Start zum Berlin-Marathon | Bildquelle: picture alliance / dpa

Auffällige Blutwerte bei Marathonläufern Betrugsverdacht auf den Prachtstraßen

Stand: 08.08.2015 19:30 Uhr

Das Echo nach den jüngsten Doping-Enthüllungen in der Leichtathletik war gewaltig. Experten haben sich nun auch die Medaillen-Gewinner von Marathonläufen angeschaut - und viele gefunden, die schon mal mit verdächtigen Blutwerten aufgefallen sind.

Von Hajo Seppelt und Andreas Spinrath, WDR

Als bester Europäer lief Jan Fitschen beim Berlin-Marathon über die Ziellinie. 40.987 Läufer waren an den Start gegangen. Fitschen lief so schnell wie nie in seinem Leben. Es reichte für Rang 14. Vor ihm: ein Mexikaner, ein Äthiopier, zwei Japaner und neun Kenianer.

Kenia ist die dominierende Nation auf der Langstrecke, das Land beherrscht die Siegerlisten der großen Stadtmarathons in Tokio, London, Boston, Chicago, New York und Berlin. Kein Wunder, sagt Fitschen, der häufig in Kenia trainiert und bald ein Buch über das "Wunderläuferland Kenia" veröffentlicht: "Es ist eine Kombination aus körperlichen Vorteilen, der Höhenluft, aus guter Ernährung und dieser unglaublichen, wirtschaftlichen Motivation." Aber: Wie mehrere andere Staaten hat auch Kenia ein Doping-Problem.

Russland im Fokus

Vor einer Woche wurde die internationale Leichtathletik-Welt durch die Recherchen der ARD-Dopingredaktion und der "Sunday Times" erschüttert. Mit Hilfe zweier international führender Blutdoping-Experten haben die Journalisten eine interne Blutproben-Datenbank des Weltleichtathlektikverbandes IAAF ausgewertet. Und darin Hinweise auf massenhaftes Doping gefunden. Jede dritte Medaille bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen in Ausdauersportarten zwischen 2001 und 2012 wurde demnach von Athleten gewonnen, bei denen mindestens ein Experte einen verdächtigen Wert ermittelt hat. Darunter 55 Goldmedaillen. Die Experten nannten das Ausmaß "systematisch".

Läufer beim Marathon in London | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Besonders die prestigeträchtigen Läufe, wie etwa der in London, stehen im Verdacht

Und ein Vergleich der Werte aus der Datenbank mit den Ergebnissen bei den großen Stadtmarathons zeigt nun: Auch sie sind betroffen. Etwa jede vierte Medaille ist von Athletinnen oder Athleten errungen worden, die in der Datenbank mit verdächtigen Blutwerten auffallen. Besonders bei den prestigeträchtigen Marathons in den USA und London stehen viele Podiumsplätze unter Verdacht.

"Das musste endlich einmal aufgedeckt werden"

Dabei geht es bei weitem nicht nur um Kenianer, auch wenn sie die Mehrzahl der Medaillen erringen. Schaut man gezielt auf die Nationalität der Läufer, ist erneut das skandalumwitterte Russland im Fokus: Bei russischen Athleten haben sogar zwei Drittel der Medaillengewinner nach Einschätzung mindestens eines Experten im Lauf ihrer Karriere mutmaßlich gedopt.

Jan Fitschen, 2006 Europameister über die 10.000 Meter, empfindet die neuen Enthüllungen als positiv für den Sport: "Das musste endlich einmal angesprochen und aufgedeckt werden. Es wundert mich eigentlich, dass es nicht schon viel früher rausgekommen ist."

Die IAAF sah das aber anders. Der Weltverband bestätigte nach den Veröffentlichungen der vergangenen Woche die Echtheit der Dokumente - griff jedoch die Aussagekraft der Doping-Verdächtigungen an. Die hinzugezogenen Blutdoping-Experten Michael Ashenden und Robin Parisotto stehen dagegen weiterhin zu ihren Ergebnissen. Auch beim Thema Stadtmarathons. Robin Parisotto sieht sie in einer Reihe mit Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften: "Für mich gibt es dort starke Hinweise auf Blutdoping."

"Die Kenianer wären sowieso viel besser als alle anderen"

Der beste Europäer des 39. Berlin-Marathon, der Deutsche Jan Fitschen | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Fitschen, einer der besten europäischen Läufer, hofft auf bessere Kontrollen.

Der Weltverband pocht darauf, immer alles in seiner Macht stehende im Kampf gegen Doping getan zu haben. Aber wie will man in Zukunft den systematischen Betrug in Stadien und auf Prachtstraßen verhindern? Wie könnten die Spiele in Rio 2016 sauberer werden?

Fitschen hofft, dass nun die Chancengleichheit durch bessere Kontrollen verbessert wird. "Ich habe mich aber daran gewöhnt, dass ich nie der Beste der Welt sein werde, ein bisschen Realismus ist ja auch dabei."

Ihm geht es vor allem um die kriminellen Systeme hinter dem Doping. Eines würde sich aber wohl nie ändern: "Die Kenianer wären sowieso viel besser als alle anderen - nur die Unterschiede wären vielleicht nicht so groß wie jetzt."

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