WM-Plakat 2006  | Bildquelle: dpa

DFB-Affäre um WM-Vergabe Was ist Märchen, was sind die Fakten?

Stand: 23.10.2015 14:37 Uhr

Welche Geschichte stimmt? Die des "Spiegels"? Oder die des DFB? Und selbst, wenn dessen Chef Niersbach die Wahrheit sagt, das "Sommermärchen" 2006 also nicht gekauft war: Ist der ganze Fall nicht trotzdem ungeheuerlich? Eine Bestandsaufnahme.

Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de

Was denn nun: Hat Deutschland die WM 2006 gekauft oder nicht?

Das ist in der Tat die wichtigste Frage. Bloß: Auch eine Woche, nachdem der "Spiegel" die Affäre ins Rollen gebracht hat, gibt es darauf keine überzeugende Antwort. Die Zweifel an der These, allein die "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer habe Deutschland die WM beschert, sind ja nicht neu.

Der "Spiegel" jedenfalls behauptet, die WM sei gekauft ...

Ja. Vorne im Heft, in den sogenannten "Hausmitteilungen", stand vergangene Woche in der Tat, dass aus dem Verdacht, Deutschland habe die WM gekauft, nun "Gewissheit" geworden sei. In der eigentlichen Geschichte las sich das Ganze dann aber nicht mehr ganz so definitiv. Der Artikel glich eher einem Indizienprozess, an dessen Ende sich der Leser sagte: Okay, es hat eine "Schwarze Kasse" gegeben - also wird daraus auch bestochen worden sein.

Hat es denn die "Schwarze Kasse" zweifelsohne gegeben?

Der "Spiegel" leitet die Existenz einer "Schwarzen Kasse" vor allem aus deren angeblicher Auflösung ab - also aus dem Umstand, dass der DFB das Geld, mit dem die "Schwarze Kasse" angeblich gefüllt war, 2005 über den Umweg FIFA an den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus zurückzahlte ...

... die mittlerweile berühmte 6,7-Millionen-Euro-Überweisung ...

Genau. Wann genau und unter welchen Umständen Louis-Dreyfus das Geld ursprünglich dem DFB zur Verfügung gestellt hat, geht aus dem Artikel nicht hervor. Das einzige, woran der "Spiegel"-Artikel keinen Zweifel lässt: Es soll vor der Entscheidung über die WM-Vergabe im Juli 2000 gewesen sein.

Eine Behauptung, der der DFB entschieden widerspricht.

Ja. Das ist ein ganz entscheidender Punkt bei der Frage, was Fakt ist und was Fiktion. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat auf der Pressekonferenz am Donnerstag erklärt, dass das Geld von Louis-Dreyfus erst 2002 - also zwei Jahre nach der Vergabe - geflossen sei. Wenn das so stimmen sollte, dann würde die "Schwarze Kasse"-These wackeln. Denn wozu gibt es eine "Schwarze Kasse", wenn die Entscheidung, die man mit dem Geld aus der "Schwarzen Kasse" beeinflussen will, bereits gefallen ist. Der frühere DFB-Chef Theo Zwanziger behauptet nun aber, wiederum im "Spiegel", "es ist eindeutig, dass es eine schwarze Kasse in der deutschen WM-Bewerbung gab".

Mal angenommen, es hätte keine "Schwarze Kasse" gegeben. Wäre dann die Kritik am DFB und dessen Präsident Wolfgang Niersbach nicht überzogen?

Nicht unbedingt. Denn selbst wenn sich die Dinge so zugetragen haben sollten, wie Niersbach das dargestellt hat - es wäre trotzdem erstaunlich. Man nehme nur mal Niersbachs Behauptung, das WM-Organisationskomitee habe der FIFA zehn Millionen Franken (das sind umgerechnet die berühmten 6,7 Millionen Euro) zukommen lassen, damit die FIFA dem Organisationskomitee im Gegenzug 250 Millionen Franken zur Verfügung stellt ... Wenn A an B zehn Millionen zahlen soll, damit B an A 250 Millionen zahlt, dann ist das absurd.

