den Olympischen Spielen in China oder müssen wir bei künftigen Groß-Ereignissen im Sport mit ähnlichem rechnen?

Schulz: China ist aufgrund der politischen Lage sicher ein Sonderfall. Aber was die Reglementierung und Kontrolle des Marktes angeht - das wird sich fortsetzen, und das wird eher noch schlimmer werden.

Das Interview führte Sabine Klein, tagesschau.de

Stand: 06.08.2008 06:53 Uhr

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