Özil (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Özil-Rückzug aus Nationalteam Ehrenhaft, naiv oder ein Alarmzeichen?

Stand: 23.07.2018 10:51 Uhr

Als Alarmzeichen sieht Justizministerin Barley den Rückzug Mesut Özils aus der Nationalelf, aus der CDU kommen kritische Stimmen. Warme Worte für den "Bruder Özil" findet der Sportminister - allerdings der türkische.

Der Rückzug Mesuts Özils aus der Nationalelf ist von Politikern mit Bedauern, aber auch Unverständnis aufgenommen worden, seine harte Abrechnung mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), Medien und einem ungenannten DFB-Sponsor sorgt für eine hitzige Debatte.

Justizministerin Katharina Barley zeigte sich besorgt über den Rücktritt. "Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt", schrieb die SPD-Politikerin auf Twitter.

Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, will Özil nicht vollständig aus der Verantwortung entlassen. "Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln müssen sich Spieler der Fußballnationalmannschaft Kritik gefallen lassen, wenn Sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben", twitterte die CDU-Politikerin. Sie betonte zugleich, dass diese Kritik nicht "in eine pauschale Abwertung" von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen dürfe.

Kritik aus der CDU

Andere Unionspolitiker wandten sich deutlicher gegen Özil. "Niemand vernünftiges will, dass Mesut Özil seine Herkunft verleugnet. Aber zu behaupten, dass ein Foto mit Erdogan - mitten im türkischen Wahlkampf - ohne politische Absichten entstanden sei, ist naiv", so Paul Ziemiak, Vorsitzender der Jungen Union zu "Bild".

Auch Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl meldete sich via "Bild" zu Wort. Er wünsche sich "ein klares Bekenntnis zu unseren Werten", gerade gegenüber jemandem wie Recep Tayyip Erdogan, sagte der CDU-Mann mit Blick auf das umstrittene Treffen Özils mit dem türkischen Staatschef.

"Ehrenhafte Haltung unseres Bruders Özil"

In der Türkei selbst war das politische Echo eindeutig: "Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen", twitterte der türkische Sportminister Mehmet Kasapoglu. Und Ibrahim Kalin, der Sprecher Erdogans schrieb: "Aber stellen Sie sich vor, welchem Druck Herr Mesut in diesem Prozess ausgesetzt war. Wo sind Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus geblieben...?!"

Ein Foto mit Erdogan hatte die öffentliche Debatte um Özil ausgelöst, die sich während der Fußball-WM verschärfte. Im Mai hatten sich die damaligen Nationalspieler Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten fotografieren lassen - mitten im türkischen Wahlkampf.

Özil: "Nichts mit Politik zu tun"

Das Treffen mit Erdogan in London bereut Özil nicht, wie er gestern ein seinem englischen Statement deutlich machte: "Was auch immer der Ausgang der vorangegangenen Wahl gewesen wäre oder auch der Wahl zuvor, ich hätte dieses Foto gemacht", so der 29-Jährige. "Ein Foto mit Präsident Erdogan zu machen, hatte für mich nichts mit Politik oder Wahlen zu tun, es war aus Respekt vor dem höchsten Amt des Landes meiner Familie."

Ilkay Gündogan, Mesut Özil, Recep Tayyip Erdogan und  Cenk Tosun | Bildquelle: TURKISH PRESIDENTAL PRESS OFFICE
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Stein des Anstoßes: Özil und Gündogan beim Treffen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan

Harte Kritik an Grindel

Özil greift in einer langen Erklärung vom Sonntag den DFB und vor allem dessen Präsidenten Reinhard Grindel scharf an. Er fühle sich schlecht behandelt. "Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen", betonte Özil an die Adresse von Grindel.

Nach dem erstmaligen Aus des DFB-Teams in einer WM-Vorrunde hatten Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Chef Grindel gefordert, Özil solle sich öffentlich erklären. Beiden wurde daraufhin vorgeworfen, sie würden den 29-Jährigen zum Buhmann machen.

Zwanziger: "Rückschlag für Integrationsbemühungen"

Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger sagte, die von Özil auch mit Fremdenfeindlichkeit innerhalb des Verbands begründete Entscheidung sei "für die Integrationsbemühungen in unserem Land über den Fußball hinaus ein schwerer Rückschlag". In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur nannte Zwanziger Özil "ein großes Vorbild für junge Spielerinnen und Spieler mit türkischem Migrationshintergrund, sich auch in die Leistungsstrukturen des deutschen Fußballs einzufinden".

Zwanziger hatte in seiner Amtszeit das Thema Integration stark vorangetrieben - und sieht auch Versäumnisse beim DFB. "Durch Fehler in der Kommunikation ist etwas passiert, das bei Migranten nie passieren darf: Sie dürfen sich nie als Deutsche zweiter Klasse fühlen. Wenn dieser Eindruck entsteht, muss man gegensteuern", sagte er.

Auch die türkische Gemeinde in Deutschland nach dem Rücktritt Özils hält die Integration von Migranten für gefährdet. "Vielfalt in der Nationalmannschaft war ein tolles Vorzeigeprojekt, was durch unfähige Führungskräfte nun zu scheitern droht", schrieb ihr Vorsitzende Gökay Sofuoglu auf Twitter. Junge Talente mit Migrationshintergrund seien nun weniger motiviert. Sofuoglu forderte zudem, nach Özil solle die gesamte DFB-Spitze zurücktreten, "damit ein echter Neuanfang für die deutsche Nationalmannschaft denkbar ist".

Mesut Özil kommt mit FC Arsenal in Singapur an. | Bildquelle: dpa
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Das erste Foto nach der Rücktrittserklärung via Twitter: Ein lächelnder Mesut Özil kommt mit seinem Verein FC Arsenal in Singapur an.

"Leistung gibt es nur in Vielfalt, nicht in Einfalt"

Nationalspieler Jérôme Boateng meldete sich ebenfalls auf Twitter zu Wort: "Es war mir eine Freude, Abi", schrieb der Abwehrspieler des FC Bayern München und verwendete dabei das türkische Wort für "Bruder" (Abi). Mit zwei Hashtags erinnerte der 29 Jahre alte Boateng zudem an die Titelgewinne bei der U21-Europameisterschaft 2009 und bei der Weltmeisterschaft 2014, die er gemeinsam mit Özil gefeiert hatte.

Andere Töne kommen von Uli Hoeneß: Der Präsident des FC Bayern kritisierte Özil scharf - für seine angeblich schlechte sportliche Leistung: "Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto", sagte er in einem Kreis von Reportern. Sportlich habe Özil seit Jahren nichts in der Nationalmannschaft verloren. Insbesondere auf Twitter führten diese Äußerungen jedoch zu großer Empörung, nicht zuletzt da Özil in den vergangenen Jahren mehrfach zum besten Nationalspieler ausgezeichnet worden war.

Der Grüne-Politiker Cem Özdemir warnte in der "Berliner Zeitung" angesichts Özils bereits vor negativen Folgen für den Fußball und die Gesellschaft. Er machte deutlich: "Es ist fatal, wenn junge Deutsch-Türken jetzt den Eindruck bekommen, sie hätten keinen Platz in der deutschen Nationalelf. Leistung gibt es nur in Vielfalt, nicht in Einfalt. So sind wir 2014 Weltmeister geworden. Und Frankreich jetzt."

Berliner Reaktionen zu Özil: Von Betroffenheit bis Unverständnis
Jörg Seisselberg, ARD Berlin
23.07.2018 09:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 23. Juli 2018 um 07:24 Uhr.

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