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Schlusslicht

Der Mieskuoro  Huutajat

Schlusslicht

Schrei, wenn du Finne bist

Frauen schreien alleine, Männer im Chor. Vor 25 Jahren hat der Finne Petri Sirpiö die Theorie in die Tat umgesetzt: Er hat einen Schreichor gegründet. Heute lärmt die Truppe in Anzug und mit todernster Miene auf Bühnen rund um die Welt.

Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm

Wenn Finnen schweigen, starren, Mücken zählen oder Luftgitarre zupfen, dann stellt sich über kurz oder lang doch die immer gleiche Frage:
Meinen die das wirklich ernst? Diese Finnen hier sind sogar schon im Museum of Modern Art, dem MoMA, in New York aufgetreten. Die Fachwelt klatscht und der Chor der schreienden Männer antwortet mit todernsten Blicken.

Mieskuoro Huutajat aus dem Städtchen Oulu in Nordfinnland ist der "Männerchor der Schreier" - ein Chor, der niemals lacht und so streng zur Sache geht, dass man diese eine Frage denn doch wieder stellen muss: Meinen die das wirklich ernst?

Der Chor der schreienden Finnen
T. Krohn, ARD Stockholm
29.11.2012 11:54 Uhr

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"Schreien ist eine natürliche Wahl"

"Singen war keine Option für uns. Sprechen wäre nicht laut genug gewesen. Schreien ist eigentlich eine sehr natürliche Wahl. Immerhin ist es das Allererste, was man tut, wenn man geboren wird. Meiner Meinung nach ist nichts Seltsames daran", sagt Petri Sirpiö, der aussieht wie aus einem Kaurismäki-Film. Er ist der Chorleiter und Gründer dieses einmaligen Schrei-Ensembles.

Nein, eine irgendwie tiefschürfende Theorie habe er eigentlich nie gehabt, erzählt er. Vor rund 25 Jahren habe er mit Freunden in einer Kneipe gesessen und irgendwann sei ihnen die Idee gekommen, wie es sich wohl anfühle und aussehe und anhöre, wenn 25 Männer in schwarzem Anzug, weißem Hemd und mit schwarzen Gummikrawatten finnische Texte schreien würden. "Da haben wir beschlossen, das mal auszuprobieren", sagt Sirpiö. "Und es fühlte sich gut an."

Der Mieskuoro  Huutajat
galerie

Auftritt von Mieskuoro Huutajat auf dem Tanz- und Folkfestival in Rudolstadt im Jahr 2000

Musik sezieren: von Donauwalzer bis 70er-Pop

Noch überraschender war aber, dass sich auch das Publikum irgendwie gut dabei fühlte. Egal, ob der Chor mit den Gummikrawatten nun beim Roskilde Festival, auf der Biennale in Venedig oder nebenan in der Kneipe zu Hause in Oulu herumbrüllt. "An der schönen blauen Donau" zum Beispiel oder für die Popfans vielleicht etwas von Abbas "Waterloo"?

Schön geht anders, weiß Sirpiö, aber darum geht es ihm nicht. Der Mann seziert die Musik, schneidet die Worte mit einem gnadenlos scharfen Messer heraus und setzt die Fragmente neu zusammen. Seine Männer stoßen die Worte dann nach oben. Niemals schön oder weich. Huutajat klingt hart und verletzend, die Lieder wie von Springerstiefeln zermalmt.

"Wir untersuchen den Kern der männlichen Gesellschaft."

"Frauen schreien auch, zumindest in Finnland. Sie sind wunderbare Schreier, aber sie schreien eher alleine. Männer brüllen auch im Chor, beim Sport zum Beispiel", erklärt Sirpiö. Der Chor sei ein Experiment und eine Parodie dessen, wie eine männliche Gesellschaft klingen könnte. "Wir untersuchen quasi den Kern der männlichen Gesellschaft." Willkommen damit in der Hochkultur.

Das Jubiläumskonzert feiert der Schreichor übrigens zu Hause in der alten Schule in Oulu. Das Gebäude sei nun mal eine schöne "graue Perle der strukturalistischen Brutalität", erklärt der Chorleiter. Ernsthaft? "Um uns wirklich zu verstehen", sagt einer der Sänger, "sollte man doch besser Finne sein."

Stand: 29.11.2012 17:34 Uhr

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