Ein Bodybuilder packt aus "Ich hole mir die Mittel aus dem Untergrund"

Stand: 16.01.2008 10:33 Uhr

Bodybuilder - sie sind stark, finden sich schön und sind gedopt. Ohne geht es nicht, Doping gehört zum Geschäft. Sie beschaffen sich ihre Mittel illegal, im Untergrund. Ein Muskelprotz aus Hamburg packt aus. Er erzählt, welche Präparate er nimmt und wieviel ihn die monatliche Dosis kostet.

Von Jan Frenzel für tagesschau.de

Body-Builder
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Dieser Hamburger Bodybuilder greift auch zu nicht erlaubten Mittel - und erzählt darüber

Es ist 10.30 Uhr. Ein gewöhnliches Fitnessstudio in Hamburg. Hanteln liegen in den Regalen, an den Geräten trainieren zwei Männer. Eine ältere Dame macht Sit-Ups auf einer blauen Turnmatte. Es riecht nach muffigem Schweiß, aus den Boxen dröhnt Radio-Musik. Markus Meier (Name geändert), 51, sitzt an der Bar. 110 Kilogramm geballte Power, Brustumfang 154 Zentimeter, Oberschenkelumfang 75 Zentimeter. Er will über professionelles Bodybuilding und Doping reden. Aus Angst vor Beleidigungen seiner Kollegen will er unerkannt bleiben.

"Im professionellem Bodybuilding wird gedopt. Anders geht es nicht“, sagt er gleich zu Beginn des Gespräches voller Überzeugung. Mehr als 150 Euro gibt er monatlich für Anabolika aus. Um schön zu sein und um seinen Titel im Bodybuilding zu verteidigen, erklärt er. "Ich bin Wettkampfsportler. Ich will erfolgreich sein.“ Auf Wachstumshormone verzichtet er. Zu teuer. Mehr als 5000 Euro würde eine "Kur“, wie es im Fachjargon heißt, kosten. "Ich schlucke und spritze Testosteron. In der Vorbereitung nehme ich Enathat, vor einem Wettkampf Propionat“, sagt er stolz. Außerdem auf seiner Liste: Trimbolon, Bordone und Masteron.

Anabolika

Anabolika sind Substanzen, die das Muskelwachstum durch Steigerung des Proteinaufbaus fördern. Man spricht auch von anaboler Wirkung. Die bekanntesten Anabolika sind anabole Steroide und Testosteron. Charakteristische Nebenwirkungen dieser Substanzen sind Akne, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Leberschäden. Beim Mann besteht die Gefahr einer Impotenz. Bei Frauen kann eine Einnahme anaboler Steroide zur vermehrten Körperbehaarung, zu Veränderungen des Menstruationszyklus', zum Klitoriswachstum und zur Veränderung der Stimmlage führen. Anabolika haben Einfluss auf den Aufbaustoffwechsel (auch Anabolismus genannt) des menschlichen Körpers, wobei hier insbesondere der Eiweißaufbau gefördert wird. Dabei wird die Synthese von Eiweiß im Organismus verstärkt sowie gleichzeitig der Abbau der körpereigenen Eiweißvorräte vermindert. Dadurch kann der Muskelaufbau beschleunigt werden.

Bodybuilder dopen am häufigsten

Seit Jahren führen die Bodybuilder die Liste mit den meisten Dopingfällen an. Es gibt Studien, nach denen vier von zehn Sportlern in Fitnessstudios chemisch nachhelfen. Fachleute schätzen, dass rund 400.000 Deutsche schlucken oder spritzen, um gut auszusehen und um Erfolg zu haben. Obwohl die meisten Präparate in Deutschland verschreibungspflichtig sind - wenn überhaupt zugelassen - ist es nicht schwer, sie zu bekommen, betont Meier: "Ich beziehe die Produkte meistens über das Internet. Die Rohstoffe kommen aus China."

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Viele mischen sich den Cocktail selbst zusammen – oft mit schlimmen Folgen. Haarausfall und Akne zählen zu den harmlosesten. Der Blutdruck kann gefährlich steigen, Haare wachsen dort, wo sie nicht hingehören, die Hoden schrumpfen, die Aggressionen steigen. Nach einer gewissen Zeit können Anabolika-Konsumenten in depressive Phasen fallen. "Es liegt an der richtigen Dosis", beschwichtigt Meier: "Viele übertreiben es, nehmen viel zu viel. Die brauchen sich dann nicht zu wundern.“ Er bekommt seine Spritzen von einem festen Händler. "Diese kommen aus bekannten Untergrundlabors." Und die machen dann das große Geschäft. Meier sagt: "Ich weiß, dass viele Leute in der Arzneimittelbranche nach Feierabend etwas zusammenmixen und nebenbei gutes Geld machen.“ Es geht um Millionen.

Testosteron

Testosteron ist ein wichtiges Sexualhormon, das sowohl beim Mann als auch bei der Frau vorkommt. Es hat unter anderem eine anabole, das heißt Muskel aufbauende Wirkung. Ferner fördert es dominante und aggressive Verhaltensweisen. Testosteron kann aber auch negative Folgen haben. Herzrhythmusstörungen, Leber- und Nierentumorbildungen sowie die Verschlechterung des Cholesterinspiegels sind nur einige gefährliche Nebenwirkungen. Bei Frauen kann eine künstliche Testosteronzufuhr zu einer Vermännlichung (Stimme, Muskulatur, Gesichtszüge, Behaarung) und Vergrößerung der Klitoris führen.

Er selbst bezeichnet sich als gesund. "Ich lasse mich jährlich durchchecken. Alle Blutwerte sind völlig normal. Die inneren Organe funktionieren perfekt." Und das nach über 30 Jahren Doping. Als abhängig bezeichnet er sich deswegen noch lange nicht. "Nein, nein, nein. Keine Spur. Ich habe das total unter Kontrolle. Wenn ich mich sechs Wochen am Stück vorbereite, mache ich auch sechs Wochen Pause." Er habe auch schon mal acht Jahre ausgesetzt. "Ich kann ohne", sagt Meier, "aber ich will Titel. Und deswegen muss das sein.“

Ein schlechtes Gewissen hat er deswegen auch nicht. Aus seiner Sicht ist der ganze Sport "verseucht“. "Das ist die verlogenste Sache der Welt. Keiner ist sauber. Ich glaube, überall wird gedopt. Vielleicht nicht die Reiter, aber die pumpen dann die Pferde voll.“ Einfluss auf das Doping-Verhalten der Sportler haben aus seiner Sicht auch die Zuschauer. "Die wollen doch beschissen werden. Keiner geht zum Bodybuilding, wenn da nur Fässer rumlaufen. Und keiner rennt zur Leichtathletik, wenn die nicht hoch springen oder schnell laufen." Und deshalb plädiert er für "kontrolliertes" Doping. "Aber nur unter ärztlicher Aufsicht. Sonst ist das zu gefährlich", meint er und beendet das Gespräch. Meier muss trainieren. In wenigen Wochen steht der nächste Wettkampf an.

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