Dabei hat sich die FIFA von der Version Niersbachs ja mittlerweile distanziert.

Ja, darin steckt eine ganz eigene Ironie: Jetzt geht selbst die FIFA auf Distanz zum DFB: "Nach heutigem Kenntnisstand wurde keine derartige Zahlung von zehn Millionen Schweizer Franken bei der FIFA im Jahr 2002 registriert."

Sommermärchen gekauft?
Brennpunkt, 16.10.2015

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Wie geht es jetzt weiter?

Niersbachs hat mit seinem Auftritt ganz offensichtlich versucht, die Deutungshoheit über die Vorgänge zurückzugewinnen und so irgendwie sein Amt zu retten. Ob ihm das gelungen ist, erscheint fraglich. Denn es stellen sich ja jetzt ganz neue Fragen.

Zum Beispiel?

Wo sind die Belege für die ganzen angeblichen Zahlungen? Warum in aller Welt hat der DFB die berühmten 6,7 Millionen Euro sozusagen gleich zweimal an die FIFA überwiesen, nämlich 2002 und 2005? Oder mal andersherum gefragt: Warum musste der DFB die FIFA plötzlich um 250 Millionen Franken anbetteln - hatte er sich bei der WM-Planung völlig verkalkuliert? Und weiter: Was sollte die ganze Dreyfus-Nummer überhaupt? Denn: Wenn doch alles mit rechten Dingen zugegangen ist, warum hat der finanziell angeblich so gesunde DFB dann nicht einfach ein normales Bankdarlehen aufgenommen?

Wolfgang Niersbach sagt, persönlich habe er sich nur einen Vorwurf zu machen ...

Genau. Er sagt, er habe im Juni dieses Jahres erstmals "von dem Vorgang" erfahren - und es "versäumt", die übrigen Mitglieder des DFB-Präsidiums zu informieren.

Laut Niersbach kein Stimmenkauf bei WM-Vergabe: P. Sohmer, ARD Berlin, zur PK
22.10.2015

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Darf man ihm das glauben?

Einerseits: Man mag er als ungerecht empfinden, dass sich die ganze Debatte in den vergangenen Tagen derart auf die Rolle Niersbachs verdichtet hat - denn die wesentlichen Protagonisten in der Affäre sind ja andere, Franz Beckenbauer zum Beispiel, der den Deal mit der FIFA eingefädelt haben soll. Nur: Niersbach ist nun mal der DFB-Chef. Er müsste die Vorgänge eigentlich aufklären. Stattdessen beruft er sich bei wesentlichen Fragen immer wieder auf angebliche Erinnerungs- und Wissenslücken. Zum Beispiel steht ja nach wie vor die Behauptung des "Spiegels" im Raum, Niersbach habe die 2005er-Überweisung an Louis-Dreyfus gewissermaßen initiiert. Und was sagt der DFB-Chef? Er könne sich nicht erinnern ...

Aber kann das nicht sein?

Sein kann alles. Aber eigentlich sollte man doch annehmen, dass er sich an einen derart bemerkenswerten Vorgang erinnern müsste. Denn als Sportfunktionär überweist man ja nicht täglich 6,7 Millionen Euro an den ehemaligen Adidas-Chef - und schon gar über den Umweg eines angeblichen Scheinkontos bei der FIFA. Und: Es gibt ja seit Donnerstag noch eine zweite offene Frage, die Niersbach direkt betrifft: Er sagt, siehe oben, er habe erst in diesem Juni "von dem Vorgang" erfahren. Ex-DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt hingegen behauptet, das WM-Organisationskomitee schon 2004 informiert zu haben. Und dem gehörte damals auch Niersbach an. Hinzu kommen jetzt noch die Äußerungen Zwanzigers. Denn der sagt nicht nur, dass es definitiv eine "Schwarze Kasse" gegeben habe, sondern auch: "Es ist ebenso klar, dass der heutige DFB-Präsident davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005. So wie ich das sehe, lügt Niersbach."

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