Ein Teilnehmer eines Marathons in Toronto. | Bildquelle: AP

Interne Datenbank offenbart systematisches Doping Im Schattenreich der Leichtathletik

Stand: 01.08.2015 17:04 Uhr

Es sind Daten, die die Leichtathletik erschüttern dürften. Eine interne Datenbank des Weltverbandes IAAF zeigt, wie Doping den Spitzensport durchsetzt. Sie enthält Tausende auffällige Blutwerte - auch von zahlreichen Goldmedaillengewinnern.

Von Hajo Seppelt und Andreas Spinrath, WDR

Geoffrey Tarno starb am selben Tag, an dem er mit der Hoffnung auf ein besseres Leben losrannte. "Wenn ich zurückkomme, werde ich reicher sein als jemals zuvor", sagte er vorher zuversichtlich. Dann lief er: Marathon, 42,195 Kilometer, die Kenianer sind eine Weltmacht auf dieser Strecke. Nach 40 Kilometern führte Tarno, das Preisgeld von 3000 Dollar war ihm kaum mehr zu nehmen. Doch der 32-Jährige erreichte das Ziel in Eldoret im Oktober 2013 nicht.

Tarno brach zusammen. Alles deutet darauf hin, dass er mit EPO gedopt war. Der Autopsiebericht spricht von einer Lungenembolie, sein Herz verkraftete das Mittel nicht. Tarnos Tod ist ein Symbol für ein beispielloses Dopingsystem, das offenbar Teile der internationalen Leichtathletik-Szene beherrscht. Ein System, das sich abschottet gegenüber Menschen, die Fragen stellen: Informanten werden eingeschüchtert, Ärzte bestochen, Goldmedaillen gefeiert.

Läufer trainieren in Eldoret, Kenia | Bildquelle: picture alliance / AFP Creative
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Eldoret im Westen Kenias ist das Zentrum des Laufsport des Landes. Wegen der Höhenlage trainieren hier viele Stars.

Ein Datenstick offenbart das ganze Ausmaß

Die Suche nach den Hintermännern beginnt mit einem Brief ohne Absender. Darin: Ein Datenstick. Ein Ordner mit dem Namen IAAF. Und mehrere Dateien. Es sind hunderte Seiten, eine Datenbank mit Athleten aus aller Welt. Olympiasieger, Weltmeister, Gold-Hoffnungen. Hinter den Namen: ihre Blutwerte.

Die Daten kommen offenbar aus dem Innersten des Weltleichtathletikverbandes IAAF. Mehr als 12.000 offizielle Bluttests, rund 5000 Athleten aus allen Disziplinen. Es ist der größte Datensatz mit Blutwerten von Spitzensportlern, der jemals nach außen gelangte.

Die Ergebnisse überraschen auch Experten

Die ARD-Dopingredaktion hat die Datenbank in den vergangenen Monaten gemeinsam mit Kollegen der britischen "Sunday Times" ausgewertet - und die Ergebnisse sind noch viel brisanter, als vermutet.

Schon im vergangenen Dezember enthüllte eine Dokumentation der ARD systematisches Doping in der russischen Leichtathletik. Verstrickt war darin neben Ärzten, Betreuern und Sportlern auch die russische Anti-Doping-Agentur. Doch nun ist klar: Die "Geheimsache Doping" ist bei weitem nicht nur ein russisches Problem.

Die russische Geherin Jelena Laschmanowa | Bildquelle: AP
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Die russische Leichathletin Jelena Laschmanowa wurde 2014 des Dopings überführt. 2012 hatte sie bei den Olympischen Spielen in London die Goldmedaille im 20-km-Gehen gewonnen.

Jeder siebte Athlet mit auffälligen Werten

Die Datenbank bricht das Problem auf nackte Zahlen herunter: Bei rund jedem siebten Athleten in den Listen finden sich Werte, die in den allermeisten Fällen nicht natürlich zu erklären sind. In manchen Nationen ist fast die Hälfte der Athleten auffällig. Der Experte Michael Ashenden bringt seine Analyse auf den Punkt: "Die Werte in der Datenbank lassen aus meiner Sicht keinen Zweifel zu, dass die Ausdauerdisziplinen von Blutdoping durchsetzt waren. Es tut mir sehr leid für die sauberen Athleten, die um ihre Medaillen betrogen wurden."

