Schlusslicht: Balzhilfe für den finnischen Mann

Schlusslicht

Schlusslicht

Wie der Tango nach Helsinki kam

Balzhilfe für den finnischen Mann

Der finnische Mann ist schüchtern, sagt man. Nur beim Tango taut er auf. Dann kommt er seiner Partnerin ganz nah und flüstert ihr Liedtexte ins Ohr. Zu verdanken hat er diese Annäherungshilfe nicht etwa den Argentiniern - die Deutschen brachten den Tango vor 100 Jahren nach Helsinki.

Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm

Im finnischen Seinäjoki hat das jährliche Tangofestival begonnen. Es ist eines der größten und bedeutendsten Musik- und Tanzevents des ganzen Jahres. In diesem Jahr dürften die Finnen aber noch leidenschaftlicher tanzen und singen - denn der Tango ist genau vor einhundert Jahren nach Helsinki gekommen.

100 Jahre Tango in Finnland
T. Krohn, ARD Stockholm
11.07.2013 17:55 Uhr

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Was hat es auf sich mit den Finnen und dem Tango? "Der Tango kam mit dem Schiff aus Deutschland", sagt Martti Haapamäki, künstlerische Leiter des Tangofestivals. "Vor genau einhundert Jahren wurde hier im Apollotheater in Helsinki der erste Tango aufgeführt." Schuld an dem Ganzen sind also: die Deutschen.

Ganz dicht, Wange an Wange

Die Finnen waren einigermaßen fassungslos über diesen neumodischen Kram, der ihnen da vorgetanzt wurde. Unmoralisch war das, aber vielleicht gerade deshalb auch irgendwie aufregend und sinnlich. Es war weniger Tanzen, mehr ein Schieben. Ganz dicht, Wange an Wange, die Körper schienen aneinander zu kleben, sogar im Hüftbereich.

So etwas hatten die Finnen noch nie gesehen.

"In irgendeiner Weise passt der Tango halt zu unserer Mentalität in Finnland", sagt Haapamäki. "Wir haben dem Tango aus Argentinien eine eigene, finnische Form verliehen. Wir haben den Tango melancholisch eingefärbt. Finnischer Tango ist immer melancholisch. Und nur ganz selten mal positiv oder fröhlich."    

"Das wird ganz schön geschmachtet"    

Martti Haapamäki muss es wissen. Er erzählt, wie das südamerikanische Feuer im finnischen Eisschrank seinen unverwechselbaren Blues bekam. Die Tonarten wechselten langsam ins dunklere Moll. Slawische Romanzen und deutsche Marschmusik flossen mit hinein. So entstand dieses typisch Finnische im Tango.

"Ja, da wird schon ganz schön geschmachtet", erzählen Jukka und Hanna, die beide seit fünf Jahren den Titel eines finnischen Tangokönigs tragen. Der finnische Mann sei zu schüchtern, sagt Jukka. "Er ist so still und er traut sich einfach nicht, einer Frau bestimmte Dinge zu sagen. Aber sobald der Tango erklingt, will er tanzen." Und dann könne er seiner Partnerin während des Tanzens die Tangotexte ins Ohr flüstern. "Damit sagt er quasi durch die Blume, was er ihr eigentlich sagen möchte, aber halt nicht kann."

Wenn du das beobachtest, kriegst du Gänsehaut

Zehntausende tanzen so in diesen Tagen durch Seinäjokis Straßen. Überall gibt es Tanzshows und Gesangswettbewerbe, das Tangofestival ist das wichtigste Musikevent des ganzen Jahres. Das Fernsehen überträgt live. Finnland sucht den Tangostar – aus über dreihundert Bewerbern wird ausgesiebt, am Ende stehen sechs von ihnen im Finale.

Eine davon ist Mervi Kovero. Tagsüber arbeitet sie in einem Elektronikmarkt. Abends auf der Bühne in Seinäjoki wird sie zur leidenden, leidenschaftlichen Königin des Tango. "Es ist halt ein Tanz Wange an Wange", sagt sie. Das Schönste sei, wenn ein altes Ehepaar Wange an Wange, die Augen geschlossen, einen langsamen Tango tanze – am besten auf der Straße in Seinäjoki. "Wenn man das sieht, das ist fabelhaft", schwärmt sie. "Da kriegst du Gänsehaut, wenn du das beobachtest."

Dieser Beitrag lief am 11. Juli 2013 um 14:54 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

Stand: 14.07.2013 06:01 Uhr

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