Mesut Özil nach dem deutschen WM-Aus | Bildquelle: dpa

Fußball-Nationalmannschaft Mesut Özil tritt zurück

Stand: 23.07.2018 02:54 Uhr

Mesut Özil tritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zurück. Der Weltmeister zieht damit die Konsequenzen aus der Affäre um die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Er wolle nicht länger als Sündenbock dienen.

Fußball-Weltmeister Mesut Özil tritt aus der deutschen Nationalmannschaft zurück. Der 29-Jährige gab diese Entscheidung in einer Erklärung über Twitter bekannt und zog damit die Konsequenzen aus der Affäre um die umstrittenen Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor der WM.

Zuvor hatte Özil den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und vor allem dessen Präsidenten Reinhard Grindel, deutsche Medien und Sponsoren für ihren Umgang mit ihm kritisiert.

"Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, so lange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre", schrieb Özil. Er fühle sich vom Fußball-Bund und vor allem dessen Präsident Grindel schlecht behandelt. "Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen", betonte Özil an die Adresse von Grindel.

Nach Foto-Debatte: Mesut Özil tritt aus Fußball-Nationalmannschaft zurück
tagesthemen 23:40 Uhr, 22.07.2018, Oliver Feldforth, HR

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Wochenlanges Schweigen

Auslöser des Wirbels um Özil waren Bilder mit Erdogan bei einer Veranstaltung im Mai in London. In der Debatte, die vor und während der Weltmeisterschaft immer schärfer wurde, ging es bald auch um die Integration von Migranten und ihrer Nachkommen und um Fremdenhass. Während sich Nationalspieler Ilkay Gündogan, der sich ebenfalls mit Erdogan fotografieren ließ, kurz darauf äußerte, hatte Özil über Wochen geschwiegen.

Das Treffen mit Erdogan in London bereut Özil nicht. "Was auch immer der Ausgang der vorangegangenen Wahl gewesen wäre oder auch der Wahl zuvor, ich hätte dieses Foto gemacht", schrieb Özil. "Ein Foto mit Präsident Erdogan zu machen, hatte für mich nichts mit Politik oder Wahlen zu tun, es war aus Respekt vor dem höchsten Amt des Landes meiner Familie."

Ilkay Gündogan, Mesut Özil, Recep Tayyip Erdogan und  Cenk Tosun | Bildquelle: TURKISH PRESIDENTAL PRESS OFFICE
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Stein des Anstoßes: Özil und Gündogan beim Treffen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan

Wahlhilfe oder nur Respektsbekundung?

Kritiker sahen die Fotos als Wahlhilfe für Erdogan. "Mit dem Alleinherrscher Erdogan zu posieren empfinde ich als respektlos denen gegenüber, die in der Türkei gegängelt werden oder willkürlich im Gefängnis sitzen", teilte der ehemalige Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir mit. Özil sei seiner Vorbildfunktion nicht gerecht geworden.

Özil indes schrieb: "Für mich ist es nicht von Bedeutung gewesen, wer Präsident war, es war von Bedeutung, dass es der Präsident war." Özil verwies auf seine türkischen Wurzeln. Sich nicht mit Erdogan zu treffen, hätte bedeutet, diese Wurzeln nicht zu respektieren, unabhängig davon, wer Präsident sei. Im Gespräch mit Erdogan sei es um Fußball gegangen, nicht um Politik. Mit Erdogan habe er sich erstmals bereits 2010 getroffen, nachdem dieser zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel das Länderspiel zwischen Deutschland und der Türkei in Berlin besucht habe. Damals war Özil von vielen türkischstämmigen Besuchern ausgepfiffen worden.

"Deutscher, wenn gewonnen - Immigrant, wenn verloren"

Die Affäre um die Fotos hatte die WM-Vorbereitung der Nationalmannschaft überschattet und war auch während des Turniers in Russland ein Störfaktor. Nach dem erstmaligen Aus des DFB-Teams in einer WM-Vorrunde hatten Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Chef Grindel gefordert, Özil solle sich öffentlich erklären. Beiden wurde daraufhin vorgeworfen, sie würden den 29-Jährigen zum Buhmann machen. "Ich fühle mich ungewollt und denke, dass das, was ich seit meinem Länderspiel-Debüt 2009 erreicht habe, vergessen ist", schrieb Özil.

"Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren", beschrieb Özil seine Situation und berichtete von Hass-Mails und Drohungen gegen seine Familie und ihn.

Verletzendes "Krisenmanagement"

Özil warf "bestimmten deutschen Zeitungen" rechte Propaganda vor, "um ihre politischen Interessen voranzutreiben". Er sei enttäuscht über die "Doppelmoral" in der Berichterstattung und verwies auf ein ebenfalls umstrittenes Treffen von Lothar Matthäus mit Kremlchef Wladimir Putin. Matthäus habe sich dafür nicht öffentlich erklären müssen und dürfe weiterhin Ehrenspielführer bleiben. "Macht mein türkisches Erbe mich zu einem besseren Ziel?", fragte Özil.

Nach den Bildern mit Erdogan sei er von einem DFB-Sponsor nachträglich aus Werbekampagnen entfernt worden. Alle weiteren PR-Aktivitäten, für die er eigentlich vorgesehen gewesen war, seien gestrichen worden. "Für sie war es nicht länger gut, mit mir gesehen zu werden. Sie nannten diese Situation 'Krisenmanagement'", ließ Özil wissen, ohne den Namen des Sponsors konkret zu nennen.

Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, will Özil nicht vollständig aus der Verantwortung entlassen. "Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln müssen sich Spieler der Fußballnationalmannschaft Kritik gefallen lassen, wenn Sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben", twitterte die CDU-Politikerin. Sie betonte zugleich, dass diese Kritik nicht "in eine pauschale Abwertung" von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen dürfe.

Andere Unionspolitiker wandten sich deutlicher gegen Özil. "Niemand vernünftiges will, dass Mesut Özil seine Herkunft verleugnet. Aber zu behaupten, dass ein Foto mit Erdogan - mitten im türkischen Wahlkampf - ohne politische Absichten entstanden sei, ist naiv", so Paul Ziemiak, Vorsitzender der Jungen Union zu "Bild". Im selben Medium meldete sich auch Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl zu Wort. Er wünsche sich "ein klares Bekenntnis zu unseren Werten", gerade gegenüber jemandem wie Recep Tayyip Erdogan, sagte der CDU-Mann mit Blick auf das umstrittene Treffen Özils mit dem türkischen Staatschef.

Justizministerin Katharina Barley zeigte sich hingegen besorgt über den Rücktritt des Sportlers. "Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt", schrieb die SPD-Politikerin auf Twitter.

Löws Liebling

Unter Joachim Löw galt Özil bis zur WM 2018 als einer der Lieblingsspieler des Bundestrainers. Insgesamt bestritt Özil 92 A-Länderspiele für den DFB und wurde mit dem Team 2014 in Brasilien Weltmeister. Fünf Jahre zuvor hatte er mit der deutschen U21 den EM-Titel gefeiert.

Bei der WM in Russland wurde Özil nach dem 0:1 gegen Mexiko zum Auftakt heftig kritisiert. Im zweiten Gruppenspiel beim 2:1 gegen Schweden ließ Löw ihn erstmals bei einem Turnier auf der Ersatzbank. Gegen Südkorea gehörte Özil dann wieder zur Startelf, konnte trotz einer guten Leistung das 0:2 und das WM-Aus aber nicht verhindern.

Quelle: sportschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Juli 2018 um 20:00 Uhr.

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