Wir reisen nach Kenia. Die Sportler aus dem ostafrikanischen Land dominieren die Mittel- und Langstreckenwettbewerbe seit Jahren. Mehr als die Hälfte aller Titel in diesen Disziplinen haben in den vergangenen zehn Jahren Kenianer gewonnen. In der Marathonweltbestenliste stehen 230 Kenianer vor dem ersten Deutschen. Ist das alles nur die Höhenluft? Die körperlichen Vorteile?

Das Ende eines Mythos

Drei Beispiele: Im vergangenen Jahr gewinnt Rita Jeptoo den Boston-Marathon, bei der anschließenden Urinkontrolle wird sie des EPO-Dopings überführt. Sie ist gesperrt und geständig. Und gegenüber uns behauptet die Kenianerin, dass sie in ihrem Heimatland seit 2006 keinen einzigen Bluttest habe abgeben müssen. Das wäre wichtig für die Dopingbekämpfung.

Rita Jeptoo gewinnt 2014 den Boston Marathon | Bildquelle: dpa
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Ihr Jubel währte nur kurz: Nach ihrem Sieg beim Boston Marathon wurde Rita Jeptoo des Dopings überführt.

Die Marathonläuferin Viola Chelangat Kimetto wird im Dezember 2013 positiv getestet, der IAAF fordert vom kenianischen Verband eine unverzügliche Suspendierung. Nach neun Monaten steht sie aber plötzlich in Kroatien wieder auf dem Marathon-Siegertreppchen.

Bei unseren Recherchen vor Ort treffen wir Athletenbetreuer, die eidesstattlich versichern, dass man sich nach einer positiven Dopingprobe freikaufen könne. Die Hälfte der 20.000 Dollar Preisgeld gebe man dann ab - "und niemand wird vom Doping erfahren". Der kenianische Verband will sich dazu nicht äußern. Ist das alles nur Zufall?

Dutzende Goldmedaillen offenbar mit Doping gewonnen

Die Antwort ist nein - in der Leichtathletik wird offenbar systematisch gedopt. Zu diesem Schluss kommen auch die zwei Wissenschaftler, die unabhängig voneinander die uns zugespielte Datenbank mit den vielen Bluttests aus den Jahren 2001 bis 2012 überprüft haben. Sie haben darin einige lebensgefährliche Werte entdeckt - und viele verdächtige: Jede dritte Medaille bei Weltmeisterschaften und Olympia in Ausdauersportarten wurde demnach von Athleten gewonnen, bei denen mindestens ein Experte einen verdächtigen Wert ermittelt hat. Darunter sind 55 Goldmedaillen.

US-Läufer Justin Gatlin | Bildquelle: AFP
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Der US-Läufer Justin Gatlin zählt zu den prominentesten Sportlern, die in den vergangenen Jahren des Dopings überführt wurden. Inzwischen läuft er wieder in der Weltspitze mit.

Robin Parisotto erläutert, dass es in der Vergangenheit zwar einzelne Athleten mit ähnlichen Werten gegeben habe, aber "in dieser Datenbank ist das so geballt, da gibt es viele, deren Ergebnisse nicht nur einfach verdächtig waren, sondern durchweg extrem".

Und sein Kollege Ashenden vergleicht die Werte dann auch mit dem skandalumwitterten Radsport: "Wenn es stimmt, dass es in den 1990er-Jahren im Radsport eine Welle von Todesfällen durch EPO gab, dann befürchte ich, es könnte eine noch größere Spur des Todes in der Leichtathletik geben."

Eine Spur, die zu Athleten wie Geoffrey Tarno führt. Der Tod des vierfachen Familienvaters wurde nie umfassend aufgeklärt. Vor seinem tragischen letzten Rennen, so erzählen es seine Trainingskollegen, bekam Tarno immer wieder Besuch von einer Frau - der Dealerin. Nachdem Tarno starb, kam sie nie wieder.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. August 2015 um 20:00 Uhr.

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